4 Fragen an…Steffen Siegel

Du bist, wenn ich es recht sehe, in Deutschland der einzige Professor für Theorie und Geschichte der Fotografie. Selbst wenn man konzediert, dass dieses Feld im akademischen Kontext noch recht jung ist, stellt sich doch die Frage: Es gibt doch auch keine Professur für Theorie und Geschichte der Malerei oder Video – wieso dann speziell für ein einziges Medium?

Ich greife zunächst deine Eingangsbemerkung auf. Es ist wohl so, dass diese Professur im deutschsprachigen Raum noch immer die einzige dieses Namens ist. Aber das ist doch eher eine Frage des Türschilds. Denn natürlich gibt es zahlreiche Kolleginnen und Kollegen innerhalb wie außerhalb von Deutschland, die dieses Feld nun Forschung wie Lehre regelmäßig bearbeiten – allemal auch in der jüngeren Generation.

Die Gründe, die in den frühen 1990er Jahren zur Einrichtung dieser Professur führten, halte ich immer noch für sinnvoll. Fotografie ist, wenigstens seit einem Jahrhundert, eigentlich aber schon länger, nicht einfach ein weiteres Bildmedium von vielen, das es eben auch noch zu erforschen gilt. Mit Fotografien führen wir lange schon große Teile unser alltäglichen Lebens. Wir erleben es fortgesetzt: Auch weit jenseits des Kunstfelds sind Fotografien entscheidende Instrumente der gesellschaftlichen Kommunikation. Wenn wir uns in Bildern orientieren, handelt es sich fast immer um solche, die der Medienphilosoph Vilém Flusser als technische Bilder angesprochen hat. Und er war es auch, der bereits vor vier Jahrzehnten zurecht unterstrichen hat, dass eine solche Allgegenwart eine kritische Reflexion umso nötiger macht.

Wenn es um die Präsenz eines solchen Nachdenken innerhalb der Universitäten geht, lohnt sich übrigens ein Seitenblick: Zu den technischen Bilder gehören neben den still stehenden Fotografien ja auch die bewegten, also alle möglichen Formen filmischer Bildlichkeit. Für sie hat sich bereits vor Jahrzehnten mit der Filmwissenschaft eine eigene akademische Disziplin etabliert, die heute an vielen Orten und in großer Vielfalt unterrichtet wird. Es ist müßig, darüber zu streiten, ob wir etwas verpasst haben, dass zeitgleich nicht auch eine Fotowissenschaft entstanden ist, obwohl es hierfür sehr wohl Versuche gab. Vielleicht ist es aber sogar ganz gut so, dass das Nachdenken über Fotografien in diesem Sinn nicht diszipliniert wurde, sondern noch immer eine Sache des interdisziplinären Diskurses ist. Umso wichtiger aber ist es aus meiner Sicht, dass es wenigstens einzelne Professuren für diese speziellen Fragen gibt. Und davon sollte es ganz gewiss sollten noch mehr geben!

An der Folkwang Universität der Künste in Essen, an der du seit 2015 unterrichtest, gibt es insgesamt drei Studiengänge zur Fotografie. Einer davon ist ganz der Theorie und Geschichte des Fotografie gewidmet. Kannst Du die verschiedenen Studiengänge charakterisieren?

Zwei unserer Studiengänge – ein Bachelor- und ein Masterprogramm – richten sich an alle, die die fotografische Praxis in ihrer ganzen Breite erlernen wollen. Damit meine ich einerseits die verschiedenen Technologien, analoge Fotografie wird bei uns ebenso ernst genommen wie digitale; andererseits aber auch die Anwendungsfelder, die weit über Fotografie als Kunst hinausreichen. Gewiss eine Besonderheit bei uns an der Folkwang Universität ist aber ein zweites Masterprogramm, das wir 2016 eingerichtet haben und das sich an alle richtet, die die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Fotografie in theoretischen und historischen Fragestellungen vertiefen wollen. Wir nennen dieses Programm „Photography Studies and Research“, betonen also den Forschungsanteil in diesem Master. Hierzu gehören Kurse zur Theorie und Geschichte der Fotografie, zur Ästhetik und zu den institutionellen Kontexten des Fotografischen.

