War was? Das Jahr der Langeweile

Ein Jahresende ist stets gleichbedeutend mit dem zwanglosen Zwang zur Selbstvergewisserung.  Also stellt sich die keineswegs notwendig melancholisch klingende Frage: Was war eigentlich in diesem Jahr in der Foto-Szene los?

Etwas hilf- und folglich sprachlos bemühen wir im Stile eines Gymnasiasten das Zauberwerkzeug ChatGPT mit dem Imperativ:

Fasse die wichtigsten Ereignisse in der Foto-Szene des vergangenen Jahres zusammen!“

Die wahrlich intelligente Antwort lautet:

„Da mein Wissensstand bis Januar 2022 reicht und ich keine Echtzeitinformationen habe, kann ich keine spezifischen Ereignisse aus dem letzten Jahr (2022) in der Foto-Szene zusammenfassen. Wenn du mir jedoch bestimmte Informationen über Ereignisse geben kannst, kann ich versuchen, darauf basierend weiterzuhelfen. Alternativ empfehle ich, aktuelle Nachrichtenquellen oder spezialisierte Fotografie-Plattformen zu konsultieren, um die neuesten Entwicklungen in der Foto-Szene zu erfahren.“

Sehr hilfreich! Da sieht man mal wieder, wie begrenzt „Intelligenz“ sein kann, sofern sie sich auf die Rekombination von vorangehendem Input beschränkt, also als „künstlich“ definiert ist. Und genau damit sind wir auch schon im Zentrum eines medial aufgebauschten Thema des Jahres, das wir an dieser Stelle genau vor einem Jahr thematisiert haben. Das Thema, das dann ein halbes Jahr später noch einmal aufs Tablett kam, wurde durchaus mehrfach diskutiert: In unserem Blog haben sich auch Florian Merkel und Markus Kramer aus anderer Perspektive zu dem Thema Gedanken gemacht – wenn diese Eigenwerbung mal erlaubt sei.

Während die Sorgen der Foto-Journalist*innen nur allzu verständlich und berechtigt sind, werden die durchschaubar inszenierten Medienauftritte von Boris Eldagsen auf dem Gebiet der Kunst schnell vergessen sein. Die aufgeregte mediale Landschaft wurde jedenfalls beliefert. Nüchtern betrachtet kann man aber wohl nur festhalten, dass die Rekombinations-Fähigkeiten von KI nicht mit “Kreativität” zu verwechseln sind. “Künstlich” ist nicht “künstlerisch,  selbst wenn das Unternehmen OPEN AI vollmundig ankündigt: „ChatGPT can see, hear and speak“. Provokativ sei entgegnet: KI ist ein alter Hut, nicht nur an sich, sondern auch im Bereich der künstlerischen Fotografie. Besonders innovative Ergebnisse halten sich bislang quantitativ zurück, die nach wie vor unzerstörbaren Künstler*innen leben immer noch. 

Ein anderes Thema waren die personellen Veränderungen auf kuratorischer Ebene – besonders in Berlin und München, Wien. Da waren die schnellen Wechsel bei c/o Berlin: Felix Hoffmann und wenig später Kathrin Schönegg verließen das Schiff, das dank Sophia Greiff und Boaz Levin keineswegs zu sinken droht. Und die beiden Abtrünnigen fanden im Münchener Stadtmuseum als Nachfolge der Legende Ulrich Pohlmann bzw. im neu zu gründenden Foto Arsenal Wien keineswegs uninteressante neue Spielfelder.

Erwähnenswert ist auf institutioneller Ebene auch die Gründung des Deutschen Fotorates, der Mitglied im Deutschen Kulturrat wurde und die überaus vielfältigen Interessen der Medien-Anhänger auf kulturpolitischer Ebene zweifellos erheblich verstärken dürfte.

Eine weitere Marginalie, die aber zukünftige wissenschaftliche Arbeiten im Bereich der Theorie Leitplanken liefern wird, bedeutet der von Peter Geimer editierte Band zur Foto-Theorie im 21. Jahrhundert. Eine besondere Erwähnung findet dieser Band in unserem theoriebeflissenen Blog nicht zuletzt deshalb, weil so ein Buch nur alle 25 Jahre erscheint.

Last but not least ein quälendes Thema der beiden vergangenen Jahre: Aus dem übergreifendes Institut für das Medium, das sich von dem hohen Anspruch eines “Bundesinstitutes” stillschweigend verabschiedet hat, ist ein (nur noch) als “Deutsches Fotoinstitut” antretendes Konzept siegreich hervorgegangen. Mit dem ordnungspolitischen Rückzug des Berliner Ministeriums von Claudia Roth ging die Übernahme/-gabe an Düsseldorf einher: Im Westen nichts Neues! Die Euphorie und der Streit um Inhalte und Aufgaben des avisierten Institutes scheinen verflogen. Zyniker behaupten, dass die einst mit hohen Ansprüchen gestartete Initiative zum Symbol für vergebene Chancen rekrutiert ist.

Immerhin muß man nicht komplett schwarz sehen und sich nörgelnd in Unzufriedenheit suhlen, selbst wenn die vielleicht von Anfang an zu maximal imaginierte Umsetzung sicherlich auf Sparflamme erfolgen wird. Die nicht ganz ad acta gelegenen Hoffnungen an eine koordinierende Institution darf man nun in die unlängst begonnene Arbeit der so genannten Gründungskommission projizieren, der Zusammensetzung naturgemäß schwierig war. Dennoch hat sie nun ihre Arbeit aufgenommen. Ihr sicher noch einmal viel diskutiertes Ende darf man nicht für das Jahr 2024 erwarten, aber doch erhoffen, dass sie vor dem Ende der Legisataurperiode des amtierenden, 2022 gewählten NRW-Landtages zu ersten Regal-Aufstellungen führt.

Und sonst? Sicher hab ich etwas vergessen? Na ja, weltpolitisch passiert jenseits der Kunst genügend Unerfreuliches um sich zeitgleich an der Langeweile der Foto-Szene zu delektieren. Das reicht ja manchmal… 

Stefan Gronert

…ist Kurator für Fotografie am Sprengel Museum Hannover

BU: Evelyn Richter: „Kleinbahn auf Rügen“ von 1976

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