Des einen Freud ist des anderen Leid? Neuzugänge im musealen Kontext

Das Sammeln von Werken und deren Präsentation für Besucher*innen ist eine Kernaufgabe von Museen. Doch wie verhält es sich mit Neuerwerbungen: Sind sie für alle Beteiligten tatsächlich immer nur erfreulich? Welche konkreten Probleme, wohlgemerkt aus konservatorischer Sicht, können bei Neuzugängen auftreten?

Denn sind Werke erst einmal im Haus, ist dies unumstößlich. Zugleich ist damit eine Verantwortung für die langfristige, konservatorisch möglichst korrekte Aufbewahrung übernommen, welche nicht widerrufen werden kann. Es beginnt schon im Vorfeld eines entsprechenden Neuzuganges, von dem man im Idealfall frühzeitig erfährt. Um was für ein Werk handelt es sich überhaupt? Gibt es Besonderheiten im Hinblick auf die Materialität der künstlerischen Arbeit, die zum Beispiel bereits für den Antransport relevant sind?

Dabei sind häufig die technischen Angaben zu einem Werk oder gar einem ganzen Konvolut so unzureichend, dass weitere Recherchen bei Galerien oder auch Künstler*innen notwendig sind, um die tatsächliche technische Entstehungsweise einer Arbeit zu entschlüsseln. Inzwischen hat es sich bewährt, alle wichtigen Details zum Material in einer sogenannten Technikdokumentation zu fixieren. Derart kann dann die Materialität einer Fotografie korrekt eingeschätzt und Empfehlungen gegeben werden, mit welcher Verpackung und wie das Werk am besten transportiert werden soll. Als Beispiel sei hier eine Face mounted-Arbeit genannt, also eine bildseitig mit Plexiglas kaschierte Fotografie, die möglichst ohne Berührung der Oberfläche transportiert werden sollte, um ein Zerkratzen des Plexiglases durch Erschütterungen bei aufliegendem Material zu vermeiden. Ist dies vorher unklar, riskiert man einen Schaden am Werk, bereits bevor die Fotografie im Haus ist. 

Weiter ist der aktuelle Erhaltungszustand einer eingehenden Arbeit von Belang. Befinden sich etwa auf Fotografien zahlreiche Selbstklebebänder? Führte die Montierung infolge von Klimaschwankungen zu Deformationen an chromogenen Farbabzügen? Gibt es Spuren oder Schäden von Mikroorganismen oder Schädlingen, mit denen beim Zugang in das Museum die gesamte, eigene Sammlung kontaminiert werden kann? Sind bereits frühere Transportschäden an den eingehenden Fotografien sichtbar, wie zum Beispiel ein beginnender Glasbruch oder die Beschädigung einer Rückwand, welche letztendlich auch zur Deformation des eigentlichen Tintenstrahl-Druckes führte? 

Gleichzeitig sind nicht zuletzt die Materialität und die Angaben aus der Technikdokumentation einer Fotografie ausschlaggebend für die Art der Lagerung eben dieser. Ist zum Beispiel in der konservatorisch präferierten Klimazone überhaupt genügend Depotplatz für Großformate vorhanden oder muss das Werk doch im unklimatisierten Durchgangsflur in seiner Transportkiste „zwischengelagert“ werden bis ein angemessener Platz in einem Außenlager zur Verfügung steht oder alternative neue Räumlichkeiten bezugsfertig sind? Aus konservatorischer Sicht bedeutet zu wenig Platz fast immer Zugeständnisse in der fachlichen Qualität der Lagerung, was jedoch kaum ausschlaggebend für die Annahme oder den Ankauf eines Werkes sein wird.  

Im Idealfall konnten die eingehenden neuen Sammlungsstücke sowohl im Hinblick auf bereits bestehende Schäden hin vorab durch eine Restaurator*in vor Ort bei der Verkäufer*in oder Schenker*in untersucht werden und auch die Frage der folgenden Lagerung geklärt werden. Auch wenn im Vorfeld nicht alle Fragen in befriedigender Weise beantwortet werden konnten, kann ein Werk dennoch für die Sammlung wertvoll sein kann, weil es zum Beispiel vielleicht das bestehende Sammlungsprofil perfekt ergänzt. In jedem Fall aber empfiehlt es sich, den Aufwand der nachfolgenden konservatorischen Arbeiten klar zu beziffern, damit alle Beteiligte die Argumente für oder gegen den Neuzugang angemessen abwägen können. 

All diese genannten Einschränkungen und Bedenken mögen so klingen, als ob Restaurator*innen grundsätzliche Probleme mit musealen Neuzugängen hätten. Tatsächlich ist dem aber keineswegs so. Denn auch wenn sich die Erwerbung eines neuen Werkes vielfach länger hinzieht als ursprünglich gedacht, erfreuen wir uns doch alle an Neuzugängen! Am besten jedoch an solchen, die in tadellosem Zustand sind und optimal gelagert werden können. 

Kristina Blaschke-Walther

…ist Restauratorin für Fotografie am Sprengel Museum Hannover

 

BU: Antonia Low, Leeres Fotodepot, 2015 (auf dem Arbeitstisch) 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

35 + = 37