Konzeptuelle Fotografie und / als Ideologie? Adrian Sauer in der DZ Bank Kunststiftung

Wir kennen alle das Problem begrifflicher Etikette, Schubladen oder Schablonen, die wir selbst bekommen oder anderen anhängen: Wie? Ich bin ein Foto-Kurator? Naja, aber dann doch noch mehr… Möchte Thomas Ruf auf die Einordnung „Vertreter der Düsseldorfer Fotoschule“ reduziert werden? Welche künstlerische Produktion dürfen wir heute, im mit großem Lamento intonierten Zeitalters des Anthropozäns, überhaupt noch als expressiv, surreal oder gar abstrakt bezeichnen oder sogleich einen strafenden Blick ob des ach so oberflächlichen Urteils zu erhalten?

Werden wir mit einem Exempel aus der zeitgenössischen Fotografie konkret: Verfolgt der Leipziger Adrian Sauer nun einen spät-, einen post- oder gar einen radikal-konzeptuellen Ansatz? Oder täuscht hier der vielfach puristische look seiner Kunst, führt uns auf die falsche Fährte? 

Wer seine noch bis zum 11.9. in den Räumen der Frankfurter DZ Bank Kunststiftung zu sehende Präsentation anschaut, wird nur als medialer Foto-Purist enttäuscht sein, da sie den zweidimensionalen Horizont des Bildes doch an einigen Stellen sprengt. Da sind zum Beispiel fünf im Durchmesser von 160 cm große Skulpturen, die als „Platonische Körper“ etwa Dodekaeder, Hexaeder etc. in schmalen, aus einem 3-Drucker hergestellten Liniengebilden verkörpern. Neben ihrer filigranen Gestalt bestechen sie durch ihren jeweiligen Schattenwurf, den die dadurch auffälligen Decken-Spots hervorrufen und das Ganze in Wandzeichnungen überführen. 

Im selben separierten Ausstellungsraum wird die sensible Meditation durch drei abwechselnd eingespielte 4-Kanal-Audioarbeiten begleitet, die den Fokus vom Platonischen auf das Gesellschaftliche lenken: „Fotografieren ist“, „Ist die Fotografie noch beispiellos“ und „Demokratie und Fotografie“ lauten deren vielsagende Titel – ein Fest der Reflexion! Und nun wird auch spätestens deutlich, warum Sauer seiner Ausstellung den Titel „Identitäten und Ideologien“ verliehen hat. 

Die darüber hinaus ausgestellten fünf Foto-Serien würden das nämlich nicht unbedingt ad hoc nahelegen. Da sind doch etwa drei Bilder aus der bekannten „Wolken“-Reihe „Form und Farbe“ zu sehen, neun Bilder aus „Light and Dark Stars“, welche die Skulpturen wunderbar ankündigen, zwölf neue Streifen mit dem Titel „256 Graustufen“, zehn ebenfalls neue Bilder mit dem Titel „Ziegel“ und dann noch die Reihe der erstmals gezeigten Silbergelatine-Abzüge aus dem Jahr 1993 mit dem Titel „Palast der Republik“, in welcher der 17-jährige Künstler, der soeben eine Kamera geschenkt bekam, überraschenderweise selbst als Skater vor dem vorschnell entsorgten Zentrum der Macht der DDR auftaucht. Und der naive Wessi fragt in selbst entlarvender Manier: Durften die das überhaupt? 

Aha, da sind wir aber nun doch erneut auf die politische Dimension der Fotografie verwiesen worden. Und dies obwohl der Künstler selbst in einer von der Kunststiftung produzierten 40-seitigen Publikation in einem Interview mit Janina Vitale scheinbar unschuldig behauptet: „Das Besondere an diesem Medium ist ja, dass es offenbar keiner eindeutigen Ideologie zuzuordnen ist. Der Aufklärer nutzt die Fotografie genauso wie der Demagoge.“ (14) 

Man muss sich keineswegs als genialer Theoretiker outen, um festzustellen, dass Sauer mit dieser von mir aus dem Kontext gegriffenen Aussage bewußt eine falsche Fährte legt, denn was so verführerisch klingt, erlaubt auf keinen Fall den Kurzschluss, dass Medium erlaube ein ideologisch neutrales Bild. In der erwähnten Publikation wird das in den Beiträgen von Christina Leber und Mona Schubert nachvollziehbar differenziert.

Das mag ja intellektuell alles plausibel sein. Warum aber, mein lieber Freund, so höre ich meine Schweizerische Kollegin, die das Schaffen von Sauer ebenso adoriert wie ich, warum soll ich mir die Ausstellung dann dennoch vor Ort anschauen? Obwohl Du ja alles von Adrian Sauer kennst, würde ich antworten, wenn sie mich tatsächlich gefragt hätte: Allein schon um die hinreißenden neuen Bilder aus der Reihe „Ziegel“ im Original zu sehen. Die führen nämlich erneut vor Augen wie visuell attraktiv eine konzeptuell aufgeladene Fotografie (dennoch?) sein kann. Aber wie vermittele ich diesen Reiz nun jenseits der begrifflichen Schublade?

Stefan Gronert

…ist Kurator für Fotografie am Sprengel Museum Hannover

BU: Adrian Sauer, Platonischer Körper (Foto: SG)

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