Nomen (non) est omen? Zur Lebenserwartung von Inkjet-Prints

Man muss den Wandel mancher Produktionsprozesse nicht unbedingt bedauern, aber sollte dennoch nüchtern konstatieren: In der zeitgenössischen Fotografie werden immer mehr Werke nicht mehr von Künstlerinnen und Künstlern selbst geprintet, sondern von externen Dienstleistern. Dabei richtet sich die Materialauswahl vor allem nach der Produktpalette vor Ort und der vom Kunstschaffenden angestrebten Ästhetik. Die Frage der Langzeiterhaltung spielt dabei in der Regel keine oder nur eine untergeordnete Rolle.

Nimmt man z.B. den Begriff des „Archival Fine Art Print“ so wird dem Kunstmarkt und den Käufern suggeriert, dass es sich um archivbeständige Materialien handelt, die für den Print verwendet wurden. Doch was bedeutet dies eigentlich genau? Ist dieses Material in jedem Fall „unproblematisch“, kann man solche Werke so oft ausstellen, wie man will? Oder handelt es sich nicht vielmehr um eine mehr oder weniger inhaltslose Begrifflichkeit, die lediglich den etwas trivial anmutenden Begriff des „Inkjet-Prints“ aufwerten soll, da ja inzwischen in nahezu jedem Haushalt ein Tintenstrahldrucker zu finden ist?

Die Archivbeständigkeit der Materialien tatsächlich zu überprüfen wäre hier sinnvoll, allerdings ist dies für den Endverbraucher nicht wirklich umsetzbar. Stattdessen müssen sich diese auf die Angaben und Wertungen der Hersteller von Drucksubstrat und -tinten verlassen, die ihr Produkt natürlich möglichst gewinnbringend auf dem Markt platzieren möchten. Die Kriterien anhand derer ein Material als „archival“ bezeichnet wird, bleiben dabei im Verborgenen – für den Laien und auch für den Spezialisten. Kunsttechnologisch betrachtet, ist darüber hinaus auch der Begriff des „Fine Art Print“ streitbar. Streng genommen muss es sich hier nicht einmal um eine fotografische Technik handeln, sondern kann, wörtlich genommen, auch eine grafische Technik, wie z.B. eine Lithographie, beschreiben.

Doch zurück zu den Inkjet-Prints: Die Zusammensetzung des meist papierenen Drucksubstrates, die Materialität der Tintenempfangsschicht, die zahlreichen beigemengten optischen Aufheller, die Beschaffenheit der verwendeten Tinten und nicht zuletzt das Zusammenspiel von Tinten und Drucksubstrat selbst deuten bereits die ungeheure Komplexität dieses Materialgefüges an. Und eben diese beeinflussen letztendlich die Langlebigkeit eines Inkjet-Prints. Mögliche Alterungserscheinungen kann man zwar prognostizieren und durch Tests extrapolieren, doch nur der Lauf der Zeit wird über die verhältnismäßig junge Inkjet-Technologie und deren Langlebigkeit Aufschluss geben. Zu spät?

Im musealen Kontext, bekommt diese Materialität nochmals eine andere Bedeutung. Letztendlich ist sie es, anhand derer Lager- und Ausstellungsbedingungen, Präsentationshäufigkeit und -dauer sowie damit auch die Leihfähigkeit festgelegt werden. Fortwährend „verbraucht“ sich das Werk und zwar je nach verwendetem Material mehr oder weniger schnell. Halten wir fest: Wir wissen, dass wir wenig wissen, obwohl uns von den Herstellern mit salbungsvollen Etiketten viel versprochen wird. Wenn wir an der Haltbarkeit von Fotografie für zukünftige Generationen interessiert sind, sollten wir die „Archival Fine Art Prints“ kaum anders behandeln als „normale“ Prints. Wenn wir gleichzeitig den Besuchern aber öfter die gleichen Werke zeigen wollen,  stellt sich die Frage: Kommen wir überhaupt an „exhibition copies“ vorbei?

Kristina Blaschke-Walther

…ist Restauratorin für Fotografie am Sprengel Museum Hannover

 

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