Wie man einen kuratorischen Flop inszeniert. Eine umfangreiche Retrospektive von Diane Arbus in Arles

Die amerikanerische Fotografin Diane (1923-1971) verkörpert sicherlich eine der zeitgemässesten Positionen unserer Kultur. Ihr Interesse an exzentrischen oder sozial marginalisierten Personen beglückt eine moralisch vielfach hypostasierte, in seiner beruflichen Praxis sodann vielfach leider unveränderte Haltung, die sich besonders in der Blase der gegenwärtigen Kulturindustrie selbst feiert. Dementsprechend darf man sich glücklich schätzen, wenn man in der Besucher*innenschlange vor der Retrospektive der LUMA Foundation im französischen Arles lediglich 15, anstatt der ansonsten oft 45 Minuten verbringen muss. Ein Publikumserfolg!

Und das Warten lohnt sich auf jeden Fall, allein schon – um es vorwegzunehmen – um zu erfahren, was man bei einer wichtigen Ausstellung kuratorisch alles falsch machen kann. Doch führen wir uns vorab zunächst einige Grundlagen vor Augen: Nachdem im vergangenen Herbst die New Yorker David Zwirner Gallery eine spektakuläre Rekonstruktion der erfolgreichen Arbus-Ausstellung aus dem Jahre 1972 mit 113 Werken präsentiert hat, lässt sich die LUMA Foundation bei ihrer Feier zum 100. Geburtstag der Amerikanerin nicht lumpen und annonciert die größte Arbus-Retrospektive aller Zeiten.

Da staunt selbst die deutsche Tagespresse (FAZ), übersieht aber allzu nonchalant grundlegend misslungene Pointen dieser Ausstellung. Denn spätestens wenn wir nun in den Vorraum des kühlen Ausstellungsraumes gelangen, wird unser erwartungsfrohes Erstaunen mit zwei ausführlichen Texten zu der „Constellation“ untertitelten Präsentation zumindest irritiert. Vielleicht hat man sich schon in der Warteschlange gewundert, warum das bereits übersättigte Publikations-Angebot zu Arbus hier nicht mit einem weiteren Coffee table-Ausgabe oder gar mit neuen Forschungsbeiträgen bereichert wird? Und – viel gravierender – warum die Ausstellungsdauer mit einem „offenen Ende“, respektive überhaupt nicht annonciert wird? Die museal sensibilisierten Kurator*innen werden an dieser Stelle bereits leicht nervös…  

Zurück zum in der provencalischen Hitze dankenswert kühlen Vorraum, in dem wir in den Wandtexten kaum biografische oder andere fotohistorische Informationen, jedoch in aller Bescheidenheit einiges über die Herkunft der im Folgenden ausgestellten Werke erfahren: „After Diane Arbus’s death in 1971, Neil Selkirk – a student of hers and an advisor to her on certain technical issues – began printing for the Arbus Estate and is the only person, since the artists’s death, authorized to make prints from her negatives. Over the course of more than thirty years, Selkirk retained a single printer’s proof of those images. In 2011 LUMA acquired Selkirk’s set of printer’s proofs. This collection is in itself a monument to the history of photography.“ – Eine bemerkenswerte Vorgehensweise vor dem Hintergrund der aktuellen deutschen Diskussionen um ein Foto-Institut und dessen konservatorischen Aufgaben.

Trotzdem uns also in Arles keine der in Foto-Kreisen heilig beschworenen Vintage Prints beglücken, wird die historische und auch materialtechnische Differenz bzw. der Zeitpunkt der Reprints in den Bild-Legenden hier kurzerhand unterschlagen – ein zwar leider nicht komplett unübliches, kuratorisch aber dennoch fragwürdiges Verfahren. Diese Bild-Legenden werden in einem 36-seitigen Hand out vermittelt, in dem Titel und ursprüngliches Entstehungsjahr des jeweiligen Bild-Motivs ablesbar sind und bereits vor dem Eintritt in den großen Ausstellungsraum durch die fortlaufende Nummerierung der Auflistung schwer beeindrucken: Die keinerlei erkennbarer Ordnung folgende Liste endet mit der sagenhaften Nummer 455! Etwa ein Drittel davon sei noch nie zuvor gezeigt worden, erfahren wir.     

