Digitale Flucht: Hinweis auf eine sichere Biennale während der Pandemie

Natürlich sind wir Kultur-Interessierte oder gar -Schaffende mittlerweile durchgängig genervt von den pandemischen Zuständen und schmeißen in der digital-basierten Home office-Not bisweilen schon schlichten Apps, denen im visionären Hipster-Stil offenbar eine Art Event-Versprechen eingeschrieben scheint (Clubhouse etc.), schon unsere privaten Daten in den Schlund, während die vermeintlich unterhaltungs-, aber weder bildungs- noch systemrelevanten Museen seit einem Vierteljahr geschlossen sind. 

Doch genug gesuhlt in dem einen (viel zu langen) Satz des Selbstmitleids: Das Regime der unsichtbaren Viren wird selbst durch den Irrationalismus von Aluhut-Trägern nicht immunisiert, allenfalls durch heilversprechende Impfungen – und auf die gilt es zu warten. Eine partielle Rettung der geschundenen sensiblen Kultur-Seele ist jedoch bereits da, denn so leicht lässt sich die Kultur dann doch nicht unterkriegen. – Wie und wo bitte?

Holen wir etwas aus bei diesem vielversprechenden Hinweis auf eine zeitgemäße Kunst-Präsentation: Der Verein „Scope Hannover“ ist ein Ausstellungsort für zeitgenössische Fotografie in der geliebten niedersächsischen Landeshauptstadt. Er existiert seit 2015 und richtete schon im Folgejahr zum ersten Mal eine über die Stadt vernetzte Foto-Ausstellung im Stile einer Biennale richtete. – Wie: das habt ihr verpasst? 

Im Sinne des sozialfreundlichen Brandings „act local“ – „think global“ handelte es sich bei dieser Biennale keineswegs um eine provinzielle Angelegenheit, sondern – selbst wenn die (einstigen) Macher Ricus Aschemann und Maik Schlüter keinen wirklich übertriebenen Wert auf überregionale Resonanz legten – um eine international ausgerichtete Ausstellung. Das zeigte sich vor allem an den künstlerischen Positionen, wie man zuletzt unschwer an den Namen Heikki Kasko, Doug Rickard oder Sanne de Wilde erkennen konnte. Der Begriff „zuletzt“ bezieht sich dabei auf die zweite Biennale, die – nach 2016 mit dem offenen Titel „More to come“ – 2018 unter dem etwas  (!) präziseren Titel „In your Face“ auftrat.

Was macht nun eine solche Initiative unter den Bedingungen der Pandemie? Sie flüchtet nach vorne – in der Hoffnung mit der Preisgabe der Materialität des „Originals“ nicht ihren Charakter zu verlieren. Das heißt? Sie ist ins Internet ausgewandert und präsentiert sich als ein nun um das Prädikat „Fotografie & Medienkunst“ erweitertes Format in einer Sukzession von Ausstellungen, die zunächst einmal ausschließlich im digitalen Raum zu finden sind. Das alles folgt der Überschrift „The Things I Tell You Will Not Be Wrong“ und ist unter der URL www.thethingsitellyou.com zu finden.

„In Zeiten von Lockdowns und eingeschränkter zwischenmenschlicher Interaktion“, so die erklärte Prämisse der Ausstellung, „überprüft die Biennale die Möglichkeiten und Grenzen digitaler Kunstproduktion. Das Projekt ist ein Experiment mit offenem Ausgang.“ – Also mal reinschauen, denn die Kurator*innen Theresia Stipp und Mona Hesse haben unter der Leitung von Ricus Aschemann ein beeindruckendes Programm zusammengestellt, in dem selbst vermeintliche Kenner neben der sicher nicht unbekannten Daniela Comani diverse junge Positionen finden. Im Zeitraum von 17.7.2020 bis 18.7.2021 sind sukzessive acht Positionen zu sehen. Neben der digitalen Konsumhaltung werden bisweilen auch „Events“ wie Künstlergespräche etc. angeboten.

Also: eine runde Sache, die das Sprengel Museum Hannover nach wie vor unterstützt!  Gerade dann, wenn im zweiten Teil der Ausstellung, hoffentlich in diesem Sinne, auch eine physische Präsenz der Werke der teilnehmenden Künstler*innen möglich sein wird. 

 

BU: Sabrina Labis und Nadja Buttendorf, Still aus „360° Nail“, 2021

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