Die dritte Krise des künstlerischen Egos? Gedankensplitter zur KI in der Fotografie

Bestimmte Interessen verdichten sich manchmal durch eine mehr oder weniger zufällige Akkumulation von Informationen – so auch meine momentane Auseinandersetzung mit künstlicher Intelligenz im künstlerischen Kontext. 

So verfolge ich seit etwa Mitte Oktober auf Instagram, wie sich der persönlich durchaus zurückhaltende, von mir aufgrund seiner Theorie-affinen Haltung wie auch durch seine überbordende Bildsprache überaus geschätzte Berliner Fotograf Florian Merkel seit Mitte Oktober mit der Entstehung neuer Bilder qua künstlerischer Intelligenz beschäftigt. Ob er mit diesen neuen Bildern schon über den Kontext der sozialen Medien hinaus wirklich bereits das Levels des Experimentes verlassen hat, habe ich ihn noch nicht gefragt – aber ich werde es auf jeden Fall weiter beobachten.

Hinzu kommt, dass die mir aus mehreren Gründen vertraute Stiftung Niedersachsen, die z.B. im Sommer 2017 auch bei der Anschubfinanzierung des vorliegenden Blogs maßgeblich beteiligt war, zu meiner anfänglichen Überraschung im Jahr 2019 ein Programm zu Künstlerischer Intelligenz und Kultur aufgelegt hat. Die Erkenntnisgewinne im Sektor der bildenden Kunst waren bislang noch überschaubar, aber auch ein solches, breit aufgestelltes Projekt sollte man keinesfalls aus den Augen verlieren.

Ein weiterer Ort, an dem ich immerhin am Rande mit Fragen der KI konfrontiert wurde, resultierte in der zweiten Hälfte des Jahres 2022 aus meiner erneuten Beschäftigung mit dem Werk von Thomas Ruff. Nicht nur dessen sehr spezieller, auf der Nutzung digitaler Techniken beruhender Ansatz, sondern vor allem auch Markus Kramers über den Fotografen hinausgehende kunsttheoretische Monografie zur „technologischen Hand“ handelt von Fragestellungen, die konsequenterweise auch das Thema der künstlichen Intelligenz in der Kunst berühren.

Und zu guter Letzt machte mich unlängst der Berliner Fotograf und Psychologe Boris Eldagsen auf einen Vortrag aufmerksam, den er selbst auf der Wintertagung der DFA im Dezember unter der ambitiösen Titel „Geist siegt über Materie“ gehalten hat. KI wird dabei als Totengräber der Fotografie annonciert. Auch wenn die bildlichen Ergebnisse in diesem Videomitschnitt nicht in jeder Hinsicht innovativ anmuten, ist enorme Dynamik der technischen Erweiterung jener gestalterischen Möglichkeiten, von denen Eldagsen dabei berichtet, geradezu atemberaubend.

So weit, so gut. Welche Zwischenergebnisse vermag nun der zwischen Verblüffung und Beharrung changierende Kunsthistoriker aus seinen Ausflügen in wirklich neue (?) Felder abzuleiten? Können wir in diesem Zusammenhang vielleicht einen abermaligen Wandel der Position der Produzierenden feststellen? Offenbart die zunehmende Integration von künstlicher Intelligenz im Zusammenhang der vergleichsweise kurzen Geschichte des Mediums Fotografie etwa eine abermalige Form einer Distanzierung der Künstler*in? Etwa im Stile einer solchen idealtypischen Erzählung: Zunächst erfuhren die Kunst-Schaffenden im 19. Jahrhundert durch die Technik eine Krise, da die “kühle” Kamera das kreative Individuum vom Bild entfremdete. Kunst und Technik galten im Zeitalter der Spätromantik noch als Antipoden. Wer dieser Erzählung nicht glauben mochte und stattdessen – wohl gemerkt: in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts – kompensatorisch den „Autorenfotografen“ erneut inthronisierte, musste im Zuge der Digitalisierung vielleicht sogar eine erneute Krise ungezügelter Kreativität erleben, da sich das technische Bild nun auf einen lediglich binären Code beschränkte. All diese Kränkungen scheinen im 21. Jahrhundert durch die künstliche Intelligenz auf eine derartige Spitze getrieben zu werden, das man das verstaubte Lamento vom „Ende der Fotografie“ abermals herauf beschwören musste. Trauer der Vollendung: da sind wir in einer Sackgasse gelandet!