Der Wandtext erläutert überdies noch vor der Besichtigung das kuratorische Konzept: „What, like dark matter, keeps all of these photographs in equilibrium and connects them to each other – the spider’s web. The concept of a constellation occurred to us as a structure capable of presenting both the images and the imperceptible architecture underlying all creations: chance, chaos, and exploration. Thus, there are no tour directions or instructions for Constellation. Like Diane Arbus in New York, the viewer is invited to wander, pass by, go around and across. There isn’t a standard route, but an infinite number of possibilities. Visitors can each create their own unique experience in this unconventional and original presentation.“ 

Diese Befreiung der Betrachtenden – „Selbstermächtigung“ könnte man es neumodisch nennen – funktioniert jedoch leider praktisch überhaupt nicht: im Gegenteil! Die erschlagende Masse der Bilderflut ist nicht originell, sondern mündet in eine belanglose Indifferenz, welche nach wenigen Minuten der Erfahrung der besonderen Sprengkraft von Arbus Bildern mehr schadet als hilft. Das hat sowohl mit der Art des kuratorischen Konzeptes, aber auch mit seiner Umsetzung zu tun. Wie sich das zeigt? Die Bilder sind zunächst an einem frei im Raum platzierten Gestängen angebracht. Wie sie dort befestigt sind, bleibt unklar. Unübersehbar ist der Umstand, dass die Rahmen-Rückseiten vollflächig mit einem Spiegel verklebt sind. Sofern also auf der Rückseite kein anderes Bild hängt, sieht man sich dort als Betrachtende vorzüglich selbst, darf sich also dem sozialen Kosmos der von Arbus verfolgten Welt selbst zugehörig fühlen. Oder wozu sonst mögen mit ausdünstendem Klebstoff fixierte Spiegel führen? Fragen wir mal die Foto-Restaurator*innen um Rat, die freilich nicht allein von der annoncierten Ausstellungsdauer, sondern auch von der nicht geringen Beleuchtungsstärke der Präsentation schockiert sein dürfen. 

Der Modus des Spiegelstadiums setzt sich auch auf einer anderen Ebene fort. Denn es ist nicht allein jedes einzelne der 455 Bilder, sondern zudem noch einmal eine komplette Wand des großen Ausstellungsraumes, die ganzflächig verspiegelt ist und so das Konzept der „Konstellationen“ perpetuiert! Eine große, eine beinahe unüberschaubare Präsentation. – Kurze Zwischenfrage: Hatte nicht einst Adorno den hier in eine haltlose, da unübersichtliche Beliebigkeit mündenden Begriff auf eine wirklich hilfreiche (!) Weise fruchtbar gemacht?

Und weiter auf der Ebene der Umsetzung des als „originell“ selbst deklarierten kuratorischen Konzeptes: Das tragende Gerüst des Spinnennetzes der Ausstellung kollabiert auch auf der Ebene der gegenwärtig in vielerlei Hinsicht so beschworenen „Nachhaltigkeit“. Während sich manche Museen selbstzufrieden rühmen ihre (in unzureichender Architektur wohl erforderlichen) Einbauwände mehrfach wieder zu verwenden, ignoriert man dieses Thema in Arles und konstruiert stattdessen das erwähnte tragende Gestänge auf der Basis von schwarz gespritzten, rechteckigen Metallröhren. Nun ja, vielleicht wird die machtvolle Geste einer kapitalkräftigen Kunst-Institution die Freude bei der Entsorgung dieses wohl kaum sachgerecht recycle-baren Materials vergessen machen – wer weiß.

Kommen wir abschliessend zu den bei jeder Ausstellung zu erhoffenden inhaltlichen Einsichten, von denen bislang in dieser Ausstellungskritik noch nicht die Rede war: Haben wir also in den präsentierten Konstellationen etwas Neues über das Werk von Diane Arbus lernen können?  Falsch gestellte Frage, denn dieses Thema steht in Arles (siehe oben) offenbar nicht auf der Agenda. Die beinahe schon peinlich banal klingende Opposition von Masse vs. Klasse greift in der LUMA Foundation tatsächlich. Schade, nein: tragisch, denn die ikonische Anziehungskraft der Bilder von Arbus wäre in einer mehrteiligen, schlicht inszenierten Präsentation zweifellos deutlich geworden und hätte vielleicht sogar zu neuen Fragen an das Werk einer Fotografin vor dem zeitgeschichtlichen Horizont der zweiten (oder bereits dritten?) Welle des Feminismus führen können. Eine, man muss es leider in dieser Deutlichkeit sagen: kuratorisch selten dämlich vertane Chance! 

Stefan Gronert

…ist Kurator für Fotografie am Sprengel Museum Hannover 

 

BU: BS, LUX

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