Was geht viral? Anmerkungen zur Entschleunigung der stillen Bilder

Wenn man zu den aktuell noch mehr als 99,9 % der Deutschen zählt, die nicht von einem Virus befallen ist, der in manchen freiheitlichen Ländern als „ausländisch“ disqualifiziert wird, dann befindet man sich vielleicht gerade im politisch erwünschten Home office und wundert sich beim Blick über den Desktop hinaus, was da so in den Blick kommt: „Hatten wir schon immer ’ne Rauhfaser, Schatz?“

Spaß beiseite, die vermeintliche Entschleunigung des sozialen Lebens, die aus einer staatlich verordneten „Kontaktsperre“ resultiert, führt gleichzeitig auch zu einem neuen Bilder-Kosmos. Was sehen wir aktuell – abgesehen von einem animierten Modell eines bedrohlich aussehenden Atoms, dessen Verwandte man aktuell übrigens auf einer scheinbar seriösen Internet-Seite zum Sonderpreis erwerben kann, und den exponentiell verlaufenden Statistiken, die uns das Dilemma dort draußen jeden Tag drastisch vor Augen führen?

Da die öffentlichen und zumeist auch privaten Ausstellungsinstitutionen geschlossen sind und deren Betreiber ihren Unterhaltungsauftrag statt dessen in Form von kurzen Filmen wahrnehmen, die auf Facebook, Instagram, YouTube oder Vimeo hochgeladen werden und von der jüngeren Ziel-Klientel gesehen werden, während die Hauptkundschaft (Ü60) wohl kaum in den Genuss dieser mit amateurhaften Charme produzierten bewegten Bilder kommen, sind auch die stillen Bilder aus dem Blick geraten. Es ist durchaus eine zynische Fügung des Schicksals, aber man muss sagen, dass die in den letzten Jahren so verbreitete Wendung, das etwas „viral gehe“ für die (nicht nur künstlerische) Fotografie momentan keineswegs zutrifft. Die stillen Bilder sind hinter die bewegten Bilder weit zurück getreten – sieht man einmal davon ab, dass uns so Ausnahmeerscheinungen wie Stephen Shore (Jahrgang 1947) täglich via Instagram mit einem neuen Bild erfreut. Aber hat er das nicht schon immer gemacht und erinnert uns zugleich daran, dass sich seine in den siebziger Jahren so revolutionär erscheinende Bildsprache seitdem kaum mehr entwickelt hat? Wolfgang Tillmans ist aber im Vergleich zu diesem älteren Herren mit seinen Instagram-Posts quantitativ zurückhaltend.

Seien wir also ehrlich und konstatieren, dass das stille Bild momentan keineswegs viral geht und der weitgehende Stillstand der Rezeption eventuell darauf beruht, dass wir sowohl keine Originale sehen können und dass wir darüber auch nicht mehr Face-to-face kommunzieren können. Aber stimmt das tatsächlich und würde es nicht umgekehrt bedeuten, dass die aus der Unterhaltungsindustrie stammenden bewegten Bilder nur kompensatorisch auf das Fehlen der Fotografie reagieren, mithin nur Resultate eines sozialen Rückzugs sind? Oder ist die hinter dieser Beschreibung stehende Vision einer idealen Gesellschaft, die sich in der leibhaftigen (und womöglich noch herrschaftsfreien) Kommunikation erfüllt, nur ein Phantasma, das dem 19. Jahrhundert entstammt und heute allein von einer bildungsfreundlichen Elite restaurativ verlängert wird? Oder findet mit dieser skeptischen Betrachtung einer nahezu erstarrten Gegenwart der künstlerischen Fotografie die unangemessene Vermischung eines ästhetischen und eines sozialen Diskurses statt? – Worüber man im Home office so alles nachdenken kann…

Stefan Gronert

…ist Kurator für Fotografie am Sprengel Museum Hannover

BU: Stephen Shore

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