Selbst wenn ich mich als Kunsthistoriker nicht an der Heilung kulturkritischer Ängste beteiligen will, kann ich mich im Zuge der Etablierung meines “Experten”-Status nicht der Verantwortung bei der Beantwortung der Frage nach der Relevanz von KI nicht auf den Beobachter-Standort allein zurückziehen und muss (normativ) Stellung beziehen. Wie aber soll ich das beurteilen? Die Plattform ChatGPT, die vor wenigen Tagen von den beiden großen deutschen überregionalen Zeitungen auf’s Tablett der Aufmerksamkeit gehoben wurde, beantwortet die Frage, ob KI für künstlerische Fotografie von Bedeutung sein kann, wie folgt:

Ja, Künstliche Intelligenz (KI) kann für künstlerische Fotografie von Bedeutung sein. Einige Möglichkeiten, wie KI in der künstlerischen Fotografie verwendet werden kann, sind:

  1. Bildbearbeitung: KI-Tools können verwendet werden, um Fotos automatisch zu bearbeiten und zu verbessern. Dies kann dazu beitragen, den kreativen Prozess zu beschleunigen und die Qualität der Fotos zu verbessern.
  2. Bilderkennung: KI kann verwendet werden, um bestimmte Elemente in einem Foto zu erkennen und diese Informationen für künstlerische Zwecke zu nutzen. Beispielsweise könnte ein KI-System verwendet werden, um bestimmte Farben oder Formen in einem Foto zu identifizieren und diese dann in ein neues Bild zu integrieren.
  3. Generative Kunst: KI-Systeme können auch verwendet werden, um generative Kunst zu erstellen, indem sie bestimmte Eingabeparameter verwenden, um neue Bilder zu erzeugen. Diese Bilder können dann als Ausgangspunkt für künstlerische Arbeiten verwendet werden.

Insgesamt gibt es viele Möglichkeiten, wie KI in der künstlerischen Fotografie eingesetzt werden kann und es ist wahrscheinlich, dass wir in Zukunft noch mehr Möglichkeiten sehen werden, wie KI den kreativen Prozess unterstützen kann.

Inwiefern hilft mir die künstliche Intelligenz nun bei der Beantwortung meiner Frage? Interessant, wenn auch nicht neu, scheint speziell der dritte Punkt dieser Stellungnahme, der – manch einer Intelligenz offenbar unbekannterweise – eine bereits in den siebziger Jahren vor allem die von dem soeben verstorbenen Herbert W. Franke Verknüpfung zwischen Kunst (speziell: der Fotografie) und Computer bestätigt. Zudem eröffnet sich eine Verknüpfung zu der These von Markus Kramer, demzufolge der Künstler als Urheber einer technologischen Transformationsidee primär für die Auswahl algorithmischer Strukturen zuständig sei.

Wenn wir nun also auf einer kunsttheoretischen Ebene keine Probleme erkennen müssen, bleibt letztlich noch die Frage nach der Qualität der wirklich künstlerischen Hervorbringungen. Mag sich momentan noch nicht sehr viel Neuartiges aufdrängen, so werden die erweiterten technischen Möglichkeiten unweigerlich irgendwann zu innovativen Bildern führen. Warten wir einmal gelassen ab, wie es weiter geht. Technikfeindliche Ignoranz ist auf jeden Fall keine angemessene Haltung.

Stefan Gronert

…ist Kurator für Fotografie am Sprengel Museum Hannover

 

BU: Thomas Ruff, d.op.e 05 I, 2022, 400 dpi colaris Teppichdruck, 267 x 200 cm, Copyright: VG Bild-Kunst Bonn 2022

