Gerade haben wir das Wolfgang Tillmans-Ausstellungs-Jahr (Remscheid, Dresden, Paris) hinter uns gebracht und plötzlich ist auch schon das erste Viertel des 21. Jahrhunderts vergangen. Und wie war das Jahr für die deutschsprachige Foto-Szene?
Im März haben wir noch optimistisch geschaut und eine Zeitenwende prognostiziert. Zu Recht: denn die Diskussion um ein Bundesinstitut für Fotografie hat tatsächlich Fahrt aufgenommen. Nachdem der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages im November 2019 eine Summe von 41,49 Millionen Euro für ein solches Projekt bewilligt hatte, konnte sich in diesem Sommer eine namhafte Gründungskommission auf einige grundlegende Empfehlungen einigen, die fachlich durchaus anspruchsvoll sind. Doch scheint sich die Politik wieder einmal schwer zu tun und das Ganze zeitlich im Stile eines Kaugummi in die Länge zu ziehen. Selbst wenn es vor der nächsten NRW-Landtagswahl im Frühjahr 2027 opportun wäre, erste Schritte der anstehenden Umsetzung zu vermelden, welche die Kulturszene hoffnungsfroh stimmen ließe, (allein schon um die realistisch besehen doch eher knappen Bundesmittel nicht verfallen zu lassen,) so darf man aber ohne Zynismus von einer Eröffnung eines Deutschen Fotoinstitutes realistisch erst im nächsten Jahrzehnt auszugehen.
Welches waren die weiteren großen Themen des Jahres? Immer noch die Debatte um KI, ein Thema, das vor genau drei Jahren erstmals in diesem Blog diskutiert wurde? Sie scheint eine Art Wiedergänger der in den neunziger Jahren entbrannten Debatte um die digitale Fotografie zu sein. Sehr viele inhaltlich anders akzentuierte Argumente kann man dazu im Kontext der Kunst jedenfalls kaum finden. Das hier als Titelbild verwendete KI-Bild, so weit darf man schon in die Kugel blicken, gehört zumindest nicht dazu…
Sodann erreichten uns am Jahresende noch zwei Neuigkeiten: Zum einen die über den weiteren Ausbau der Beschäftigung mit Fotografie und verwandten Medien auf einer digitalen Plattform. Die Rede ist von der Gründung von P.IN.E.A. Dazu aus der Ankündigung des in Wien u.a. von Nela Eggenberger, der vormaligen chefredakteurin von „Eikon“, gegründeten Publikations-Organs:
„P.IN.E.A steht für Photography, Intermedia Et Al. und beschäftigt sich mit Fotografie und mit ihr verwandten Medien. Inspiriert vom Scheitelauge ursprünglicher Wirbeltiere (engl.: „pineal eye“), einem zentral sitzenden, dritten Auge, das fotorezeptive Eigenschaften besitzt und als eine Art Kompass zur Navigation genutzt wird, möchten wir mit P.IN.E.A Orientierungshilfe im Kosmos apparativer Bilder bieten.
P.IN.E.A Periodical erscheint ab sofort fortlaufend online und ab Frühling 2026 halbjährlich im Print. In unserem Online-Magazin findet ihr unter Stories einen Überblick über unsere ersten redaktionellen Inhalte.
Unser Ziel ist es, eine Plattform für eine kunst- und fotografiebegeisterte Community aufzubauen, die international vernetzt und lokal verankert ist. Wollt ihr von Anfang an mit dabei sein? Dann seht euch gerne unsere Memberships an!“
„Willkommen!“, möchte man da nur sagen. Umgekehrt verhält es sich mit der Schweiz, in welche man ein trauriges „Salut“ hinter Nadine Wietlisbach herrufen muss. Nach acht Jahren voller Schwung und einer soeben vollendeten Generalsanierung verlässt sie das Fotomuseum Winterthur im kommenden Frühjahr. Mehr als eine Träne der Trauer gepaart mit der Hoffnung, dass das Haus weiterhin der innovativste Ort für zeitgenössische Fotografie im deutschsprachigen Raum bleibt, darf es da schon sein. Gespannt darf man erwarten, was man sich dort einfallen lässt…
Beenden wir das Jahr noch mit einer Nabelschau, also dem Blick auf den eigenen Blog: Wenn wir uns einmal die Position des Self-Marketings zutrauen, so ist zu vermelden, dass wir in diesem Jahr etwa 810.000 Klicks gehabt. Für einen derart auf Fotografie und Kunst sowie Theorie spezialisierten Blog ist das wahrlich kein schlechtes Ergebnis. Darunter waren acht Beiträge mit mehr als 2.000 Zugriffen. Am meisten angesehen wurde derjenige von Tessa Maillette de Buy Wenniger, der sich mit den Problemen des Erhalts von Tintenstrahldrucken beschäftigte und mehr als 4.800 geklickt wurde. Überhaupt erzeugen die regelmäßigen Beiträge zum Thema der „Materialität“ ein großes Interesse. Sie verdanken sich dem redaktionellen, oft auch unmittelbar inhaltlichen Engagement der Kollegin und Restauratorin Kristina Blaschke-Walther.
Auf der Theorie-Ebene im engeren Sinne haben wir nach fünfzig Ausgaben der Reihe „4 Fragen an…“ in diesem Jahr nun die Rubrik „Foto-Theorie NEU gelesen“ gestartet. Dort fanden die Beiträge über die Ansätze von David Campany und Steffen Siegel bislang das größte Interesse. Die Fortsetzung dieser Reihe scheint zwar nicht ungefährdet, da die große Welle der neuen Foto-Theorie momentan womöglich gerade ausläuft, aber warten wir einmal ab, was da noch kommt.
Das zweite Vierteljahrhundert hat sicher noch einige Überraschungen parat!
Stefan Gronert
…ist Kurator für Fotografie am Sprengel Museum Hannover