4 Fragen an…Beate Gütschow

Inwieweit sind Wahrnehmung von künstlerischer und außerkünstlerischer Realität voneinander unterschieden oder haben sie nichts miteinander zu tun?

Ich frage mich diese Frage oft, was bringt die Kunst eigentlich? Ich finde die Wahrnehmung von Wirklichkeit durch Kunst eine völlig andere als in anderen Vermittlungszusammenhängen wie beispielsweise im Journalismus. Dokumentarische Arbeiten in der künstlerischen Fotografie oder im experimentellen Dokumentarfilm vermittelt möglicherweise nur vordergründig auch Informationen zu einem Thema. Entscheidend ist ja vielmehr, dass diese Künstler*innen Form, Medium und den Rezeptionsort frei wählen können damit auf viel verunsichernde Weise über Themen wie beispielsweise Flucht oder Kolonialismus sprechen können: Tobias Zielonys Beitrag „The Citizen“ im Deutschen Pavillon der Biennale von Venedig 2015 ist ein Beispiel hierfür oder auch der Film The Halvmoon Files von Philipp Scheffner. Vorrausetzung für diese Art von Freiheit ist nur, dass die Künstler*innen einen Lebensunterhalt haben, das ist ja gerade nicht so selbstverständlich…

 

Eine ähnliche Frage im Hinblick auf Deine Form des Arbeitens in vermeintlich klar separierten Serien: Ist dies noch immer oder gerade zeitgemäss?

Mit Fünfzig erlaube ich mir eine gewisse Gelassenheit: Meine Arbeit verschläft ja sonst nicht die medialen und technischen Entwicklungen der Fotografie, vielleicht darf sie deshalb in Bezug auf die Serialität etwas altertümlich sein? Trotzdem hast Du recht, das Denken in festen Kategorien und Disziplinen hat in der Tat ausgedient, mag ein Relikt der Moderne sein; wir werden vermutlich postdisziplinären Settings für die Bewältigung der immensen gesellschaftlichen Fragestellungen brauchen, die gerade auf uns zurollen. Ich sehe Corona nicht als ein Naturereignis, das unsere Welt schicksalshaft trifft, sondern als ein Teil einer ökologischen Krise, bei der durch massives Artensterben und die Reduzierung von Lebensräumen der Übersprung des Virus von Tier auf Mensch begünstigt wurde. In dieser aktuellen Krise spüren wir ja, was es bedeuten kann, wenn Bereiche zu sehr getrennt voneinander betrachtet und reguliert werden. Nur ist es verdammt unübersichtlich, wenn man immer ALLES zusammen denkt! Für meine eigenen Kopf und das künstlerische Arbeit brauche ich eine gewisse Ordnung, es mag zwanghaft sein, sich durch Serien Übersicht zu schaffen, ich benutze diese Rahmung jedoch, um mir in der nächsten Serie zu wiedersprechen: Der Utopie folgt die Dystopie, der Bildfiktion die (zeichnerische) Wiedergabe von historischen Fotodokumenten, das Montieren am Rechner wird in der nächsten Serie ersetzt durch das Montieren vor der Kamera, die Zentralperspektive von der Parallelperspektive abgelöst usw.

 

Wie beurteilst Du die Möglichkeiten der Ausbildung für künstlerische Fotografie in Deutschland?

Wir haben in Deutschland ein sehr gutes Netzwerk aus Kunsthochschulen und Kunstakademien, die künstlerische Fotografie anbieten. Mit der HGB Leipzig und der Folkwang Essen haben wir zwei Institutionen, die alleine durch die Anzahl der Professuren im Bereich der Fotografie einen markanten Schwerpunkt setzen, viele gute Arbeiten kommen aus diesen beiden Kontexten. Kunsthochschulen wie die KHM Köln und HfG Karlsruhe binden die künstlerische Fotografie in einen gegenwärtigen Mediendiskurs ein, das halte ich für wichtig, weil die digitalen Entwicklungen in der Fotografie zurzeit große gesellschaftliche Auswirkungen haben. Für die künstlerische Fotografie Ausbildung sind Positionen wie Peggy Buth, Nathalie Czech, Stephanie Kiwitt, Ricarda Roggan und Peter Piller wichtig, aber auch eine Institution wie die Ostkreuzschule. In der Lehre kann das theoretische und historische Nachdenken über Fotografie hilfreich sein, für diese beiden Feldern wünsche ich mir mehr Lehrstühle an Kunsthochschulen. Ich erwarte auch einen Schub für die Fotografie, wenn hoffentlich in naher Zukunft am nationalen Fotoinstitut Materialforschung und eine gute Aufarbeitung von Nachlässen betrieben werden wird.

 

Welche fotografische Position hat Dich zuletzt fasziniert?

Ich habe mich kürzlich mit den Arbeiten von Andreas Greiners auseinandergesetzt, einerseits interessiert mich das Arbeiten mit gegenwärtigen fotografischen Tools: seine Arbeit “Jungle Memory” beispielsweise benutzt KI-Algorithmen als Gestaltungsmittel. Die KI wurde mit einen großen Datensatz von im Harz aufgenommenen Fotos gefüttert. Der Algorithmus entwickelte aus diesem Material neue künstliche Bäume und Wälder. Fotografie mit ihrer algorithmischen Verarbeitung zusammen zu denken, interessiert mich. Mich interessiert an Andreas Greiners Position aber auch, dass sein Werk die ökologische Krise im Mittelpunkt stellt und er dabei die eigenen künstlerischen Produktionsbedingungen nicht ausspart: innerhalb der Arbeit wird thematisiert, wieviel CO2 die KI für die Berechnung des künstlichen Waldes brauchte. Bildnerisch hat mich zuletzt Margret Eicher fasziniert, eine ältere Künstlerin, die fotografisches und grafisches Found Footage-Material am Rechner zu großen Bildmontagen sampelt, die sie danach als Wandteppiche produzieren lässt. Ihre Arbeiten waren vor dem zweiten Lockdown in der Villa Stuck zu sehen, wo die monumentalen Wandteppiche augenzwinkernd die herrschaftlich-holzvertäfelten Räume des Künstlers Franz von Stuck kommentierten.

Mit bestem Dank an
Beate Gütschow 
…ist Künstlerin und Professorin für Fotografie an der Kunsthochschule für Medien Köln

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