Was bitte ist ein “Truth Table”? Adrian Sauer und das Digitale im Sprengel Museum Hannover

Mal wieder etwas in eigener Sache, was ja nicht so oft geschieht: Am 13.10. eröffnet das Sprengel Museum in seiner großen Wechselausstellungshalle die Ausstellung Truth Table des Leipziger Fotografen Adrian Sauer. Er erhält den im zweijährigen Rhythmus vergebenen SPECTRUM-Fotopreis.

Mit der Verleihung von “SPECTRUM Internationaler Preis für Fotografie” im Jahre 2023 an Adrian Sauer würdigt die Jury, bestehend aus Lavinia Francke (Stiftung Niedersachsen), Laetizia Ragaglia (Kunstmuseum Liechtenstein), Dr. Esther Ruelfs (Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg), Dr. Stefan Gronert (Sprengel Museum Hannover) und Prof. Dr. Steffen Siegel (Folkwang Universität der Künste, Essen), einen Künstler, der sich in seinen Arbeiten seit zwei Jahrzehnten auf ebenso originelle wie kritische Weise mit dieser bemerkenswerten Entwicklung des Mediums Fotografie befasst. Sauer beleuchtet die gesellschaftlichen Folgen dieses technologischen Umbruchs aus künstlerischer wie auch aus technischer Sicht. In seinen Arbeiten spielt er mit Parametern wie der Anordnung und Verteilung der Farbpixel oder verfremdet seine Motive so weit, dass am Ende nicht ohne weiteres erkennbar ist, ob das Motiv tatsächlich fotografiert oder mithilfe Künstlicher Intelligenz erstellt wurde. Beides ist bei ihm möglich, denn gleichzeitig generiert er mit digitalen Möglichkeiten und selbst geschriebenen Algorithmen auch Bilder, die von konventionellen Fotografien kaum zu unterscheiden sind.

Der SPECTRUM Internationaler Preis für Fotografie der Stiftung Niedersachsen wird seit 1994 an herausragende zeitgenössische Fotokünstler*innen vergeben. Er ist als eine Reminiszenz an die Ausstellungstradition der 1972 in Hannover gegründeten Spectrum Photogalerie zu verstehen, die, bevor sie 1979 in das neu eröffnete Sprengel Museum integriert wurde, einen der frühesten Präsentationsorte für Fotografie darstellte. Alle bisher mit dem SPECTRUM-Preis ausgezeichneten Künstler*innen, darunter Zanele Muholi (2021), Fiona Tan (2019), Rineke Dijkstra (2017), Helen Levitt (2008), John Baldessari (1999) und Thomas Struth (1997), haben mit ihren fotografischen Positionen einen wichtigen Beitrag zur immer noch jungen Geschichte der künstlerischen Fotografie geleistet und damit die Kanonbildung in ihrer Kunstsparte vorangetrieben.

Und diesmal erhält ihn eben der neue Bielelfelder Foto-Professor Adrian Sauer. Aber “Truth Table” – was war das noch gleich? Der Ausstellungstitel ist angelehnt an die in der Mathematik verwendeten Wahrheitstabellen, die dazu verwendet werden, um den Wahrheitsgehalt von logischen Aussagen zu überprüfen. „Truth Table” spielt auf eine binäre Denkstruktur an, bei welcher Informationen in sich ausschließende Kategorien sortiert werden – ähnlich dem Binärcode, bei dem es nur die Optionen 0 und 1 gibt – dazwischen existiert nichts. Sauer setzt dies bildlich um – wie, wird hier nicht verraten oder lediglich mit dem Hinweis auf ein Podest mit liegenden Bildern.

In diesen Table in der Ausstellung buchstäblich eingebettet ist eine Soundarbeit aus dem Jahr 2019/2023 mit dem Titel „Fotografieren ist“, bei der man am Anfang hört:

Fotografieren ist eine Sprache, um nachzudenken.

Fotografieren ist keine Sprache, um nachzudenken.

Fotografieren ist keine Sprache, um nicht nachzudenken.

Fotografieren ist eine Sprache, um nicht nachzudenken.

Sehr viele Rätsel? Hört sich zumindest so an, aber das im Spector Verlag erschienene Künstlerbuch mit einem ausführlichen Beitrag von Steffen Siegel hilft einem sicher auf die Sprünge – falls man denn nicht die Ausstellung bis zum 7. Januar selbst sehen will.

 

ABB. Adrian Sauer, aus: 16.777.216 Farben in unterschiedlichen Anordnungen (Truth Table), 2023

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