4 Fragen an…Bernd Stiegler

Du bist vermutlich der eifrigste Publizist zur Theorie und Geschichte der Fotografie – obwohl Deine Professur als Neuere deutsche Literatur mit Schwerpunkt 20. Jahrhundert im medialen Kontext an der Universität Konstanz deklariert ist. Einige Bücher sind längst Standardwerke der Foto-Geschichte. Wo siehst Du die Schnittstellen zwischen Bild und Text? In der fotografischen Praxis einer bestimmten Zeit mögen sie ja angelegt sein, aber Dein Interesse geht ja doch weit über diese Zeit hinaus… 

Danke für das Kompliment! Aber das gibt es wirklich noch andere! Aber huschhusch zur Frage: Wir haben in Konstanz einen Studiengang, der mit LKM (Literatur-Kunst-Medien) eine Text-Bild-Medien-Trias bespielt, bei der es zwar nicht immer, aber doch sehr oft um Schnittstellen zwischen Text und Bild geht. Ich unterrichte in allen drei Bereichen und bin daher keineswegs auf die Literatur beschränkt, auch wenn ich von Haus aus ein habilitierter Germanist bin. In meiner Habil ging es aber bereits um Literatur und Fotografie im 19. Jahrhundert. Meine Interessen in Forschung und Lehre liegen dabei im 19. und 20. Jahrhundert und folgen meist einem eher kulturwissenschaftlichen und manchmal auch -historischen Impetus. Wenn ich so etwa ein Buch über Nadar oder Rejlander schreibe, so geht es mir nicht nur um zwei „nationale“ (Frankreich und England) bzw. „regionale“ (Paris und London) fotografische Felder, sondern auch um unterschiedliche Ansichten der frühen Moderne in den beiden großen europäischen Zentren. Oft überschneiden sich die Felder auch ganz natürlich, so etwa bei einem Seminar über Konkrete Kunst, das selbstverständlich Bildende Kunst, Literatur, Fotografie und eben auch Theorie berücksichtigt. Aktuell arbeite ich an einer digitalen Edition des „Livre d’Or“ von Nadar, seinem Gästebuch, das er mit der Gründung seines ersten Fotoateliers 1853 anlegte und in dem über 400 fast durchweg berühmte Personen der Zeit ihre Einträge vorgenommen haben. Das sind natürlich Schriftsteller wie Baudelaire, Gautier oder Nerval, aber auch Künstler, Komponisten, Karikaturisten und viele andere mehr. Die Schnittstelle ist daher oft bereits historisch vorgegeben. 

Konstanz liegt nicht am Nabel der fotografischen Produktion, die ich eher in Leipzig, Berlin, Düsseldorf und Essen verorten würde. Vielleicht widersprichst Du mir schon mit dieser Einschätzung, aber meine Frage zielt eigentlich in die Richtung, wie Du Dich informierst, auf dem Laufenden hältst? Oder muss man das als Historiker ohnehin gar nicht?

Konstanz liegt – zugegeben – nicht gerade an den großen ICE-Trassen, sondern fernab hinter den Schwarzwälder Bergen, ist aber in vieler Hinsicht ein überaus reizvoller Ort. Große Ausstellungen wird man allerdings dort vergebens suchen. Nun verbringe ich aber nicht das ganze Jahr dort, sondern reise viel – vielleicht zu viel – herum, schreibe dies und das, rezensiere das eine oder andere, besuche überall, wo ich bin, Ausstellungen und Museen und greife auf das uralte Medium des Buchs zurück. Natürlich verpasse ich einige Ausstellungen, die ich gerne gesehen hätte, habe bei weitem nicht alle Bücher gelesen, die ich eigentlich auf meiner Liste hatte, aber das wäre auch nicht anders, wenn ich in Hamburg, Helsinki oder Hannover wohnen würde. Anders gesagt: Man muss die regionale Randständigkeit durch eigene Aktivitäten zu kompensieren suchen. 

