4 Fragen an…Laura Bielau

Du bist selbst Fotografin, hast eine Zeit lang an der Kunsthochschule Kassel unterrichtet und arbeitest auf vielfältige Weise im Michael Schmidt-Archiv : wo siehst Du Deinen „wirklichen” Ort (falls es den denn gibt)?

Die Struktur meines Arbeitens hat ihren Ursprung in meiner Biografie. Die sehr frühe Entscheidung, eine Lehre als Fotografin zu beginnen, war von Dunkelkammerarbeit und Studioaufnahmen geprägt. An diese schloss sich das Studium der Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig mit Schwerpunkten in dem fokussierten Arbeiten an eigenen Projekten und die Beschäftigung mit Kunstgeschichte und -theorie an. Nach dem Diplom habe ich zur Vertiefung meiner eigenen künstlerischen Praxis ein Meisterschülerstudium absolviert und gleichzeitig die Assistenz für den Künstler Michael Schmidt in Berlin angenommen.

Die Künstlerassistenz forderte von mir organisatorisches Arbeiten (Ausstellungsvorbereitung, Korrespondenz), die künstlerische Betreuung von Installationen sowie die Mitarbeit bei der Herstellung von Künstlerbüchern. Hieraus ergab sich in den letzten Jahren die kuratorische Mitarbeit und künstlerische Unterstützung an der Retrospektive des Künstlers Michael Schmidt, die im August 2020 im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwartskunst – in Berlin eröffnet wurde. Diese Tätigkeit umfasst neben der Sichtung und Aufbereitung des Archivmaterials die Recherche in der Stiftung für Fotografie und Medienkunst mit Archiv Michael Schmidt. Im Anschluss an die Berliner Ausstellung wurde die Retrospektive im Jeu de Paume, Paris, und im Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, Madrid gezeigt und wird nun in der Albertina, Wien, ausgestellt und dort von Walter Moser kuratiert.

Im Wintersemester 2019/2020 hatte ich die Möglichkeit, an der Kunsthochschule Kassel einen Lehrauftrag für die Klasse für Visuelle Kommunikation/Fotografie (Vertretung für Prof. Bernhard Prinz) zu übernehmen. Durch regelmäßige Klassentreffen wurde der Austausch zwischen den Studierenden verstärkt. Mir war wichtig, den Student*innen die Stadt Kassel mit ihren ganz eigenen Möglichkeiten offenzulegen. Die Stadtgeschichte und die Verbindungen zu den Persönlichkeiten der Kunstinstitutionen vor Ort zu knüpfen, waren Voraussetzungen dafür, den Student*innen ein Netzwerk sichtbar zu machen, von dem sie profitieren können.

Diese Stationen in meinem Lebenslauf geben Einblick, wie vielfältig und weitgefächert künstlerische Arbeit sein kann. Ich bin überzeugt, dass es richtig ist, immer und immer wieder die eigene künstlerische Arbeit zu hinterfragen, sich neuen Situationen zu stellen und auszusetzen und dass dies ein spannender Lernprozess ist.

Im Anschluss an Deine Erfahrungen an Lernende einerseits und als Dozierende andererseits: Ob und wie kann man Fotografie überhaupt lehren?

In meiner Studienzeit war es mir wichtig, alles aufzusaugen, sehr viel zu fotografieren und mich mit Bildern zu beschäftigen. Das was so simpel klingt – ein Bildverständnis zu entwickeln – braucht viel Ausdauer und ist sehr wichtig. Hieraus kann sich eine künstlerische Haltung entwickeln.

Die Frage, wie heutzutage nach dem Studium mit der Präsentation der eigenen künstlerischen Arbeit umgegangen werden soll, wurde immer mit den Studierenden in Kassel diskutiert. Im Mittelpunkt standen Fragen wie: Welche Räume können besetzt werden, die nicht den gängigen Kunstinstitutionen entsprechen? Wie kann sich eine Gruppe zusammenschließen, um am Studienort Räumlichkeiten zu finden und diese für die Präsentation ihrer Arbeiten zu nutzen?

