Heidi Specker: Die Auflösung der Werkgruppe in der musealen Präsentation

Die 1962 im niedersächsischen Damme geborene Heidi Specker gilt gemeinhin als eine Pionierin der Digitalfotografie, da sie diese Technik bereits Mitte der 90er Jahre in ihren SPECKERGRUPPEN eingesetzt hat.

Unabhängig davon, dass diese Charakterisierung historisch mehr als unkorrekt ist, überraschte die Fotografin damals mit Architekturansichten, deren unscharfe Oberflächlichkeit der zeitgemäßen Erfahrung von fragwürdigen Formen der Urbanität in ambivalenter Weise entsprach und diese auch mit fotografischen problematisierte. Auf dem Buchcover des Londoner Katalogs Reconstructing Space: Architecture in Recent German Photography wirkte ein Ausschnitt aus Speckers „Alexanderplatz“ (1995) damals wie eine befremdende und ebenso attraktive Befreiung vom stupenden Dokumentarismus mancher zweitklassigen Adepten der Becher-Klasse.

Dass aber die Fokussierung des Ansatzes von Heidi Specker auf digitale Effekte an dem inhaltlichen Kern ihres Ansatzes vorbeigeht, versteht spätestens jeder der nun ihre Werkschau „Fotografin“ im Kunstmuseum Bonn sieht (bis 27. Mai). Die erste Überblicksausstellung der Leipziger HBG-Professorin greift auf ihre neun Werkgruppen zurück, die aber – auf den ersten Blick verblüffend – nicht als solche präsentiert werden. Heidi Specker hat stattdessen eine gemischte Präsentation initiiert, die das Verlangen nach einem gegliederten Überblick enttäuscht und zugleich den zuvor sicherlich nicht so klar erkennbaren inhaltlichen Zusammenhang ihrer motivisch verschiedenen, in sich aber klar umrissenen Gruppen enthüllt.

Das vermittelt sich auch bei der anschließenden Lektüre des schön gemachten Katalogs sehr deutlich. Werden die Werk-Gruppen im Katalog deutlich als solche gekennzeichnet und auch noch von der Künstlerin eingehend kommentiert, so verblüfft die Hängung durch Mischungen, die den Blick auf das Einzelwerk und seine jeweilige anschauliche Präsenz hervorhebt. Ein weiteres Moment kommt bei der Ausstellung hinzu: Dort erscheint es bisweilen überaus kühn, dass die Präsentation von unterschiedlich großen Bildern aus verschiedenen Werkgruppen bisweilen an der Höhe der Bildunterkante orientiert sind – ein absoluter Fauxpas, der bei jeder Kuratoren-Ausbildung ausgetrieben wird, der hier aber erstaunlicherweise doch funktioniert.

Die nicht zuletzt durch die Hängung verstärkte Einsicht in die Qualität von Speckers künstlerischer Position, die eine überaus intelligente (und mitunter sogar humorvolle (z.B. Katze, 2016)) Auseinandersetzung mit der Geschichte der Fotografie verkörpert, aber auch unbeschwert neue Dimensionen eröffnet, erweist sich als ein Lehrstück für museale Präsentation, die kein Buch ersetzen kann. Prädikat: das muss man gesehen haben!