Es ist bekannt, dass Du als Gutachter für ein Österreichisches Fotoinstitut tätig bist. In Deutschland ziehen sich die Bemühungen um ein selbiges ja leider seit Jahren zäh wie ein Kaugummi dahin und drohen sich in Machtspielen zu verlieren. Was aber würdest Du von einem solchen Institut inhaltlich erwarten?

Das stimmt, ich habe vor einigen Jahren für das Land Salzburg eine Machbarkeitsstudie für ein Bundesmuseum für Fotografie geschrieben. Hierfür habe ich auch eine Art Konzeptskizze entwickelt, da mir eine solche für die generelle wie konkrete Planung eines Bundesinstituts unerlässlich zu sein scheint. Es kommt ja nicht nur auf den Ort an (darüber wurde hierzulande vor allem diskutiert), sondern auch auf die konkreten Aufgaben und Zuständigkeiten. Konzepte standen bisher nicht zur Debatte – und das ist ein echtes Manko. In Deutschland vermisse ich daher bei den Debatten vor allem anderen ein Konzept, das über die Frage der Nachlasssicherung prominenter Fotograf*innen hinausgeht. Meines Erachtens sollte sich ein Bundesinstitut als Kompetenzzentrum verstehen, das nicht nur Vor- und Nachlässe sichert, sondern auch das weite Feld des „Fotografischen“ abdeckt und nicht zuletzt auch Ideen für die Sicherung des flüchtigen digitalen Erbes entwickelt. Weiterhin sollte es sich nicht als hegemoniales Zentrum der nationalen fotografischen Welt verstehen, sondern im Sinne eines Netzwerks auch andernorts Wichtiges und Innovatives möglich machen. Es sollte daher auch ein Ort der Theorie und der Diskussion sein, ein Zentrum des Fotografischen so lebendig und anregend wie möglich, aber auch so historisch und archivierend wie dringend nötig.

Verrätst Du uns, woran Du momentan arbeitest, also welche Publikation wir demnächst erwarten dürfen?

Gerne! Bei Spector erscheinen sehr bald zwei Bücher zu Oscar Gustav Rejlander: eine Monographie („Gedanken sichtbar machen. Oscar Gustav Rejlander und die viktorianische Photographie“) und unter dem TitelDie Wahrheit der Photographie eine kommentierte Edition seiner Texte in deutscher Übersetzung. Und im „Produzenten-Verlag“ Hyper Focus Books kommt – nach „beiseite“ aus dem letzten Jahr – mein zweites Fotobuch mit dem vielleicht etwas enigmatischen Titel „Stehrümckes heraus. Valentin Groebner hat einen kleinen Text geschrieben. Nächstes Jahr sollte dann im August Verlag ein Büchlein über „Bildpolitiken der Identität“ herauskommen, in dem ich den Bogen von der Fotografie des 19. Jahrhunderts bis zu rechten Netzwerken im Feld der Social Media schlage. Als Edition ist weiterhin eine Edition der Rezensionen zu Karl Blossfeldt bis 1945 in Arbeit, die ich zusammen mit Ulrike Meyer Stump mache. Und schließlich sitze ich zusammen mit Karl Ellerbrock und anderen an der besagten digitalen Edition von Nadars „Livre d’Or“, für die es aber erst einmal eine Finanzierung braucht. Und last but not least würde ich dann gerne ein kleines Buch über das Stendhal-Syndrom schreiben. Da geht es auch nicht um Fotografie, sondern um unerwartete nachgerade physisch-physiologische Effekte bei der Betrachtung von Bildern. Hier sammle ich noch Material. Daher die Bitte an alle Leser*innen: Sollte Ihnen eine Erwähnung von solchen Phänomenen in einem Buch unterkommen, wäre ich für einen kurzen Hinweis sehr dankbar. 

Mit bestem Dank an…

Bernd Stiegler

…ist Professor für Neuere deutsche Literatur mit Schwerpunkt 20. Jahrhundert im medialen Kontext an der Universität Konstanz

BU: Porträt BS, privat

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