4 Fragen an…Jörg Sasse

Ich würde behaupten, dass Du in Deutschland zu den Pionieren beim Einsatz digitaler Mittel in der künstlerischen Fotografie zählst. Heute wird viel über KI gesprochen: erkennst Du in dieser (tatsächlich gar nicht mehr so ganz neuen) Technik ähnlich innovative Möglichkeiten wie beim Einsatz digitaler Instrumente in den neunziger Jahren? Oder was interessiert Dich momentan am meisten im Hinblick auf technische Mittel?

Mitte der 1970er Jahre begann meine Praxis in der Programmierung von Computern und führte über einige Fremdrechner 1987 mit der Anschaffung eines eigenen Atari ST erstmals auch zur Vernetzung mit weiteren Computern. Ich hatte die vage Idee für ein Programm, dass es ermöglichen sollte, unterschiedliche Abläufe eines Textes generieren zu können. Es ging vornehmlich um den Versuch, der Linearität eines Buches etwas „Relationales“ entgegen zu setzen, denn genau das versprachen in meinem Verständnis die Möglichkeiten des Computers.

Ich musste feststellen, dass es diesen Ansatz bereits in den gerade aufkommenden sog. „Textadventures“ gab. Ich begann einfache Programme zu schreiben, die eher dekonstruierten, zum Bespiel Texte nach vorgegebenen Parametern zerlegen und neu zusammensetzen konnten. Um den Spaß an den Ergebnissen nicht zu verlieren, spielte für mich früh der Einsatz von „Zufall“ im Programmablauf eine Rolle. Im weiteren Umgang mit Computern begegnete ich schnell der Arbeitsweise von relationalen Datenbanken. Ich kannte selbstverständlich Weizenbaums „Eliza“ und suchte nach Möglichkeiten, vom strukturierten Wörterbuch einer „Eliza“ zu den Vorteilen der Verwendung „relational verknüpfter Tabellen“ zu kommen. Parallel entwickelte ich Algorithmen, die Text in „Ton-Daten“ übersetzen konnten, um damit Synthesizer oder Sampler anzusteuern. Die Kombination aus meiner „Textverarbeitung“ und darauf basierender Tonerzeugung führte ich 1989 erstmals zusammen. Die zweite Version davon war auf der „Multimediale I“ in Karlsruhe im Herbst 1989 ausgestellt.

Mit dem 1990 erschienenen Windows 3 wechselte ich in die sog. „PC Welt“: mit Farbmonitor und zunächst 256 Farben, dann relativ schnell über 64.000 bis hin zu 16.7 Mio. Farben. Und mehr neuen Programmierkonzepten. Meine ersten Versuche mit programmgesteuerter Bildanalyse begannen. 1992 hatte Adobe die Windows Konkurrenz „Photostyler“ gekauft und abgewickelt und sein eigenes „Photoshop 2.5“ herausgebracht. Photoshop war aus meiner Sicht überwiegend der Versuch einer Umsetzung von Dunkelkammermöglichkeiten in eine Software. Eine große Einladung an mich mit dem Wissen um die kompletten analogen Workflows in Schwarzweiß und Farbe. Über den befreundeten Besitzer eines Druckvorstufenbetriebs kam ich an meine ersten „hochaufgelösten“ Scans. Nach vielen Versuchen blieben aus dieser frühen Zeit der „Bildmanipulation“ am Computer die ersten beiden sog. „Tableaus“ von 1993 und 1994 übrig.

Pardon dass ich jetzt soweit ausgeholt habe, aber ich denke es ist wichtig, die technischen Möglichkeiten einer Zeit im Hinterkopf zu haben, um die in ihr hervorgebrachten Arbeiten auch kontextualisieren zu können. Als Künstler hatte ich das Medium Fotografie bis dahin benutzt, um einer ereignisorientierten, linearen Geschichtsschreibung etwas entgegen zu setzen. Transformation von „Alltag“, der wie ein Geruch nicht zu benennen ist, aber von jeder und jedem erkannt wird, der oder die ihn erlebt hat. Die Wahl der Mittel wurde dadurch vorgegeben, welche für mich erreichbar waren. Vom abgebrochenen 2H-Bleistift zum 6B, vom Tuschkasten zur Ölfarbe, von der Kleinbildkamera mit SW-Film zur ersten digitalen 1 MP-Kamera 1997. Beim Umgang mit unterschiedlichen Materialien geht es nicht unbedingt um ständige Verbesserung, sondern eher um Erweiterung des eigenen Verhältnisses zu Material. Jeder Shift kann Sehkonventionen offenbaren, in Frage stellen oder erweitern.

