4 Fragen an…Peter Konarzewski

Als einer von zwei Fotorestaurator*innen am Museum Folkwang in Essen betreust du eine einzigartige fotografische Sammlung und damit einhergehend auch zahlreiche Ausstellungen und Leihvorgänge. Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Dir im Museum aus?

2021 richtete die Stadt Essen mit Unterstützung der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung erstmals zwei neue Fotorestaurierungsstellen am Museum Folkwang ein. Obwohl wir auf die Erweiterung des institutionsübergreifenden Zentrums für Fotografie Essen um den Bereich Konservierung und Restaurierung von Fotografien erfolgreich zurückblicken, bleibt ein kontinuierlicher Ausbau des Fachbereiches unerlässlich.

Unsere Arbeit ist äußerst vielschichtig, und es ist schwierig, einen typischen Arbeitstag an einem Beispiel festzulegen. Neben der umfangreichen Betreuung der im Museum rotierenden Wechsel- und Dauerausstellungen unterstützen wir konservatorisch den Leihverkehr, erfassen fotografische Neuerwerbungen, pflegen die Sammlung, führen präventive und restauratorische Maßnahmen durch, kontrollieren die Einhaltung von Konservierungsstandards, beraten unsere Partnerinstitutionen mit fotografischen Archiven und unterrichten an der Universität Folkwang Materialität im Kontext der Fotorestaurierung.

Auch nach drei Jahren variieren die Anforderungen und Aufgaben jedes betreuten Projekts stark, sodass man sich nie dagewesenen Fragestellungen immer wieder neu annähern muss. Dennoch bleibt unser strukturgebender Kompass in all diesen Prozessen unverändert – der stetige Respekt gegenüber dem Originalkunstwerk und der Erhaltung seiner Geschichte.

Während Deines Studiums an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, Studiengang Konservierung und Restaurierung von Kunstwerken auf Papier, warst Du etwa 1,5 Jahre am Los Angeles County Museum of Art. Was waren für Dich die im Nachhinein wertvollsten Erfahrungen bzw. learnings, von denen Du auch heute noch profitierst? 

Richtig. Zwei Spezialisierungen prägen maßgeblich meine heutige Tätigkeit: Das Studium der Papierrestaurierung und meine Leidenschaft für fotografische Materialität – begleitet von inspirierenden Lehrerinnen. Im Nachhinein hat mir diese synergetische Mischung sehr geholfen mein im Studium und in den Praktika erworbenes Wissen vollumfänglich einzusetzen. Doch wie Vielen am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn, fehlte mir eins: Berufserfahrung und der Blick außerhalb restauratorischer Praxis in die Welt der Fotografie. Das Andrew W. Mellon-Stipendium am LACMA ermöglichte mir nicht nur die kunsttechnologische Erforschung einzigartiger Fotobestände und die Durchführung bestandserhaltender Umlagerungs- und Restaurierungsmaßnahmen. Parallel dazu förderte das Programm die interdisziplinäre Zusammenarbeit innerhalb sowie außerhalb des Museums und ermutigte zu neuem Denken. Die wertvolle Erkenntnis: Die Erhaltung des fotografischen Erbes liegt nicht nur im Interesse von Sammlungen, sondern erfordert insbesondere auch eine interdisziplinäre Zusammenarbeit über verschiedene Interessengruppen der Fotografie hinweg – von Produktion, Gestaltung, Archivierung bis hin zur Lehre und Forschung. Und selbstverständlich die Erkenntnis, dass man nie ohne Sonnenbrille und Sonnenschutz in Los Angeles das Haus verlassen sollte. 😉

Mit dem Archiv Michael Schmidt bekommt ihr nun einen umfangreichen Fotografen-Nachlass ins Haus, zunächst herzliche Gratulation an Euch zur Übernahme. Worin siehst Du aus konservatorischer Sicht die größten Herausforderungen bei solch einer Übernahme?

