Das Buch als Ursprung der Fotogeschichte: Ein Essay von Steffen Siegel

Es gibt Bücher, die schon auf den ersten Blick durch ihre bloße Form attraktiv wirken können: durch ihre äußere Gestaltung oder ihren Umfang. Beides trifft auf das neue Bändchen mit dem Titel „Fotogeschichte aus dem Geist des Fotobuchs“ des Essener Professors für Theorie und Geschichte der Fotografie Steffen Siegel zu. Es besitzt ein klar strukturiertes Cover, liegt gut in Hand und umfasst nur 88 Seiten, verspricht also eine schnelle Lektüre. Hinzu kommen 27 ganz- oder gar doppelseitige Abbildungen.

Der Titel verspricht eine große Perspektive, führt aber auch ein wenig in die Irre. Tatsächlich geht es in Siegels Essay nicht um das Fotobuch schlechthin, sondern um Geschichtswerke zur Fotografie.  Zwar setzt er mit einem Beitrag von Kurt Tucholsky aus dem Jahre 1927 ein und kündigt zugleich schon die Bedeutung eines zeitgleich auch in der Bildgeschichte nachvollziehbaren historischen Wandels an (vgl. 8), doch unter der programmatischen Überschrift „Heldengeschichten“ setzt dann der chronologische Beginn mit dem Gründungsjahr der Fotografie, 1839, ein. Über Carl Schiendl u.a. ist der Weg schnell bis ins 20. Jahrhundert ausgemessen. Dort ist dann der dreiteilige Aufsatz Walter Benjamins „Kleine Geschichte der Photographie“ und die darin besprochenen Bücher der Ausgangspunkt für weitere Rückblicke und zeitgemäße Betrachtungen, z.B. auf Publikationen von Helmuth Bossert und Camille Recht. Mit Siebenmeilenstiefeln schreitet Siegel in seinem Gang durch die Historie der wichtigsten Geschichtswerke in gewohnt eleganter und wunderbar lesbarer Sprache voran und kommt wieder an der produktiven Zeit der Fotogeschichtsschreibung, um 1930, vorbei. Hier sind es vor allem die Bände von William Shepperley als auch Erich Stenger, denen er sich ausführlich widmet.

Zum Schluss kommt die „Fotokunstgeschichte“ (62 ff.) in den Blick, bei der natürlich Beaumont Newhall im Zentrum steht. Überraschend dann noch das 1945 in Paris erschienene Geschichtswerk von Raymond Lécuyer, das bislang kaum bekannt ist, von Siegel aber mit Hilfe wunderbarer Abbildungen in seiner besonderen Qualität der bibliophilen Verschränkung von Text und Bild aber als eine überzeugende Entdeckung präsentiert wird.

Insgesamt liefert Steffen Siegel mit diesem Bändchen einen konzisen, perfekt lesbaren Überblick zu einem hochinteressanten Thema, das nach seinem überraschenden Ende in der Zeit um 1980 nach einer historischen Fortsetzung bis ins 21. Jahrhundert geradezu bettelt. Ein erstes Schwergewicht dieser Aufgabe einer Wiederauffindung des Geistes auch in der neueren Geschichte der Fotografie wäre dann sicher das Standardwerk von Michel Frizot, das seit 1994 Generationen von Studierenden geprägt hat.

Steffen Siegel, Fotogeschichte aus dem Geist des Fotobuchs, Göttingen: Wallstein 2019

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