Dass ich in den frühen 1990ern anfing, Bilder am Rechner zu erstellen, die dann immer mehr auf Scans von vorhandenen Fotografien basierten, war nicht der Idee geschuldet, dass ich daraus Kunst machen wollte. Weil mich dann jedoch einige Ergebnisse nicht mehr losließen, habe ich sie in der Hoffnung veröffentlicht, dass dies anderen ebenso ergehen könnte. Eine Folge von Wissen, Erfahrung und Ratlosigkeit, die es aber immerhin ermöglicht, die nächste Arbeit anzugehen.

Ich finde es richtig und wichtig, viel öffentlich über KI zu „sprechen“, auch wenn unter dem Begriff sehr unterschiedliche Dinge verstanden werden. Auf der Webseite des Europäischen Parlaments habe ich den schönen, im Juni 2023 aktualisierten Satz gefunden: „KI-Systeme sind in der Lage, ihr Handeln anzupassen, indem sie die Folgen früherer Aktionen analysieren und autonom arbeiten.“ Zunächst liest sich das wie der etwas hilflose Versuch einer Beschreibung. Ersetze ich jedoch „KI-System“ durch „Menschen“, wird etwas unfreiwillig die ganze Dimension sichtbar. Selbst wenn ich die Idee einer für Mitte des Jahrhunderts prognostizierten Technologischen Singularität verfolge (das ist lt. Wikipedia ein hypothetischer, zukünftiger Zeitpunkt, an dem KI die menschliche Intelligenz übertrifft), dann bleibt die Vermutung, dass die menschlichen Fähigkeiten zu Kreativität und zu Gefühlen die Unterscheidungsmerkmale bleiben werden. Aktuell antwortet das KI-basierte und überwiegend auf technische Fragen spezialisierte Phind.com auf die Frage, was Kreativität ist, mit „Creativity is a complex concept that can be understood in various ways based on the context.”

Das ist eine ebenso geschwätzige wie dumme Antwort.

Die pressewirksamsten Ergebnisse von KI sind überwiegend jene, die auf trainierten Daten basieren. Je mehr Daten, desto differenzierter die Ergebnisse, desto runder die Formulierungen, sollte man meinen. Die trainierten Daten sind jedoch „nur“ das Material, also externer Herkunft oder Autorenschaft. Ein tieferes Verständnis der Algorithmen bzw. deren Programmierenden wäre sicherlich sehr hilfreich, auch im Hinblick auf die „Gefahren“: wer programmiert hier in wessen Auftrag und mit welchem Ziel. „Material“ zu nehmen und es so zusammenzusetzen, dass es aussieht / sich liest / anhört WIE Kunst/Literatur/Musik, kann es ja nicht sein. Oder?

Ich habe von einer Studie gelesen, in der Laien mehr als 50% der Bildbeispiele von der Art Basel und von Abstrakten Expressionisten für KI generiert hielten, dagegen aber nur 25% aller tatsächlich KI generierten Bilder. Mit „Bildern“ sind in solchen Studien eigentlich immer „Abbilder“ gemeint. Die Programmierer sind im Beispiel „Computer Spezialisten“ einer Hochschule, und die Laien an der Zahl 18 Personen. Da stellen sich doch einige Fragen! Und die Presse wirft sich drauf wie einst auf vom Affen gemalte „Gemälde“, und populistische Kulturwissenschaftler haben gleich Material für die nächste Vortragsreihe – selbstverständlich auch komplett mit Second-Hand-Abbildungen aus dem Internet illustriert. Na bravo.

