4 Fragen an…Alexander Hagmann

Du bist nach Deinem Studium in Dortmund ausgebildeter Fotograf, agierst gleichzeitig als Kurator und durch Deine multimediale Plattform „dieMotive“ inkl. Podcast, Newsletter, Ausstellungskalender etc. als eine Art Marketing-Promoter für zeitgenössische Fotografie. Wie verstehst Du Deine Rolle in der Foto-Szene?

Ich habe nie wirklich über meine Rolle nachgedacht. Vor dem Studium habe ich eine Ausbildung zum Mediengestalter in einer Werbeagentur gemacht und danach als Grafiker in einem lokalen Zeitungsverlag gearbeitet. Dass ich diesen Job nach 3 Jahren gegen das Fotografiestudium eingetauscht habe, lag nicht nur an meinen mittelmäßigen gestalterischen Fähigkeiten. Ich hatte schon vor dem Studium als Assistent eines Werbefotografen gearbeitet und schon immer ein Faible für das fotografische Bild gehabt.

Was dabei herausgekommen ist, wird mittlerweile eher diffuser als klarer. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich eine benennbare Rolle spiele. Auch wenn es so scheinen mag, geht mein Interesse weit über die zeitgenössische Fotografie hinaus. Ich bin neugierig auf jede Form der fotografischen Bildgebung, aber Marketing-Promoter für zeitgenössische Fotografie kann man so stehen lassen. Manchmal nenne ich es auch Vermittler. Um es noch etwas allgemeiner zu definieren, leihe ich mir wieder gerne Miriam Zlobinskis Selbstbeschreibung aus: Fotolobbyist. Nur Kurator bin ich eigentlich nicht. Nach dem Studium an 1,5 Ausstellungen mitzuarbeiten, reicht bei weitem nicht für diese Bezeichnung. Das wäre mir unangenehm.

 Vor allem in Deinen Texten provozierst Du gern, so zuletzt mit dem Beitrag „Mit dem Sandsack vor dem Serverraum. Ich habe oft den Eindruck, als wären die Positionen in öffentlichen Debatten zur Fotografie, abgesehen vielleicht mal von dem „Perlentaucher“ Peter Truschner, allgemein ziemlich stromlinienförmig und schätze deshalb Deine sehr eigenständigen Beiträge – selbst wenn ich nicht immer 100%ig Deiner Ansicht bin. Wie würdest Du die Diskussions-Kultur in der „Foto-Öffentlichkeit“ beschreiben?

Wenn der Eindruck entsteht, ich würde gerne provozieren, so muss ich diesen Eindruck korrigieren. Ich sehe es nicht als bewusste Provokation an, wenn ich etwas abseitige Einschätzungen (manchmal sogar mit einem Schuss Ironie) schreibe. Ausgerechnet Peter Truschner als Vergleich/Beispiel anzuführen, würde ich hingegen schon als Provokation verstehen, da dieser ganz bewusst öffentlich provoziert und auch nicht davor zurückschreckt, Menschen persönlich und namentlich zu kritisieren. Leider viel zu oft aus völlig undurchsichtigen Motiven und nur um der Provokation willen. Plausibilität ist da auch eher selten zu finden. Das finde ich sehr fragwürdig. Wer auch immer das gerne beklatscht, mag dann gerne darauf warten, einmal selbst von Truschner angegriffen zu werden. Vielleicht wird dann klar, dass es dem „Perlentaucher“ nur darum geht, möglichst viel Lärm zu machen. Denn sonst würde er sich vielleicht selbst einmal für etwas einsetzen. Ich sehe mich da fast diametral entgegengesetzt. Sollte ich mich hier völlig falsch einschätzen, muss ich wohl ernsthaft über meine Form der Vermittlung nachdenken.

Die öffentlichen Debatten in der Fotografie sehe ich nicht ganz so stromlinienförmig. Es gibt sicher genug unterschiedliche Positionen, die sich zu Wort melden, online wie offline. Manche lauter, manche leiser. „Photonews“ ist hier sicher ein gutes Beispiel.

Was ich wirklich sehr vermisse, ist eine Diskussionskultur, die nicht nur kritisiert, sondern daraus auch die Motivation zieht, selbst etwas zu verändern. Mit dem Finger auf vermeintlich Schlechtes zu zeigen ist das eine, gut wird es, wenn man daraus etwas Positives machen kann. Dass es in Essen nun eine Fusion zu einem Zentrum für Fotografie gibt, ließe sich zum Beispiel sicherlich auf mehreren Ebenen kritisieren. Aber warum sollte man sich die Mühe machen? Wenn sich Menschen/Institutionen zusammentun und gemeinsam Verantwortung für etwas übernehmen, ist das immer zu begrüßen und es wird etwas Gutes dabei herauskommen. Jede größere Stadt, die sich gerne mit dem Label „Fotostadt“ (was auch immer das sein mag) schmückt, sollte sich mit gesenktem Haupt ein Beispiel nehmen. Leute, macht einfach mal was zusammen, ohne nur den eigenen Vorteil zu suchen.

Fotografierst Du eigentlich selbst noch mit „Anspruch“ (also abgesehen von mehr oder weniger privaten dokumentarischen Aufnahmen) – und falls nicht: welche Bildformen sind für Dich aktuell state-of-the-art?

Tatsächlich fotografiere ich hin und wieder noch in Form von Auftragsfotografie. Meistens sind das Mitarbeiterportraits, redaktionelle Portraits oder auch Stillleben für Werbezwecke. Da ich damit aber selten an die Öffentlichkeit gehe, weiß das kaum jemand. Aber ja, ich mache das mit einem gewissen Anspruch und irgendwo muss die monetäre Vergütung ja herkommen. Für mich ist Fotografie ganz im Allgemeinen eigentlich immer noch state-of-the-art.

Gibt es eine Ausstellung und/oder eine neue künstlerische Position, die Dich zuletzt richtig begeistert hat? Und wenn ja: welche?

Künstlerische Positionen, die mich in den letzten Jahren überrascht haben oder mir in Erinnerung geblieben sind: Silvia Rosi, Daniel Wagener, Marguerite Bornhauser, Sophie Meuresch, Lilly Lulay oder auch Alex Grein. Die Liste ist nach allen Seiten offen und lässt sich nur schwer eingrenzen. Ich bin zum Beispiel auf die nächsten Arbeiten von Moshtari Hilal genauso gespannt wie auf die von Andrzej Steinbach.

Zuletzt hat mir die Ausstellung „Schweinebewusstsein“ im Sprengel Museum sehr gut gefallen. Auch „Size Matters“ im Kunstpalast Düsseldorf hat mich sehr positiv überrascht. Beides habe ich auch schon hinreichend öffentlich gemacht. Gleichzeitig hoffe ich darauf, „The Saga of Inventions“ irgendwo wieder sehen zu können. Die war 2019 in Arles zu sehen und ich war ganz hingerissen von dieser Archiv-Ausstellung. Aber eigentlich warte ich schon seit meinem ersten Blick auf eine Chronofotografie auf eine große Retrospektive zum Werk von Étienne-Jules Marey. Da würde ich auch gerne Kurator sein.

Mit bestem Dank an…

Alexander Hagmann

…ist (selbst ernannter) Foto-Lobbyist…

BU: Foto: Michael Schwarze

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