Allerdings ist ebenso wichtig, dass alle, die bei uns diesen wissenschaftlichen Master studieren, auch praktische Kurse belegen, also die Prinzipien des Fotografischen in der Dunkelkammer und am Computer intensiv erfahren. Als eine Universität der Künste können wir hier geradezu selbstverständlich Theorie und Praxis miteinander vernetzen. Ich bin davon überzeugt, dass das zu einem ganz anderen Verständnis des Mediums beiträgt. Entscheidend ist dabei natürlich die Zusammenarbeit mit den insgesamt fünf künstlerischen Professuren sowie den Studierenden der praktischen Studiengänge. Hier ereignet sich sozusagen tagtäglich eine Auseinandersetzung mit Bildern und künstlerischen Ideen, die eben erst entstehen und kritisch begleitet werden können. Traditionell ist unsere Ausstellung „Stopover“, die wir einmal jährlich ausrichten, der Ort, an dem sich beide Master-Programme gemeinsam öffentlich vorstellen.

Die Hochschule ist das eine, aber für ein Studium gehört ja auch noch viel mehr dazu: Gibt es Formen der Kooperation mit anderen Institutionen (Museen, Ausstellungshäusern, Unis, Archiven o.ä.)?

Die gibt es natürlich, und tatsächlich versuche ich, diesen Kooperationen innerhalb des Studienprogramms möglichst viel Raum zu geben. Wer sich bei uns für „Photography Studies and Research“ einschreibt, soll die Möglichkeit erhalten, eine große Breite professioneller Arbeit im Umgang mit Fotografien bereits während des Studiums zu erproben. So waren wir den zurückliegenden Jahren an kuratorischen Projekten beteiligt, die zu verschiedenen Ausstellungen führten, zum Beispiel im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg, im Museum für Fotografie in Berlin, in der Kunststiftung DZ Bank in Frankfurt am Main – und nicht zuletzt am Sprengel Museum in Hannover!  Ein aktuelles Projekt findet gerade mit der Fotoszene in Köln statt.

Unsere enge Kooperation mit dem Museum Folkwang ermöglicht es, dass Peter Konarzewski und Heike Koenitz jedes Semester Kurse zur Restaurierung und Konservierung von Fotografien anbieten. Darüber hinaus veranstalte ich immer im Wintersemester ein Seminar in Zusammenarbeit mit einer fotografischen Sammlung oder einem Archiv, das in die praktische Arbeit in solchen Institutionen einführt und bislang Unerforschtes befragen soll. Und schließlich geben wir der konzentrierten Arbeit an eigenen wissenschaftlichen und essayistischen Texten viel Raum. Einige sind inzwischen in wissenschaftlichen Journal und Katalogen erschienen, was mich natürlich sehr freut!

Gibt es ein Thema, dass dich schon lange interessiert und dass Du gern mal in einem Forschungssemester bearbeiten würdest?

Solche Themen gibt es natürlich viele. Aber an einem aber liegt mir gerade ganz besonders. Wir wollen im kommenden Sommersemester an der Folkwang Universität, auch über die Fotografie hinaus, in den Seminaren einen Schwerpunkt zu Afrika setzen. Das klingt zunächst einmal sehr pauschal und soll während des Semesters (und wohl auch darüber hinaus) weiter differenziert werden. Diese Initiative greift Diskussionen auf, die wir in unseren Seminaren geführt haben. Gedacht ist es als ein Auftakt, um zu versuchen, unseren Blick, der stets viel zu sehr auf den sogenannten globalen Westen fokussiert ist, zu heben. Dafür wollen wir auch die „Folkwang Photo Talks“ nutzen, die wir seit bald einem Jahr veranstalten – gerade sind wir mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die in Afrika arbeiten, im Gespräch, um sie für den nächsten Sommer zu uns einzuladen.

Mit bestem Dank an

Steffen Siegel

…ist Professor für Geschichte und Theorie der Fotografie an der Folkwang Universität der Künste, Essen

BU: Adrian Sauer, Porträt Steffen Siegel

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