Wozu man ein Werkverzeichnis benötigt – Überlegungen aus Anlass des zweiten Bandes von Jeff Wall

Der klassische Fotograf folgte der Schnappschuss-Ästhetik und verlor in Anbetracht der Vielzahl der dabei entstandenen Versuche schnell die Übersicht über sein Schaffen. Dieser Zustand gehört seit dem Ende der Suche nach einem „entscheidenden Augenblick“ und dem Beginn einer künstlerischen Verwendung der Fotografie der Historie an.

Der zunächst etwas träge einsetzende Kunstmarkt verlangte schließlich zudem limitierte Auflagen, dem – mit einiger Verzögerung – dann sogar puristische Heroen wie die Bechers folgten. Es liegt auf der Hand, dass das ökonomische Gesetz der Verknappung nicht nur, aber auch zu einer ästhetischen Nobilitierung des Meisterwerks führen konnte. Spätestens in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ging dies einher mit der bisweilen monumentalen Vergrößerung des fotografischen Bildes, dessen physisches Gewicht zusammen mit neuen Formen der Rahmung proportional anwuchs. Dass diese Zuspitzung ein Extrem darstellte, die keineswegs zum ewig leitenden Charakter des Mediums taugen konnte, versteht sich von selbst. Doch während die monumentale Bildgröße längst keine zwingende Eigenschaft zeitgenössischer Fotografie mehr ist, scheint die Verknappung des Angebots eine unabhängige Voraussetzung einer Zugehörigkeit zum Kunst-Diskurs. Vielleicht etwas überraschend in der Geschwindigkeit, logisch jedoch folgerichtig führte diese Entwicklung im nächsten Schritt – und nun befinden wir uns im 21. Jahrhundert – zur Einführung von Werkverzeichnissen.  

Neben historischen Legenden wie Carleton Watkins, Lewis Carroll, Hermann Krone, Julia Magaret Cameron oder Moholy-Nagy (Fotogramme) schickten sich auch die erfolgreichen Zeitgenossen an, ihr Werk übersichtlich in Werkverzeichnissen zu publizieren. Mit Ausnahme des Frühwerks von Cindy Sherman beschränkt sich dies weitgehend auf Männer, angefangen etwa mit Thomas Ruff (2001), Thomas Demand (2018) und nicht zuletzt dem Kanadier Jeff Wall. In Verbindung mit dessen monumentaler Retrospektive im Basler Schaulager im Jahre 2005 erschien ein im noblen Steidl Verlag publizierter, mittlerweile längst vergriffener Catalogue Raisonné, der selbst für Kenner*innen seines Werkes diverse Überraschungen offenbarte. Er enthält neben den bekannten Tableaus auch sämtliche Editionen, Zeichnungen, ja sogar Skulpturen und Modifikationen bzw. nachträgliche Überarbeitungen alt bekannter Fotografien. Im Unterschied zum klassischen, posthum erschienenen Werkverzeichnis wird hier die Frage, was ein „Werk“ ist und auch wann das „Oeuvre“ überhaupt beginnt, aus der Perspektive des Künstlers definiert, obwohl sich noch vor dem 1978 einsetzenden Gesamtwerk bereits in früheren Publikationen (etwa dem Katalog zur berühmten MoMA-Ausstellung „Information“ von 1970) Arbeiten von Wall finden lassen. Autorschaft ist Werkherrschaft, wie der Literaturwissenschaftler Heinrich Bosse das moderne Verständnis des Künstlers bereits 1981 einprägsam charakterisierte – und das ist vielleicht auch in Ordnung so.

Das Verzeichnis der 1978 bis 2004 entstandenen Werke von Jeff Wall listet 120 Nummern auf, liefert wirklich vorbildlich für jede Arbeit Besitzangaben, Ausstellungen, Literatur und Entstehungsbedingungen. Sehr ähnlich ist der soeben erschienene Folgeband für die Jahre 2005 – 2021 aufgebaut und endet mit der fortlaufenden Nummer 192. Eine sehr geringe Anzahl. Und um es vorweg zu sagen: Nicht jedes Einzelbild ist ein Meisterwerk, aber die qualitative Dichte ist frappierend und reflektiert die gedankliche Sorgfalt ihrer Entstehung. Rein rechnerisch produziert der Künstler nicht einmal 4,5 Arbeiten jährlich. Die Frage, wieviel Bilder ein dritter Band des heute bereits 76-jährigen Künstlers umfassen wird, ist wohl pietätlos. Deshalb wenden wir uns den Randerscheinungen des jüngsten Bandes zu und bemerken weitere so genannte “Edition updates”. Sie beziehen sich auf 13 Arbeiten, die vor 2005 entstanden, aber – obwohl sie keine zweite Datierung aufweisen – erst nachträglich als kleinformatige Editionen erschienen sind (S. 206 f.). Darüber hinaus offenbart der nun von Gary Dufour herausgegebene Band beim ersten Durchblättern erneut Überraschungen – zumindest in Bezug auf Werke, welche in Europa noch nicht im Original und insgesamt auch kaum in Reproduktionen zu sehen waren. 

