4 Fragen an…Jessica Morhard

Du betreust als Fotorestauratorin am Restaurierungszentrum Düsseldorf (RED) seit über 12 Jahren die städtischen Sammlungen, die ja in 2018 mit dem Erwerb der Sammlung Kicken durch den Kunstpalast auch noch mal stark in den öffentlichen Blick gerückt sind. Langeweile bekommt man als Restauratorin dieser komplexen Sammlungen sicher nicht, zumal sich die Erhaltung und Konservierung von Fotografie ja durch die kontinierlichen materialtechnischen Veränderungen in der Produktion auch ständig mitentwickeln muß. Wie würdest Du in Deiner Praxis das Verhältnis von Termin-Arbeit (Ausstellungen, Leihgaben- Betreuung etc.) und Material-Forschungstätigkeit beschreiben? 

Quantitativ gesehen stellt die Sammlung Kicken im Museum Kunstpalast nur einen Bruchteil der fotografischen Bestände der 13 Kulturinstitutionen dar, die ich im Auftrag der Stadt Düsseldorf konservatorisch betreue. Alleine das Stadtmuseum hat eine Sammlung von ca. 80 0000 Fotografien, das Filmmuseum ca. 35 000 und das Theatermuseum ca. 800 000 Fotografien. Aber auch andere Düsseldorfer Kulturinstitutionen wie das Aquazoo Löbbecke Museum sammeln wichtige fotografische Zeugnisse, die fotokonservatorisch betreut werden müssen. Und selbst so manches Kunstwerk im öffentlichen Raum verfügt über fotografische Bestandteile. Durch die Vielfalt und Heterogenität der Düsseldorfer Sammlungsbestände, in denen eigentlich alle Epochen, Genres, Materialitäten und Techniken des Fotografischen vertreten sind, gibt es immer wieder neue Fragestellungen der Erhaltung und Restaurierung. Diese Entscheidungsfindungsprozesse und Maßnahmenkonzepte werden bei uns am Institut durch naturwissenschaftliche Untersuchungsmethoden unterstützt und im interdisziplinären, fachlichen Diskurs mit Sammlungsverantwortlichen und RED-Kolleg*innen erarbeitet. Die Betreuung von Leihverkehr und Wechselausstellungen mache ich nur punktuell, hier wird meist mit externen Kolleg*innen gearbeitet. 

In Düsseldorf gibt es bekanntlich eine umfangreiche und engagierte Künstler*innenschaft. Wie gestaltet sich in dieser Beziehung ein Austausch mit den Produzierenden? Bekommst Du Anfragen im Hinblick auf Ratschläge zum Material-Einsatz (z.B. bei Rahmungen, Befestigungen o.ä.) oder kocht da jeder sein eigenes Süppchen? 

Ja, es gibt viele Künstler*innen, die mit bestimmten Fragestellungen zu den verwendeten Materialien und Techniken kommen. Es ist immer wieder spannend zu sehen, wie unterschiedlich das Interesse und der sorgsame Umgang der Kunstschaffenden mit den eigenen Werken ist. Ein weiterer Austausch findet im Rahmen des Sammlungseingangs von Werken statt, hier werden in Form von Künstler*innen-Interviews alle relevanten Informationen für die Erhaltung des Werks ermittelt. Dies beinhaltet auch Fragen zum Umgang mit Verfall und Veränderung, problematische Aspekte der Erhaltung können direkt besprochen und restauratorisch gesteuert werden. Ein weiterer, äußerst spannender Austausch findet im Rahmen einer „Fotorunde“ statt, die von einem Düsseldorfer Künstler*innen und einem Galeristen initiiert wurde. Diese trifft sich einmal im Monat und geht in einem offenen Dialog zu fotografischen Fragestellungen, wie KI-basierten Fotografien, Ausstellungen, aber auch zu Fragen von Materialität und Erhaltung. Das letzte Treffen haben wir hier bei uns am RED ausgerichtet. 

Kommen wir einmal zur Ausstellungs-Praxis: Es gibt im Kreise der Museen momentan eine rege Diskussion zum Umgang mit „exhibition copies“, bei dem sich diverse Fragen stellen, z.B. Sollte man sie in der gleichen Weise behandeln wie „originale“ Prints? Sollte man sie nur anschaffen, wenn die Zerstörung nach der Präsentation im Vorfeld verabredet ist? Wie ist Deine Haltung zu diesem Themenkomplex? 

Es gibt verschiedene Anlässe und Gründe für die Anfertigung von Ausstellungsabzügen, den sogenannten „exhibtion copies“. So gibt es beispielsweise ganze Ausstellungen (insbesondere Wanderausstellungen), die bereits im Vorfeld mit neu produzierten Ausstellungsabzügen direkt aus dem Studios geplant werden. Zweck dieser Praxis kann z.B. das Sparen kostspieliger Transporte und Versicherungspolicen sein, aber auch die Reduzierung des Leihverkehrs zum Klimaschutz spielt immer häufiger eine Rolle. Ein anderer Fall sind hingegen Ausstellungsabzüge von einzelnen Sammlungsobjekten, die beispielsweise angefertigt werden, um eine Präsentation trotz schädigender Ausstellungsbedingungen zu ermöglichen. Eine Ausstellungsstrategie kann sein, das Original (den Sammlungsabzug) nur anfänglich für kurze Zeit in der Ausstellung zu zeigen und dies mit dem Ausstellungsabzug auszutauschen und für die Besucher*innen nachvollziehbar zu machen. Das Sammeln eines Ausstellungs- und einen Sammlungsabzug „collection print” ist im angloamerikanischen Raum gängige Praxis. Ich empfehle den Sammlungen diese Strategie zu verfolgen (soweit es monetär und vom Objektcharakter überhaupt möglich ist) und auch bei Eingang in die Sammlung zu regeln, wie Ausstellungsabzüge in der Zukunft ersetzt werden können. Eine Zerstörung nach der Präsentation sollte nicht als Bedingung einhergehen. Schließlich wurde viel Expertise und Ressourcen eingesetzt, um die Ausstellungskopie herzustellen. Sie kann, vor allem, wenn sie von der Künstler*in autorisiert wurde, auch eine wichtige Referenz für die Herstellung zukünftiger Kopien sein und sollte unter bestmöglichen Bedingungen erhalten werden. 

Wie wir vernommen haben, soll ja nun ein Bundesinstitut für Fotografie initiiert werden, von dem wir zum aktuellen Zeitpunkt alle aber noch nicht so genau wissen, wie es inhaltlich aufgestellt sein wird. Was wäre Dein Wunsch im Hinblick auf die Aufgaben und die Ausstattung eines solchen Institutes? 

Ich wünsche mir ein Bundesinstitut mit ausreichenden Ressourcen zur interdisziplinären Forschung an fotografischen Fragestellungen. Ein Institut, das zu kunsttechnologischen und konservierungswissenschaftlichen Fragestellungen fotografischer Objekte forscht und Ansprechpartner ist. Ein Institut, welches die Fotografie in ihrer Gesamtheit als fotografisches Erbe betrachtet und Impulse für Ihre fachgemässe Überlieferung setzt. 

Mit bestem Dank an…

Jessica Morhard

…Restauratorin für Fotografie am Restaurierungszentrum Düsseldorf

 

BU: Markus Luigs: Porträt Jessica Morhard, © RED – Restaurierungszentrum Düsseldorf

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