Was 1977 geschah – Fragen zur Historisierung der Fotografie im institutionellen Raum der Kunst

In diesem Sommer erschien ein Buch von Philipp Sarasin, das ich schnell angeschafft habe. Nicht nur weil ich die Beiträge des Zürcher Historikers (etwa zu Darwin und Foucault) ohnehin schätze, sondern weil die Publikation im Untertitel eine „kurze Geschichte der Gegenwart“ versprach und zudem im ansonsten lapidaren Titel „1977“ einen Fokus verspricht, der die fotohistorische Perspektive ohnehin interessieren muss.

Im Klappentext des Buches ist zu lesen: „1977 startete die RAF ihre »Offensive 77«, wurde in Paris das Centre Pompidou eröffnet, in Kalifornien der Apple II lanciert – und das Internet erfunden. Was bedeuten diese merkwürdigen Gleichzeitigkeiten? Warum sprach zur selben Zeit Jimmy Carter von den »human rights«, sprachen schwarze Aktivistinnen von »identity politics«, Esoteriker vom »New Age« und Architektinnen von »symbolischen Formen«? Warum gleichzeitig Punk, Disco und Hip-Hop? Und warum sagte Michel Foucault 1977: »Wir müssen ganz von vorne beginnen«?“ – Das klingt wirklich höchst faszinierend, deutet aber durch das Nicht-Erwähnte bereits an, dass der Bildhistoriker mit seiner beschränkten Optik doch nicht so Richtung zum Zuge kommt. Und so bleibt auch die gesamte Lektüre für den mit Scheuklappen begrenzten Kunstwissenschaftler unbefriedigend.

Das erstaunt, denn die kunsthistorische Optik feiert doch das Jahr 1977 wegen der legendären “Documenta 6” ganz besonders. Selbst wenn nahezu keine Konsument*in dieses Blogs (mich eingeschlossen) diese Ausstellung gesehen haben dürfte, sind wir allesamt durch huldigende Texte und Bildmaterial von der befreienden Wirkung der vielleicht „besten“ (oder nach der d5: der zweitbesten) Documenta aller Zeiten überzeugt. Und in der Historiografie der Fotografie wird dieses Ereignis mit seiner von Klaus und Gabriele Honnef (-Harling) kuratierten Überblicksausstellung zur damals bereits 140 jähre währenden Historie des Mediums zudem als die entscheidende Wende zur Wiederentdeckung der Fotografie im Kunst-Kontext gefeiert. 

Aber stimmt das denn eigentlich? Erlebte die Fotografie als Kunst hier wirklich eine Wiederauferstehung – nachdem sie in den zwanziger und dreißiger Jahren in Europa bereits brilliert hatte? Zweifellos: diese große Überblickspräsentation muß im Kontext der als „medienkritisch“ apostrophierten Kasseler Großausstellung für Zeitgenoss*innen wie eine Entdeckung gewirkt haben. Für die von einer anderen Geschichte präformierte US-amerikanische Sicht galt dies zwar nicht, wie die lässige Reaktion der Korrespondentin der Washington Post offenbart, wenn sie über „eine scheinbar endlose und ungeordnete Fotoschau, offenbar eine der ersten im Zusammenhang mit zeitgenössischer Kunst auf dem Kontinent“ spricht und in ihrer Bewertung zu dem Resultat kommt „für den Amerikaner birgt sie wenig Überraschendes“. Für die europäische Perspektive hingegen, vielleicht mit Ausnahme der französischen, dürfte es hingegen eine Offenbarung gewesen sein. 

Allerdings muss die beflissene Rezeptionshistoriker*in diese Einstufung dann doch etwas relativieren. Man rufe sich doch bitte in Erinnerung (falls man es denn überhaupt weiß), dass bereits 1973 im Leverkusener Museum Schloss Morsbroich und anschließend im Kunstverein Wolfsburg die von Rolf Wedewer kuratierte Überblicksausstellung „Medium Fotografie: Fotoarbeiten bildender Künstler von 1910 bis 1973“ zu sehen war. Abgesehen davon, dass dem Titel noch die lange Zeit fortwirkende Differenz zwischen Fotografie und bildender Kunst zugrunde liegt, bot die im Vergleich zu Kassel sicher kleinere Ausstellung einige erstaunliche Einsichten. Immerhin waren in Leverkusen 47 Positionen zu sehen, davon mehr als die Hälfte aus der Zeit der klassischen Moderne. Zudem wurde die Präsentation von einem 170 Seiten umfassenden Katalog begleitet – gestaltet übrigens von Harald Ronkholz, dessen Ehefrau Roswitha, genannt Tata, 1976 eine der ersten Studentinnen von Bernd Becher in Düsseldorf war. Im Rückblick auffällig ist dabei, dass die großen Heroen der neusachlichen Fotografie Karl Blossfeldt und Albert Renger-Patzsch in Leverkusen nicht zu sehen waren. Und dies, obwohl Ann und Jürgen Wilde, die großen und verdienstvollen Wiederentdecker von deren Werken doch bereits im Vorjahr ihre Galerie im Nachort Köln eröffnet hatten. In dieser Hinsicht war Wedewer einfach zu früh, denn die Wildes kamen selbst erst seit 1974 zu Blossfeldt und anschließend zu Renger-Patzsch. Pech gehabt. Auch eine mögliche fachliche Unterstützung durch die ebenfalls erst 1974 erfolgte Eröffnung der Galerie Lichttropfen in der Aachener Kockerellstraße kam für die Recherchen des Leverkusener Direktors zu spät. 

Halten wir aber fest: 1973 fand eine immerhin bemerkenswerte Überblicksausstellung zu 63 Jahren künstlerischer Fotografie statt, deren eigene Rezeption in der Foto-Geschichte jedoch  eigentümlich begrenzt ist. Lag das daran, dass der Autor ansonsten nur bei einer Klaus Rinke-Aussstellung 1970 und einer Ausstellung zur subjektiven Fotografie 1980 mit dieser Bildform in Berührung kam und er deshalb im Fach nicht als „Autorität“ gilt? Mag sein. Über den mediengeschichtlich verengten Horizont hinaus hat sich vor die Erinnerung an diese Ausstellung zweifellos auch ein anderes legendäres Ereignis geschoben, das sich wenige Wochen später an eben diesem Ort ereignete: die Reinigung der Beuys’schen Badewanne! Und selbst wenn das kleine Haus am Rhein in den ausgehenden sechziger und frühen siebziger Jahren sicher zu den inhaltlich avantgardistischsten Tempeln Europas zählte: zwei Mal Leverkusen im Jahre 1973 wäre doch wohl etwas zu viel des Guten – oder? 

Genug der Spekulationen über eine mißlungene Rezeptionsgeschichte innerhalb einer sich hoffentlich bald differenzierteren Historiografie der Fotografie! Immerhin wird deutlich, dass bereits in den frühen siebziger Jahren in Deutschland einiges in Gange kam, was dann in Kassel kulminierte. Es gibt noch viel zu erforschen, denn es geht nicht nur um den Mythos 1977, sondern auch um die Voraussetzungen für dieses „Ereignis“, das bei Sarasin völlig unter den Tisch gefallen ist. War es für die „große“ Geschichte vielleicht dann doch auch wirklich nicht so wichtig?

Stefan Gronert

…ist Kurator für Fotografie am Sprengel Museum Hannover

 

BU: Katalogcover, Leverkusen 1973