What are you committed to? Fotografie-Geschichte als ein möglicher Teil der Kunstgeschichte

Die Akademiker und öffentlichen Institutionen denken – was vielleicht unvermeidbar ist (?) – beim Umgang mit Kunst gern in Schubladen: Man separiert nach historischen Epochen, Stilen, nach Gattungen und Medien. Die Fotografie ist mittlerweile zwar keine junge Bildform mehr, aber als ein Teil des etablierten künstlerischen Diskurses ist sie wirklich vergleichsweise noch ein reifer Teenager. In den Kunst-Museen ist sie erst in den neunziger Jahren und als Bestandteil des Lehrgebietes der Kunsthistorischen Institute deutschsprachiger Universitäten scheint sie erst soeben oder noch immer nicht angekommen. Wo ist dann aber nun ihr Ort in der Kunstgeschichtsschreibung?

Die Abteilung für Fotografie (oftmals aus kaum nachvollziehbaren Gründen mit der „Medienkunst“ verbunden) schreibt ihre eigene Geschichte, die Geschichte der Malerei wird analog als eine separate Entität gehandhabt, die Zeichnung ist allenfalls ein Anhängsel der Letzteren – und so weiter. Ist dies wirklich mehr als nur eine Karikatur der Kunstgeschichtsschreibung? Sind wir im 21. Jahrhundert wirklich weiter als im 19. Jahrhundert? Brauchen wir vielleicht eine integrative Geschichte der Kunst, die alle Disziplinen zugleich ins Visier nimmt oder gerät dann die Besonderheit des jeweiligen Mediums aus dem Blick? Oder würde sich alternativ eine Bild-Geschichte anbieten, die sich allein auf die so genannte „Flachware“ konzentriert und dann zusätzlich noch das bewegte Bild ausschließt (schließlich birgt die Unterscheidung von Film-Geschichte und Kunstfilm weiteren Sprengstoff)?

Zweifellos haben wir es bei der Fotografie mit einem besonderen Problem zu tun, denn das Medium selbst tangiert quantitativ in nur ganz wenig Fällen den Kunst-Diskurs. Das ist mit der Malerei auch so, wird aber aus traditionellen Gründen nie problematisiert, da die Diskursgrenzen zwischen angewandter und künstlerischer Disziplin hier überaus stabil sind. Überdies macht die Fotografie jenseits der Kunst den absoluten größten Teil ihrer Geschichte aus. Bekanntlich spielt sich das Entscheidende hier im Wesentlichen in der Moderne und dann erst seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts ab – zumindest in Europa, während die transkontinentale Geschichte der künstlerischen Fotografie weitere Hochzeiten kennt.

Das vielfältige Problem einer Foto-Kunst-Geschichte wird in der bisherigen Literatur meist pragmatisch angegangen: Der Bachelor-/Master-Student greift auf die schmalen und von daher schnell konsumierbaren Bändchen von Wolfgang Kemp oder Boris von Brauchitsch – und das reicht. Klar, dass dies wohl nicht der Fall ist. Nach Michel Frizots Neuer Geschichte der Fotografie (deutsch: 1998) ist jedoch nicht mehr viel Vergleichbares gefolgt. Aber welche Geschichte der Kunst ist schon befriedigend?

Natürlich sollte man das Thema von mehreren Seiten aus betrachten: Es gibt anregende kommentierte Bild-Sammlungen wie die von David Campany (Art and Photography) und es gibt das wunderbare, wirklich anspruchsvolle zweibändige Werk zum Spezialgebiet des deutschsprachigen Fotobuchs zwischen 1918 und 1945 von Manfred Heiting und Roland Jaeger (Autopsie), doch schon eine Geschichte wichtiger Foto-Ausstellungen ist ein Desiderat, dessen Bearbeitung erstaunlicherweise nicht angegangen wird. Auch hier könnte man spezieller nach der Rolle der Fotografie in Kunst-Ausstellungen fragen. Es gibt sicherlich noch mehrere Geschichten der Fotografie, die sich im Kontext der Kunst schreiben ließen. Doch der Akademismus tendiert zur Thematisierung von Detailfragen, wagt den vom simplifizierenden, mit dem Zauberwort „Pisa“ kokettierten Bildungssystem doch so ersehnten Überblick erstaunlicherweise kaum.

Schon ist man dankbar, wenn es eine ebenso detaillierte wie großflächig angelegte Untersuchung zur „Entdeckung“ der Fotografie (Steffen Siegel, Neues Licht, 2014) oder einen wirklich konzisen Überblick über die Theorie der Fotografie (Bernd Stiegler 2006) findet. In beiden Fällen steht die Frage nach der künstlerischen Relevanz dieser Bilder nicht im Mittelpunkt, doch genau hier bietet sich ein mehr als dankbares Sprungbrett für weitere Erörterungen. Eine Kunstgeschichte der Fotografie scheint also möglich.

Kommen wir aber zurück zum Ausgangsthema: Wie sinnvoll ist eine integrative Kunstgeschichte des Bildes, welche die Fotografie als einen Bestandteil der künstlerischen Bild-Welt behandelt? Die Antwort darauf hängt wohl zentral damit zusammen, ob man sich als Foto- oder als Kunsthistorker begreift: What are you committed to?

Stefan Gronert

…ist Kurator für Fotografie am Sprengel Museum Hannover

2 Kommentare zu What are you committed to? Fotografie-Geschichte als ein möglicher Teil der Kunstgeschichte

  1. Schreiben wir denn noch an „Kunstgeschichte“ oder nicht längst schon an einer Bildgeschichte und Geschichte des Bildgebrauchs, bei der/bei dem den ‚fotografischen‘ Bildern seit ihrer Entdeckung/Erfindung und nach wie vor eine besondere Rolle zukommt?

  2. Über den Sinn der Suche nach einem Sinn, habe ich mich sinnvoll betrunken, und kam zu der Erkenntnis, dass es sinnlos ist, Kunst in eine bedingungslose Sinnhaltigkeit zu begeben

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