1 Kommentar zu Die dritte Krise des künstlerischen Egos? Gedankensplitter zur KI in der Fotografie

  1. Sehr geehrter Her Gronert,
    Ihre Gedankensplitter zur KI in der Fotografie finde ich in ihrer zusammenfassenden Art der Entwicklung der KI in der Fotografie sehr interessant. Vielen Dank dafür. Allerdings kann ich ihrer Schlussfolgerung „Warten wir einmal gelassen ab, wie es weiter geht.“ leider nicht zustimmen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie auf Schloss Mickeln 1980 und 1981 auf Internationalen Fotosymposien von Fotografen und Fototheoretikern neue Wege in der Fotografie ausgelotet wurden und die Frage diskutiert wurde, ob Fotografie Kunst sei. Vilém Flusser stellte dort z.B. seine Philosophie der Fotografie vor. Sowohl von Foto-Theoretikern als auch Fotografen wurde u. a. hier beispielhaft die Basis dafür gelegt, dass heute in den Museen nicht nur in Sonderausstellungen Fotografie als Kunst gezeigt wird, sondern auch in den ständigen Ausstellungen der Sammlungen. Es wurde also nicht abgewartet, sondern es wurden Grundlagen gelegt und aktiv in die Diskussion um die Fotografie als Kunst lenkend eingegriffen.
    Ohne Zweifel wird KI auf unseren Alltag zukünftig großen Einfluss haben. Wer die Ausstellung „Image Capital“ von Estelle Blaschke und Armin Linke gesehen hat, bekommt eine Ahnung davon, wie Forschung, Wissenschaft und Industrie schon jetzt und zukünftig mit ihren Infrastrukturen des Fotografischen Einfluss auf uns nehmen (werden). Das Fotografische, in welchen Formen auch immer, von Forschung, Wissenschaft, Industrie, Politik, Behörden, Gesundheitswesen, Privatem, Social Media, Kunstbetrieben, Speichern, Datenbanken, national und international etc. werden sich unauflöslich durchdringen. Allein die Verknüpfung von KI und Biometrie wird das Bild vom Menschen, gerade als Individuum, verändern und erschüttern, mehr als es jedes Porträt schaffen kann.
    KI wird sich nicht aufhalten lassen, aber in welche Bahnen wird sie von wem wie gelenkt? Gelassen abwarten? Für mich keine gute Option.
    Persönlich habe ich schon Probleme mit dem verharmlosenden, scheinbar neutralen, technischen Kürzel KI. Müsste nicht mit einer Neudefinierung des Begriffes Intelligenz begonnen werden. Wie verhält sich KI (künstliche Intelligenz) zur MI (menschliche Intelligenz) oder TI (tierische Intelligenz) oder PI (pflanzliche Intelligenz) oder EI (evolutionärer Intelligenz) usw. Alles eine Intelligenz oder doch nicht?
    Welche MI wird die KI wie für welche Zwecke entwickeln und trainieren? Kann die KI, wenn sie denn Intelligenz ist, zum Autor von Kunst und Fotografischem werden oder werden wir uns an „Werke ohne Autor“ gewöhnen müssen? Wird es nach Gerhard Richter, der gesagt haben soll, „Meine Bilder sind klüger als ich“, heißen „Jedes KI-Bild ist klüger als ich.“? Wird uns die KI die Wirklichkeit wirklicher als die Wirklichkeit vorgaukeln, der wir dann hinterherhecheln (sollen)? Was wird aus Intuition, Kreativität, Empfindungen, Sensibilität, Abscheu, all unseren Gefühlen, aber auch Rechten und Pflichten, wenn alles transparent, perfekt der scheinbaren Autorität der allwissenden und alles könnenden KI unterworfen wird? Wer zügelt wie die KI so, dass sie z.B. als Werkzeug den kreativen Prozess in der Fotografie unterstützt und nicht scheinbar kreativ übernimmt? Wer kann dann noch erkennen, ob etwas aus Kreativität eines Autoren (MI) entstanden ist oder aus den Algorithmen einer KI, die als Autor einer MI ausgegeben wird oder sich selbst als Autor ausgibt? Oder wird es so sein, dass von vorneherein die MI der KI als unterlegen angesehen wird? Die These, dass „der Künstler als Urheber einer technologischen Transformationsidee primär für die Auswahl algorithmischer Strukturen zuständig sei“, scheint mir auf wackeligen Füßen zu stehen, wenn es in der Welt der KI den Genius eines Künstlers gar nicht mehr gibt oder geben zu braucht. „Die Frage nach der Qualität der wirklich künstlerischen Hervorbringungen“ wird sich dahingehend lösen, dass sich mit KI ermitteln lassen wird, welche Bilder von Scheinwelten unsere Gehirne bevorzug zur Befriedigung und Einlullung wie in Platons Höhle vorgespielt bekommen möchten.
    Hito Steyerl untersucht ja bekanntermaßen z.B. die Reproduktion und Verteilung von Bildern und ihre Auswirkungen auf politische Systeme. Dem, dass wir „auf einer kunsttheoretischen Ebene keine Probleme erkennen müssen“, kann ich daher nicht folgen. Die gesamten Problematiken, aber auch Chancen und Möglichkeiten werden wir im Moment nicht überschauen können. Wäre es nicht Zeit für den Versuch z.B. eine Philosophie der KI im Fotografischen zu formulieren, bevor durch sie oder gar von ihr Fakten geschaffen werden? Oder müssen/sollen wir uns fatalistisch der künstlichen „Intelligenz“ unterwerfen?
    Mein Kommentar ist etwas länger als gedacht geworden, aber Ihre Gedankensplitter sind ziemlich gehaltvoll.
    Mit freundlichen Grüßen
    Ludger Müller

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