Kann man Fotografie wirklich unendlich reproduzieren? Ein Plädoyer für den Vintage Print

Ist man im Besitz des Negativmaterials bzw. der digitalen Datei, ist Fotografie unendlich reproduzierbar. Diese Annahme wird keiner künstlerischen Disziplin so oft unterstellt wie der Fotografie. Findet sich in der Sammlung ein stark verblichenes Vintage C-Print und man ist gleichzeitig im Besitz des Negativmaterials, könnte man denken „das kann man doch noch einmal neu abziehen“. Doch ist dies wirklich so? Sind die ursprünglich vom Kunstschaffenden autorisierten Abzüge bzw. Prints so einfach wiederherzustellen?

Die Fotografierenden wählen bei ihren Abzügen bzw. digitalen Prints bewusst eine bestimmte Materialität, damit ein fotografisches Verfahren und ein definiertes Produkt, um eine gewisse gewünschte Ästhetik zu erzielen. Exakt diese Materialien sind beim ursprünglichen durch den Künstler autorisierten Printen erhältlich, doch wenige Jahre später kann sich dies schon ganz anders verhalten. Materialien werden nicht mehr produziert und Verfahren eingestellt. Ein prominentes Beispiel stellt hier das Silberfarbstoffbleichverfahren Ciba- bzw. Ilfochrome dar, das im Jahre 2012 endgültig eingestellt wurde. Neue Abzüge sind damit schlicht und einfach nicht mehr herstellbar. Noch schneller schreitet die Entwicklung im Bereich des Digitaldrucks voran, um immer beständigere Prints fertigen zu können. Inkjet-Substrate die heute problemlos zu beziehen sind, können in wenigen Jahren schon wieder vom Markt verschwunden sein. Ähnlich verhält es sich auch mit Retuschen, analog wie digital. Machen diese ein Werk streng genommen nicht zum Unikat?

Oftmals wird darüber hinaus vergessen, dass auch Negative einem Alterungsprozess unterliegen, da sie meist unmittelbarer Bestandteil des fotografischen Verfahrens sind. So ist bei einer chromogen entwickelten Farbfotografie auch das Negativmaterial in diesem Verfahren entstanden und unterliegt dementsprechend ebenso Alterungsprozessen wie der Print. Auch wenn das Negativmaterial im Kühldepot lagert, werden sich selbst hier im Laufe der Zeit Farbveränderungen einstellen, die man bei einer späteren Reproduktion auch mit abbilden würde. Noch schwieriger verhält es sich mit „digitalen Negativen“ als Ausgangsmaterial für einen Print, deren Langzeitarchivierung eine wahre Herausforderung darstellt. Digitale Dateien sind bestenfalls auch zukünftig zugänglich, sofern diese entsprechend migriert und gesichert werden.

So lange der Urheber eines Werkes noch lebt und die Materialität seiner Werke selbst bestimmt, scheint die Fragestellung der ursprünglich intendierten Materialität weniger problematisch. Schwieriger gestaltet es sich später, wenn z.B. im Rahmen von Künstlernachlässen über ein Neuprinten entschieden werden muss. Oftmals wird hier versucht, der originalen Ästhetik eines Werkes so nah wie möglich zu kommen. Schon allein aus juristischen Gründen ist es unerlässlich den „Modern Print“ oder die „Exhibition Copy“ langfristig klar zu kennzeichnen und zu dokumentieren. Tut man dies nicht, wird vermutlich in mehreren Jahrzehnten ohne materialtechnische Analysen nicht mehr klar erkennbar sein, ob es sich um ein Original oder eine unbewusste „Fälschung“ handelt.

Wenn beim Neuprint auch die Bilder und die Ästhetik dem Original gleichen, muss man doch konstatieren, dass die Materialität bei einem späteren Abzug oft etwas vollkommen Anderes ist. So lange dies klar erkennbar bleibt, haben auch wir RestauratorenInnen kein Problem damit.

 

Kristina Blaschke-Walther

…ist Restauratorin für Fotografie am Sprengel Museum Hannover

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