Ich mache inzwischen weiter mit „Basisforschung“ in der Programmierung. Ohne konkretes Ziel habe ich einen neuen Bildgenerator programmiert. Der steckt in den Anfängen und im Moment kommen gelegentlich „schöne Bilder“ dabei raus. Genug um weiterzumachen. Aber ich denke, das reicht noch nicht. Mal schauen, ob irgendwann auf dieser Baustelle etwas „fertig“ wird, was unerwartet genug ist, damit ich es zeigen möchte.

Deine Arbeit am und mit dem Bild hat sich in starkem Maße mit der Frage des Archivarischen beschäftigt. Zugleich entstehen fotografisch auch immer „neue“ Bilder, sodass man nicht davon sprechen kann, dass Dein Ansatz allein auf Vorhandenes zurückgreifen würde. Wie würdest Du Dein Interesse an dem Verhältnis von Altem und Neuem in unserem Bilderkosmos beschreiben?

Mal mit dem Blick eines Außerirdischen, mal mit dem eines „Profis“, habe ich mehrere hunderttausend Fotografien gesichtet, von denen eine Auswahl Einzug in meine Archive fand. Und dies nach keinen konkreten Kriterien außer, dass ich in irgendeiner Weise auf das Material reagiere, ohne dass mir gleich klar ist warum. In meinen Datenbanken finden sich ebenfalls die von mir gemachten Fotografien – die meisten als Material für den Prozess, meine visuelle Kompetenz zu verbessern. Es sind oft die sprachlich ungeklärten Aspekte, die mich wieder und wieder an einem Foto anhalten lassen. Das ist sicherlich ein Grund, warum ich mich daranmache, dies vielleicht in einem Bild herauszuarbeiten. Dabei spielt die zeitliche Herkunft kaum eine Rolle. Um der Menge an Material gerecht zu werden, habe ich sehr früh angefangen, relationale Bilddatenbanken aufzubauen. Je mehr verlässliche Daten, umso besser gelingt es in Schnittmengen den verborgenen Eigenschaften meines Materials näher zu kommen.

Die Verbindung zwischen meinen Programmierkenntnissen und visuellen Fähigkeiten hat 2008 zur Veröffentlichung des ersten „Speichers“ geführt. In dem geht es inhaltlich mit seinen 512 Bildern in 56 Kategorien vornehmlich um das Verhältnis vom Bild zum Abbild. Etwas, dass mich bereits seit den 1980ern in Bezug auf die Rezeption fotografischer Bilder umgetrieben hat.

Kleine Fangfrage: ich schaue aus dem Fenster und sehe eine faszinierende formale Konstellation, die mich zum Nachdenken über die Wirklichkeit, Wahrnehmung und das Leben veranlasst. Wenn dies passiert, frage ich mich: Wozu bedarf es dann noch Kunst? Wie reagierst Du darauf oder anders: warum brauche ich (dennoch) Bilder?

„Verweile doch, du bist so schön!“ Vielleicht hilft die Kunst, das Sein im Hier und Jetzt besser zu spüren – oder leichter zu ertragen. Oder sogar, es mit jemandem zu teilen. Du kannst mir aber auch gerne Mal den Blick aus deinem Fenster zeigen. Vielleicht geht es ja um das Verhältnis vom Innenraum zu dem, was im Fenster- Ausschnitt vom Draußen zu sehen ist – und das vermeintlich „Formale“ ist nur eine Hilfe, Deine trainierten Filter passieren zu können.

Dankbar bin ich zum Schluss immer für einen (Geheim-)Tipp, also: Welches Bild, welche Bilder haben Dich 2023 so richtig umgehauen? War es überhaupt ein Foto?

Also: der „echte“ Blick aus deinem Fenster. Das Bild, das ich mir dabei vorstelle, ist fantastisch. Und das vielleicht nicht deshalb, weil es auch eine „faszinierende formale Konstellation“ zeigt, sondern aus einem ganz anderen, nicht mit Worten zu fassendem Grund. Zum Glück gibt es kein Foto davon!

 

Mit bestem Dank an…

Jörg Sasse

…ist Künstler in Berlin

BU: Jörg Sasse

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