Das Museum erwartet voller Vorfreude und Neugier die Integration dieses einzigartigen Nachlasses. Die physische Überführung des Michael Schmidt Archives aus Berlin nach Essen ist jedoch eine ernstzunehmende Mammutaufgabe, an der wir bereits seit März letzten Jahres arbeiten. Da es sich nicht allein um einen Kunsttransport handelt, sondern vielmehr um den Umzug eines gesamten Archivs, erfordert die Überführung frühzeitig gut durchdachte logistische und konservatorische Vorbereitungsmaßnahmen. Erste Etappen der Planung, nämlich die Sichtung der fotografischen Bestände und die Bewertung konservatorischer Risiken beim Transport und der Einbringung sind erfolgreich abgeschlossen. Zusätzlich wurden Depotflächen geschaffen, um den umfangreichen Bestand im Museum unterzubringen. Unsere aktuelle Planungsphase umfasst die praktische Aufteilung des Mobiliars (z. B. Planschränke, Regale, Hängeregister etc.) für die archivgerechte Lagerung der fotografischen Materialvielfalt. Zum Archivbestand gehören neben gerahmten und ungerahmten Fotografien, sämtliche Negative und Kontaktabzüge, Schriftgut sowie die private Bibliothek von Michael Schmidt. Im Herbst führen wir den Archivumzug mit großem personellem und logistischem Aufwand durch und koordinieren neben klimatischen Vorgaben das Verpacken und Ausladen der Fotobestände unter Einhaltung des im Berliner Archiv bestehenden Ordnungssystems. Es bleibt spannend, denn der abgeschlossene Umzug leitet erst den Auftakt zur Erfassung und Erforschung der bedeutenden Bestände ein. Für eine adäquate Betreuung des Archivs freuen wir uns sehr über den von der Stadt Essen ermöglichten Stellenausbau im Bereich Fotorestaurierung und Wissenschaft.

Welches sind deine Lieblingswerke aus der Sammlung des Folkwang Museums, unter Aspekten der fotografischen Materialität gesehen?

Da kann ich mich dauerhaft schwer festlegen, denn während meiner konservatorischen Tätigkeit entdecke ich immer wieder neue Highlights in der Sammlung. Es könnte also sein, dass im nächsten Monat schon wieder andere Werke im Fokus stehen!

Eine fotografische Position, die ich ab und zu gerne in unserer aktuellen Sammlungspräsentation besuche, ist die große Wandinstallation “Lossless Compression” (2021) von Philipp Goldbach. Sie besteht aus einer beeindruckenden Anzahl von 120.000 Kleinbild-Dias, die aufgrund ihrer unterschiedlichen vergilbten, grauen oder schwarzen Rahmen einer Schieferwand aus Kunststoff ähneln. Dabei handelt es sich um aussortierte Diabestände des Kunsthistorischen Instituts der Ruhr Universität Bochum. Durch die Stapelung der Rahmen bleiben die chromogenen Farbdias vor Licht geschützt. Doch darin liegt auch etwas Melancholisches, denn die ursprünglich archivarisch angelegten Bildmotive bleiben den Betrachtern für immer verborgen.

Besonders gut gefallen hat mir auch die Werkgruppe “Nothing is Easy” (2023), des Folkwang-Absolventen Volker Crone. Er stellt auf großen C-Prints Nachthimmelaufnahmen dar, aus denen mühselig Sterne ausgestanzt wurden. Durch die Richtung der Ausstanzung und den überstehenden Grad entsteht aus einer flachen Farbfotografie eine dreidimensionale Struktur, die unter konservatorischen Aspekten eine speziell angefertigte Aufbewahrung benötigt. Es stellt ein weiteres Zeugnis dar, dass Fotografien mehr als nur Motive sind und die Verformung des Materials für Volker Crone eine gestalterische Rolle spielt.

Abgesehen von meiner Faszination für zeitgenössische Medien möchte ich besonders die Bedeutung hochwertiger historischer Fotografien des 19. und 20. Jahrhunderts hervorheben. Ihre Materialkomplexität und ihre künstlerische Ausgestaltung üben einen zeitlosen Reiz aus, der im Digitalzeitalter überdauert hat. Es betont die Wichtigkeit der Aufgabe, diese Werkqualität auch kommenden Generationen zugänglich zu machen.

Mit bestem Dank an…

Peter Konarzewski

…ist Fotorestaurator am Museum Folkwang tätig und ist zugleich Mitglied der Fachgruppe Fotografie an der Folkwang Universität der Künste

BU: Dominik-Antoni Krolikowski: Porträt Peter Konarzewski

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