Rückblickend gab es in der Klasse Diskussionen über die Freiheit, die die künstlerische Arbeit in sich trägt; die Freiheit, die der Künstler oder die Künstlerin sich zu eigen macht und von der er oder sie profitiert. Ich vertrete die Auffassung, dass es mehr freie Klassen geben sollte. Es müssten Personen eingeladen werden, die für die Studierenden interessant sind. Da kann der Lehrende als Vermittler auftreten, Kontakte herstellen, Mut zu sprechen und zeigen, dass man am Ball bleibt.

Mir war es wichtig zu signalisieren, dass Chancengleichheit einen hohen Stellenwert hat, dass jeder dem und der anderen genau zuhört und trotz allem eine angemessene Kritik nicht unausgesprochen bleibt. Für mich war es sehr aufschlussreich, dass sich die Klassenmitglieder gegenseitig positiv beeinflusst haben; dass es richtig war, sich als Lehrende zurückzunehmen und im Hintergrund zu halten.

Im vergangenen Jahr erschien bei Spector Books eine Monografie oder besser gesagt ein Künstlerbuch mit dem Titel „Arbeit“. Ist diese seit 2014 entstandene Werkgruppe für Dich nun vollständig abgeschlossen und falls ja: woran arbeitest Du aktuell?

 „Arbeit“ zieht sich durch fast jedes meiner Projekte. Am Anfang waren das die Dunkelkammer als Arbeitsort, das Atelier, Arbeitsräume in Fabriken, das Arbeiten am Bild. In meinem neuen Projekt „TEST“ steht das Tier als Arbeiter im Mittelpunkt: Tiere in Laboren, Ställen und Forschungseinrichtungen. Das Projekt umfasst jetzt ca. 80 Fotografien und zeigt Bilder von Schweinen in der Verhaltungsforschung, Affen in Virenforschung oder die Bauten von Vogelnestern. In Folge coronabedingter Einschränkungen, war es nicht mehr möglich, in den Forschungseinrichtigungen zu fotografieren. Deshalb habe ich zugängliches Material daraufhin untersucht, wie Tiere in der Werbung, Politik und Religion abgebildet und welche menschlichen Zuschreibungen sie erhalten. Das klingt jetzt alles nach Grauen und Gewalt, aber auch Freude entdecke ich in manchen der Bilder.

Jetzt sitze ich an der Umsetzung des Buches. Zwischendurch, sozusagen zur Lockerung, arbeite ich an einem Kinderbuch. Fotobücher für Kinder sind eine Nische! Das Kinderfotobuch geht der einfachen Frage nach „Wo leben Tiere?“. Es zeigt weniger die romantische Vorstellung von Natur, sondern zeigt, dass das Tier zwischen uns lebt.

Welche Positionen der zeitgenössischen Kunst interessieren Dich aktuell am meisten und warum?

Miriam Cahn interessiert mich sehr. Ich mag die Direktheit, Ehrlichkeit und mit welcher Dringlichkeit sie zu den Bildern kommt. Aber auch die Leichtigkeit und Freude im Machen sind ansteckend. Die Macht, Sex und Gewalt in den Bildern, finde ich erschreckend. Sie schafft es, diese stetige Relevanz von aktuellen Themen zu bearbeiten. Oftmals stelle ich mir die Frage, wie man so etwas in der Fotografie erreichen könnte? Das sind diese Bilder, an denen ich mich reiben kann. Auch Ihr Buch „DAS ZORNIGE SCHREIBEN“ zeigt mir, wie klug und konsequent man seine Meinung verteidigen kann.

Das Medium zu erweitern und sich an dem Vorhandenen abzuarbeiten, finde ich bei Lucie Stahl, Sophie Thun und Andrzej Steinbach spannend. Da passiert etwas, was das Traditionelle der Fotografie aufgreift aber trotzdem nicht ausblendet.

Mit besten Dank an

Laura Bielau

…ist Fotografin in Halle und Berlin

BU: privat

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