Wo endet die Fotografie? Polemische Bemerkungen zu Technik-Problemen konservativer Liebhaber

Vor kurzem begegnete mir ein Besucher in einer Ausstellung, der nach dem Blick auf das begleitende Schildchen sagte „Inkjet-Print – das ist doch gar kein Foto!“ und sich abwandte. Dem kann man natürlich entgegnen, dass sich die Bildentstehung einer Kamera verdankt – also ist es Fotografie! Oder?

Was aber sagt man, wenn man diverse Arbeiten von Thomas Ruff vorstellt, die bekanntlich „kameralos“, nur am Bildschirm eines Computers entstanden und dann ebenfalls nicht in der Dunkelkammer entwickelt sind? Ist das noch Fotografie, weil Ruff als bereits etablierter Fotograf in den Kanon der Disziplin eingezogen ist? Oder ist das keine Fotografie mehr, weil es weder in der Entstehung noch im Bildherstellungsverfahren etwas mit Fotografie zu tun hat? Und was soll es dann sein? Oder aber ist die Frage vielleicht schon ganz falsch gestellt, weil sie von einem völlig antiquierten essentialistischen Verständnis von Fotografie ausgeht?

Mir ist das, ehrlich gesagt, ziemlich egal. Diese medienspezifische Trennung ist eine Haltung, die mich als Freund von Bildern nicht mehr wirklich interessiert. Als Kunsthistoriker würde ich darauf verweisen, dass die selbstreferentielle Medienreflexion in den 90er Jahren ihren letzten Höhepunkt erlebte, als es nämlich darum ging die künstlerische Dimension des Fotografischen diskursiv-künstlerisch zu begründen. Schon damals argwöhnten die alten Foto-Freunde, die gar nicht Kunst, sondern Fotografie sehen wollten. Diese Liebhaber einer alten Fotografie brummten – ohne zu reflektieren, dass sie es sich lediglich in ihrem selbstgewählten Exil bequem machten: Die Romantik der Marginalisierung! Ist die Fotografie also das Refugium für gesellschaftlich Enttäuschte, die zum politischen Protest zu schwach sind und am staatlich wohl subventionierten Rand langsam konservativ werden?

Zugegeben: die „alt“-„neu“-Dichotomie führt nur zu polemischen Gefechten. Dennoch möchte ich entscheiden dafür eintreten, dass Fotografie kein Wert an sich ist – auch nicht in der Kunst! Natürlich arbeiten die Museen und Hochschulen nach wie vor mit Gattungs-Differenzen. Das ist in mancherlei Hinsicht (z.B. bei der Pflege) auch sinnvoll und letztlich tut dieser Blog das als ein Foto-Blog ja auch. Aber muss man deshalb schon das Medium als solches verteidigen? Gute künstlerische Bilder sind solche nicht, weil sie malerischen, zeichnerischen oder fotografischen Ursprungs sind, sondern weil sie als Bilder gut funktionieren! Was das konkret heißt, muss man dann im Einzelnen begründen und sofern dies gelingt, spricht man bereits automatisch über Fragen der Qualität.

In der Tat stellen sich bei Zeichnungen andere Fragen als bei Fotografien, aber es kann nicht umgekehrt heißen, dass etwas gut oder schlecht ist, weil es der Fragestellung eines bestimmten Mediums zugeschrieben wird. Konkret gesagt: Ein Inkjet-Print ist nur dann interessant, wenn er bildliche Fragestellungen aufruft, die ohne ihn nicht gestellt werden könnten. Wenn das nicht gelingt, dann hat der „Künstler“ einen „Fehler“ gemacht. Und mal Hand auf’s Herz: Wer erkennt schon in jedem Fall den Unterschied zwischen einem C-Print und einem Inkjet-Print, wenn er/sie nicht mit restauratorischer Ausrüstung bewaffnet ist? Ein Bild ist jedenfalls nicht gut oder schlecht, weil es in einer bestimmten Technik entstanden ist. Wer es anders sehen mag, der sollte das „Ende der Fotografie“ ausrufen und sich der Melancholie vergangener Zeiten hingeben. Ein zeitgenössisches Museum ist dafür kein Ort.

Stefan Gronert

…ist Kurator für Fotografie am Sprengel Museum Hannover

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