Mehr als nur Alltagserleben: Die fotografischen Arbeiten von Käte Steinitz

Noch immer erfahren Fotografinnen keine gleichberechtigte Position in der Darstellung von künstlerischen Entwicklungsprozessen. Zu ihnen gehört auch die deutsche Fotografin, Zeichnerin und Autorin Käte Steinitz (1889–1975), die bis heute hinter männlichen Künstlerkollegen wie Kurt Schwitters, László Moholy-Nagy und El Lissitzky zurücksteht.

In einer umfangreichen Retrospektive mit über 80 Zeichnungen, 50 Fotografien und weiteren Arbeiten der Künstlerin möchte das Sprengel Museum Hannover 2025 ihrem Schaffen wieder mehr Sichtbarkeit verleihen.

Nach ihrer Ausbildung als Malerin und Zeichnerin in Berlin, die sie unter anderem im Verein der Berliner Künstlerinnen erhielt, siedelt Steinitz 1917 gemeinsam mit ihrer Familie nach Hannover um, wo sie sich in kürzester Zeit mit der regionalen Avantgarde vernetzt. Angeregt durch die modernen Tendenzen, die sie in der Kestner Gesellschaft, in Galerien und in Künstler*innenkreisen erfährt, findet sie Anfang der 1920er Jahre zur Fotografie. Erste Aufnahmen lassen sich bereits auf das Jahr 1917 datieren, die ihre Töchter im Porträt und bei Ausflügen in der Natur zeigen. In dieser Zeit erfährt das Medium gerade neue Impulse: Das Neue Sehen, kontextual verbunden mit der Strömung der Neuen Sachlichkeit und dem 1919 gegründeten Bauhaus, beherrscht zunehmend die fotografischen Diskurse. Der neue Blick auf die alltägliche Umgebung wird zum zentralen Drehmoment: Extreme Bildausschnitte, ungewöhnliche Detailaufnahmen, dynamische Kompositionen, neue Blickpunkte, experimentelles Licht- und Schattenspiel sowie neue technische Verfahren wie das Fotogramm prägen die neue Stilrichtung. Profane Alltagssituationen erhalten neue, spannungsvolle Perspektiven – wie der Blick durch eine Brückenunterführung, den Steinitz in einer ihrer Fotografien festhält. Das Motiv scheint zunächst gewöhnlich: Eine Unterführung mitten in der Großstadt, bestimmt durch dunkle Ecken, schnelle Schritte und unbekannte Begegnungen. Doch gerade in dieser unscheinbaren Szene zeigt die Fotografin neue Sichtweisen, die durch die Kamera erfahrbar werden: das Spiel zwischen Licht und Schatten, Materialkontraste, spannungsvolle Diagonalen, anonyme Darstellung der Passant*innen und ungewisse Ecken durch die Wahl des Bildausschnitts. Steinitz verleiht einem typischen Großstadterleben der 1920er Jahre spannungsvolle Momente, und befindet sich damit inmitten der aktuellen Bewegungen der Avantgarde. Neben Wahrnehmungen aus der Großstadt widmet sie sich in ihren Fotografien der Darstellung von Kindern und Frauen, dynamischen Porträts, Landschaftsszenen, Tanz- und Bewegungsmomenten, neusachlichen Objekt- und Typendarstellungen sowie konstruktivistischen Elementen.

Als 1925 die erste handliche Kleinbildkamera in Form der Leica auf dem Markt erscheint, erfährt die Fotografie als künstlerisches Medium einen Wandel. Die neuen Modelle bieten Fotograf*innen wie Käte Steinitz die Möglichkeit, den festgesetzten Rahmen des Fotostudios zu verlassen, die Außenwelt mit der Kamera erfahrbar zu machen und die Realität aus neuen Blickwinkeln zu zeigen. Fotografie kann ab jetzt fernab der einschränkenden Normen entdeckt und genutzt werden – zum Erproben neuer Techniken und Entdecken neuer künstlerischer Perspektiven. Insbesondere für Frauen bedeutet der technische Fortschritt eine Herauslösung aus dem Privaten, die freiere Bewegung im Außen und (künstlerische) Unabhängigkeit. Steinitz betont mit ihren Aufnahmen von urbanen Räumen neue Wirkungsbereiche, die Künstlerinnen sich in den 1920er Jahren erschließen. Zeitgleich bringt sie mit ihren fotografischen Motiven moderne Perspektiven zum Ausdruck, welche die Gesellschaft nach Ende des Ersten Weltkrieges prägen.

Pauline Behrmann
…ist Doktorandin am Kunstgeschichtlichen Seminar der Universität Hamburg und tätig im Kurt Schwitters Archiv, Hannover

BU: Käte Steinitz: Ohne Titel (Straßenszene Hannover), 1933/1935, Silbergelatineabzug, 16,8 x 22,9 cm, Sprengel Museum Hannover, 2018 Schenkung Steinitz Family Art Collection
© Steinitz Family Art Collection / Foto: Herling/Herling/Werner, Sprengel Museum Hannover

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