Ansonsten hat man sich im Aufbau und in der grafischen Gestaltung weitgehend an den opulenten Vorgänger-Band gehalten. Und auch inhaltlich steht erneut eine Einführung von Walls theoretischem Wegbegleiter Jean-Francois Chevrier am Anfang (S. 14-23). Die 352 Seiten umfassende Publikation enthält zudem zwei ausgewählte Interviews des Künstlers aus den Jahren 2014 und 2018 – einmal mit Thierry de Duve und sodann mit David Campany, einem weiteren kontinuierlichen Begleiter des Künstlers. Sollte man sich als Forscher*in fragen, warum gerade diese aus dem Pool der zahllosen Interviews (vgl. S. 321-325) ausgewählt worden sind, bleibt man ratlos zurück: Geht es etwa nur um name-dropping? Etwas erschwerend kommt für die Forschung außerdem hinzu, dass die Literaturverweise im neuen zweiten Band für die Einzelwerke entfallen sind. Nach wie vor hilfreich ist allerdings die Auflistung der Ausstellungen der jeweiligen Bilder. Gleiches gilt für die Auflistung der gedruckten und filmischen Interviews eines Künstlers, dessen eng gedruckte Bibliografie wenn nicht erschlagend, so doch einschüchternd wirkt (S. 319-345). Das unterstreicht, ebenso wie der vorliegende Beitrag, die herausragende Beliebtheit von Jeff Wall nicht nur bei der Kunstkritik, sondern auch bei Kurator*innen und Kunsthistoriker*innen.

Wie Chevrier zu Beginn seines Textes, der u.a. interessante thematische und ikonographische Motive in Walls Oeuvre verfolgt, anmerkt, geht es in diesem Band einzig und allein um Fotografie, nicht – wie noch im früheren Band bzw. Werk – um verwandte Medien. Bemerkenswert scheint mir dabei, dass in den vergangenen 15 Jahren zunehmend  mehrteilige Arbeiten entstanden sind (# 132,133, 158,161, 168, 172, 181, 182, 188), die ganz genaue Kenner*innen schon im Frühwerk bemerken konnten. Nicht von ungefähr kommt Steffen Siegel bereits 2014 in der schmalen Publikation „Ich ist wie Andere“ zumindest auf den Modus des Diptychons zu sprechen.

Zwei Marginalien seien abschließend erwähnt: Zum einen der überraschende Umstand, dass einige wenige Bilder niemals ausgestellt und verkauft worden sind (etwa # 137, 143, 144) und das diverse Bilder – trotz der erwähnten Popularität des Künstlers – offenbar keineswegs ausverkauft sind. Zum zweiten ist auf das 250 x 445 cm große Bild „Recovery“ (183) aus dem Jahr 2017/18 hinzuweisen. Würde man den Inkjetprint im Rahmen einer Gruppenausstellung sehen, dürfte man die digitale Collage im Comic-Stil, die erstmals 2019 in der New Yorker Galerie Gagosian gezeigt wurde und nur wenige genuin fotografische Elemente enthält, wohl kaum unmittelbar Jeff Wall zuordnen – ein interessanter Fingerzeig auf einen neuen Weg im Zwischenbereich von Malerei und digitaler Kunst?

Nach diesen Einzelbeobachtungen bleibt abschließend vielleicht noch die Frage nach der Funktion dieses Werkverzeichnisses. Zweifellos durfte man eine Fortsetzung nach dem ersten Band zwingend erwarten. Im Hinblick auf den Kunstmarkt mag es von Interesse sein, dass dieser zweite Band nun nicht von einer reichen Schweizerischen Stiftung, sondern von Walls neuer Galerie publiziert wurde, nachdem er sich 2019 nach 30 Jahren von seiner Stammgalerie Marian Goodman verabschiedet hat. Larry Gagosian ist auch Besitzer diverser Arbeiten. Dies muss uns mittellose Anbeter eines Werkes, welches nach wie vor souverän und zugleich unglaublich variabel zwischen den vom Künstler geprägten Kategorien „near documentary“ und „cinematographic“ pendelt, vielleicht nicht sonderlich interessieren – sicher aber die Kunst-Soziologie.

Jeff Wall: Catalogue Raisonné 2005-2021, hrsg. v. Gary Dufour, New York/New Haven/London: Gagosian/Yale University Press 2022, 175 $

Stefan Gronert

…ist Kurator für Fotografie am Sprengel Museum Hannover

 

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