„Living in a material world“: Ein Pamphlet zur Realität der digitalen Fotografie

Obwohl die ersten Ansätze in der künstlerischen Fotografie schon in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts zu sehen waren, ist der digitale Boom eigentlich erst eine Erscheinung unseres noch jungen Jahrhunderts.

Anders aber als in der Arbeits- und Wirtschaftspolitik, wo vielfach die Gefahr eines Verlusts von Arbeitsplätzen infolge der Digitalisierung beschworen wird, muss man die vermeintliche „kopernikanische Wende“ im Blick auf die künstlerische Fotografie keineswegs so skeptisch sein. Natürlich gibt es auch hier immer noch die Traditionalisten, welche die gute alte Zeit der analogen Aufnahme glorifizieren und deshalb unnötigerweise eine dualistische Chimäre à la „analog vs. digital“ zum quasi-religiösen Bekenntnis heraufstilisieren. Selbst aber wenn es nicht umgekehrt um ein naives Bekenntnis zum Neuen gehen kann, wird die Zeit eben jene Ängste über die Folgen eines fundamentalen digitalen Wandels vergessen machen.

Das gilt besonders für die digitale Fotografie, die ein vergleichsweise harmloses Feld dieses Diskurses markiert. Da die Digital-Kamera anderen technischen Gesetzen gehorcht als die traditionelle Optik der Kamera dies tut, stellt sich auch hier die Frage: Sind die digitalen Bilder überhaupt noch Fotografie? Da fällt doch gar kein Licht auf ein Negativ! Und spätestens bei der Entwicklung des Bildes, heute Print genannt, stellen sich wiederholte Zweifel ein, denn auch dafür kann man die alte Dunkelkammer zu alternativen Nutzungen frei räumen und dem Drucker den Vorzug lassen. Der Handwerker wendet sich angewidert ab.

Eine kurze Reaktion darauf: Wenn man nicht selbst fotografiert und deswegen auf das Erlebnis der Bild-Entstehung fokussiert ist, braucht uns, den Betrachter*innen, doch zunächst einmal nur das Ergebnis dieses Prozesses, sprich: das vor Augen stehende Bild interessieren. Und dieses Foto ist und bleibt immer materiell, ein Ding, dass an eine Trägersubstanz gebunden ist, selbst wenn wir ihm – durch Verglasung, Rahmen und/oder Passepartout getrennt – zumeist nur als reiner „Erscheinung“ gegenüberstehen.

So viel zur Materialität, nun aber zum Verständnis dessen, was sich da vor unseren Augen zeigt. Auf einer allgemeinen theoretischen Ebene kann man feststellen, dass uns das vermeintlich nicht mehr „authentische“ digitale Foto tatsächlich von dem alten Glauben an die Wahrheit des Foto-Dokuments befreit. Dann sollte das digitale Bild also kein „Verlust“ sein, denn die Konfession für das Abbild pflegen wir doch auch sonst nicht mehr in der Kunst – oder war das Foto bislang das letzte Refugium für die orthodoxen Gegner der Abstraktion? Formulieren wir es polemisch: Im Hinblick auf die Kunst hat die Digitalisierung das Ende der Naivität eingeläutet.

Gleichwohl bedeutet die Anerkennung einer gar nicht mehr so neuen Auffassung vom fotografischen Bild nicht umgekehrt schon die totale (!) Abwendung von der außerkünstlerischen Realität. Eine vollständige Preisgabe jeglicher Referenz verdient den Namen „Fotografie“ nicht. Die kritische Auseinandersetzung mit der Bilderflut aber, die in ideologisch korrekter Diktion selbstzufrieden üblicherweise als „Bildkritik“ stilisiert wird, hat sehr viel mit der Kehrseite der Digitalisierung jenseits der Kunst zu tun – eine Argumentation, die man ehemals ähnlich zur Verteidigung der abstrakten Malerei nutzen konnte.

Verfolgen wir diesen Gedanken, so kommen wir zu einem weiteren zentralen Punkt, der in der mittlerweile erschlafften Diskussion um die digitale Fotografie zumeist systematisch ausgeblendet wird. Entscheidend scheint mir nämlich die Unterscheidung zwischen digitaler Technik als einer bildlichen Entstehungs-Weise einerseits und der Digitalisierung als einem thematischen Inhalt der Fotografie der Gegenwart – und genau dieser letztgenannte Aspekt gewinnt in den letzten Jahren zunehmend an Gewicht. Dabei ist die digital verursachte Bilderflut, die uns vor allem im Umgang mit dem Internet begegnet, generell nichts Neues, sondern nur der quantitative Zuwachs einer seit Jahrhunderten beklagten Bilderflut. Sie ist in großem Stile zuletzt in den verschiedenen Formen der Appropriation Art seit 1977 Thema der Fotografie gewesen. Kein Grund in populistischer Manier ein neues Zeitalter der Fotografie auszurufen!

Das Ende meines Pamphlets kann also lauten: Digitale Fotografie – na und? Man muss keine Probleme schaffen, die nicht da sind.

 

Stefan Gronert

…ist Kurator für Fotografie am Sprengel Museum Hannover

 

 

1 Kommentar zu „Living in a material world“: Ein Pamphlet zur Realität der digitalen Fotografie

  1. Ob digitale oder analoge Fotografie, spielt bei der Verwendung der Fotografie keine Rolle. So ist der Gebrauchswert der Fotografie, des Bildes immer abhängig von seinem “Habitus”, die Herstellungsart ist zweitrangig. Dieser Gebrauchswert ist natürlich veränderbar, nicht selten wird eine Modefotografie oder ein Dokumentations- Fotografie für ein Magazin zur musealen Ikone. Hier ändert sich der Gebrauchswert stark, die Fotografie soll nicht mehr zum Kauf anregen oder einen Bericht verbildlichen, sondern wird “losgelöst mit anderen Augen” als Kunstwerk betrachtet. Oder in andere kuratorische Konzepte eingefügt, die unsere Betrachtung lenken. Der unterschied vom Gemälde zum analogen zum digitalen Foto ist die Aura. Sie nimmt beim digitalen Foto noch mehr ab. Analoge Fotoabzüge gleichen sich sehr, sind aber doch unterschiedlich, mit dem digitalen Code kann man nicht die “selben” aber die “gleichen” Fotografien unter den gleichen Bedingen grenzenlos herstellen, ohne das ein Qualitätsverlust stattfindet. Ein digitaler Code nutzt sich nicht ab. Dies bedeutet die Vernichtung der Aura des “Unikats”. So hat sich die Aura verändert auch vom analogen zu digitalen Foto (so meine These). Die Aura hat mit dem digitalen noch weiter abgenommen. Viele Fotografen wirken diesem Verlust der Aura durch künstliche Verknappung der Auflagen entgegen, oder vernichten den “Master-Code” ihres Bildes um eine “Einmaligkeit” wieder herzustellen.

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