Arne Schmitt: Ein neues, poröses Buch des Kölner Fotografen

Südwestlich von Koblenz und bis kurz vor die Grenze nach Luxemburg liegt ein besonders dunkler Landstrich. Wenn man so spricht, ist der Vulkaneifel, die ich damit meine, kein Unrecht getan. Denn wohl kaum eine Gegend in Deutschland dürfte so sichtbar vom Basalt geprägt sein wie die Region nördlich der Mosel.

Es ist kein Zufall, dass dieses Gestein seit jeher die Phantasie angeregt hat – zu vielfältig sind seine Formen und zu auffällig ist sein charakteristischer dunkler Ton. Am Ende des 18. Jahrhunderts stand er sogar im Mittelpunkt einer veritablen Kontroverse: Beim so genannten „Basaltstreit“ stellten Geologen die Grundsatzfrage nach der Entstehung der Erde. Dabei ist Basalt, ganz pragmatisch betrachtet, zunächst einmal vor allem eines: ein ungewöhnlich harter Stein, mit dem sich zum Beispiel Mahlsteine herstellen lassen und der sich wetterbeständig verbauen lässt. Gerade hiervon haben die Menschen in der Eifel jahrhundertelang gelebt.

„Basalt“ heißt das soeben bei Spector Books erschienene jüngste Fotobuch des Kölner Fotografen Arne Schmitt. Und auch er stellt (unter Abzug jedes Streits) anhand von Basalt eine Grundsatzfrage: Wie lässt sich, mit den Mitteln der Fotografie, über die Identität einer Region nachdenken? Wer Schmitts ältere Arbeiten – etwa die Fotobücher „Wenn Gesinnung Form wird“ (2012) oder „Die neue Ungleichheit“ (2015) – kennt, der weiß, dass heimatkundliche Tümelei von ihm nicht zu erwarten ist. Wie bereits in seinen früheren Recherchen geht es ihm auch in „Basalt“ um eine analytische Zergliederung unserer eigenen Gegenwart. Schmitts Verfahren ähnelt einer physiognomischen Lektüre: Präzise fotografische Erfassung bildet die Grundlage einer Betrachtung, die anhand der Präsenz bestimmter Formen den Versuch unternimmt, zeitdiagnostische Aussagen zu treffen.

Es fällt auf, dass Arne Schmitt gegenüber den beiden genannten älteren Fotobüchern in „Basalt“ den zeitlichen Bezugsrahmen beträchtlich erweitert hat. Hatte er zuvor zur bundesrepublikanischen Nachkriegsarchitektur sowie zu „neoliberalen Architekturen“ gearbeitet, so werden im neuesten Buch deutlich ältere Zeitschichten freigelegt. Mit dem Untertitel „Ursprung, Gebrauch, Überhöhung“ sind drei Schritte vorgegeben, die Schmitt in insgesamt 171 Abbildungen nimmt: vom Abbau und der Bearbeitung des Basalts über seinen Einsatz als Werkstoff bis hin zu seiner zeichenhaften Aufladung. Anders gesagt: vom Steinbruch über Mahlstein und Mauerwerk bis hin zu Kriegerdenkmal und Kunst im öffentlichen Raum. Mit einer solchen Passage von der Phänomenologie der sichtbaren Welt zur Interpretation ihrer kulturellen Aneignung geht Schmitt weit über das hinaus, was fünfzig Jahre vor ihm Albert Renger-Patzsch in seiner auf den ersten Blick so verwandten Sammlung „Gestein“ (1966) angelegt hatte.

Noch bis zum 8. Juli zeigt der Bielefelder Kunstverein Arne Schmitts „Basalt“-Serie in einer sorgfältig eingerichteten Version für den Ausstellungsraum. Die Räume des Kunstvereins sind für die Präsentation dieser Arbeit bestens geeignet, denn gerade wie auch im Fotobuch wird die Fülle der Bilder in unauffälliger Akzentuierung ausgebreitet. Wer es so schnell nicht mehr nach Bielefeld schafft, sei auf den hervorragend gedruckten Band verwiesen, der die haptische Qualität des porösen Basalts nicht allein anhand des rauen Umschlags luzide vermittelt, sondern sich auch im Inneren angemessen spröde zeigt: Nichts anderes als ganz- und halbseitige Abbildungen finden sich hier (einige wenige werden auch über die Falz gezogen), mit WeißRaum wird überaus sparsam umgegangen, drei kurze Absätze auf der Rückseite des Umschlags sind für dieses Mal der ganze Text.

Arne Schmitt, Basalt. Ursprung, Gebrauch, Überhöhung, Leipzig: Spector Books 2018

Steffen Siegel

… unterrichtet als Professor für Theorie und Geschichte der Fotografie an der Folkwang Universität der Künste in Essen und leitet dort den wissenschaftlichen Master-Studiengang „Photography Studies and Research“

 

 

BU: Arne Schmitt, O.T., aus der Arbeit: Basalt. Ursprung, Gebrauch, Überhöhung, 2018. Courtesy der Künstler und VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

83 − = 76