Wo ist der Kunst-Markt für Fotografie? Teil 2: Auf der Suche nach Alternativen

Nachdem wir im ersten Teil dieser Erörterungen zum Kunst-Markt die relative Randstellung der Fotografie in den international führenden Galerien sowie auf dem Auktionsmarkt mit Zahlen unterfüttern konnten, blieb die Frage offen, wo man ansonsten noch fotografische Bilder kaufen oder verkaufen kann.

Der Foto-Kenner wird sich in internationaler Hinsicht auf die Spezialisten-Messe „Paris Photo“ konzentrieren und abseits der genannten Groß-Galerien auf das Programm der vergleichsweise umsatzschwachen, aber qualitativ wohl doch gehobene Angebot der kleinen und mittelgroßen Galerien blicken. Nach dem soeben verkündeten Ende der legendären Galerie Kicken sind das in Deutschland sicherlich Klemm’s, Loock, Robert Morat, Priska Pasquer, Parrotta und besonders Thomas Zander. Wer es hierhin geschafft hat, sollte keine Absatzprobleme bekommen. Aber der Rest?

Das Galerie-Wesen ist kein einfaches Geschäft – für Künstler*innen wie für Galerist*innen. Aktuell wird für die kleinen Galerien ein großes Sterben behauptet https://www.handelsblatt.com/arts_und_style/kunstmarkt/ausstellungsraeume-das-grosse-sterben-der-kleinen-galerien/23086544.html?ticket=ST-72431-atJbHUQ70nsgmDrqEkKt-ap), so dass auch in diesem Bereich, in dem die Fotografie ja ohnehin schon nur eine vermeintliche Randstellung einnimmt, ein Krisen-Szenario vorherrscht. Freilich sei an dieser Stelle auch einmal die grundsätzliche Frage nach dem Anspruchsniveau dieser diagnostizierten Rand-Stellung erlaubt: Warum sollte das Programm jeder großen oder kleinen Galerie denn tatsächlich zu mindestens 25 – 50% aus fotografischen Positionen bestehen? Gibt die künstlerische Qualität dies in der Breite aktuell überhaupt her? Ist also das Lamento über den marginalen Stellenwert überhaupt angemessen? Gehört das Jammern nicht ohnehin zum romantischen künstlerischen Berufsbild? Gibt es ein (demokratisches) Recht auf merkantilen Erfolg in der Kunst?

Wie auch immer: Wo ist der Ort der Fotografie jenseits der Galerien und Auktionen? Der durch die Innenstädte flanierende Laie wird Rat wissen und auf die Kette der allgegenwärtigen Shops von „Lumas“ verweisen. Zusammen mit der hauseigenen Druckerei „White Wall“ bildet sie das Unternehmen „Avenso“. Diese Kette setzt das vorgeblich demokratische Parade-Prinzip der siebziger Jahre „Kunst für alle!“ in pervertierter Form als Feigenblatt für qualitativ indifferenten Kommerz ein: „The Liberation of Art“ (vgl. https://www.lumas.de/ueber-lumas/prinzip/). Der real existierende Kunst-Begriff ist dagegen enger gefasst und die damit verbundene soziale Distinktion funktioniert nach dem bewährten (arroganten) Motto: „Wer sich dorthin verkauft, ist raus aus dem Kunst-Diskurs“. Was billig ist, kann schließlich keine Kunst sein.

Dementsprechend ist auch der einst beliebte und von vielen Kunstvereinen nach wie vor lebenserhaltende Editionen-Markt fast zum Erliegen gekommen. Zwar werden Fotografien nahezu in jedem Fall als Editionen produziert, doch zu umfangreiche Editionen mag der Markt nicht. Auch die Kunst unterliegt zwangsläufig dem ökonomischen Prinzip der Verknappung. Am Rande gesagt: Wohl nicht zuletzt deshalb sind selbst die großformatigen Fotografien des international überaus angesehen Thomas Ruff vergleichsweise preiswert, denn die Menge der Bilder in seinen oft sehr groß angelegten Reihen ist exzeptionell groß. Das alte Gesetz des Kapitalismus: ein zu großes Angebot senkt den Preis!

Bleiben also nur noch die (quantitativ gerade in Deutschland stark vertreten) Institutionen: die Off-spaces, die Kunstvereine, Kunsthallen und Museen? Während die drei Erstgenannten aber allenfalls Ausstellungsmöglichkeiten bieten, die einen ökonomischen Markt bestenfalls anbahnen und sodann „geschmacklich“ stabilisieren (das Thema des „Kanons“), ist es mit den Ankaufsetats der meisten Museen in der Regel (!) nicht gut bestellt. Die vielfach öffentlichen Träger setzen auf Event-Kultur, weniger auf Nachhaltigkeit, d.h. Ausstellungs- vor Ankaufsetat, von den Lager- und Konservierungskosten ganz zu schweigen.

Und überhaupt: Sind die Museen gegenüber einem finanziell explodierten Kunst-Markt inhaltlich wirklich noch „neutral“, d.h. unabhängig? Hängen sie nicht bereits selbst von den großen Sammlern und Galerien ab, so dass sie den Markt nur verstärken, aber keine (kritische) Alternative bieten können? Die schnelle Antwort ist so banal, dass man geneigt ist die Frage zu vergessen, was sich hinter der Vorstellung von „Unabhängigkeit“ überhaupt verbirgt? Wirkliche Eigenständigkeit oder pure Romantik? Muss man sich (ohne jeden Zynismus) vielleicht einfach nur eingestehen, dass es keinen archimedischen Punkt jenseits des Marktes gibt?

Stefan Gronert

…ist Kurator für Fotografie am Sprengel Museum Hannover

 

BU: Annette Kelm, Monney, 2015

1 Kommentar zu Wo ist der Kunst-Markt für Fotografie? Teil 2: Auf der Suche nach Alternativen

  1. “Heute kennt man von allem den Preis, von nichts den Wert.” (Oscar Wilde)
    dieser kluge Satz gilt heute umso mehr auch für die Fotografie. Magnus Resch` Studie kommt zu dem Fazit: Der Kunstmarkt hat ein Riesenroblem: Keiner kauft Kunst.
    https://www.monopol-magazin.de/magnus-resch-erfolg-kunstmar…
    In diesem Artikel gibt es auch Ansätze wie man dies ändern könnte -Lesenswert.
    Im oberen Drittel des Kunstmarktes geht es nur noch um den Preis (Investitionen, Rendite, Geldanlage, usw.) Der “Wert” spielt fast keine Rolle mehr oder “wertschätzen” wir heute nur noch dass, was einen hohen Preis hat? Kommt mir oft so vor, was fatal ist. Kulturpessimismus ist angebracht, denn nicht nur die Fotografie, sondern auch die Kunst allgemein oder auch die Geisteswissenschaften können, werden sie den kapitalistischen Mechanismen unterworfen nur verlieren. Ob Bücher oder Fotos / Kunstwerke sie können sobald sie keinem Massen-Geschmack entsprechen nicht gewinnbringend produziert und verkauft werden. Das verarmt das Denken und die Kultur. Fazit bleibt, es werden die Künstler, Fotografen und Autoren ihre Arbeit auf qualitativem hohem Niveau einstellen müssen, wenn sie keine Einnahmen generieren können, da gerade gute Buch und Foto-Produktionen teuer sind. (Das gilt natürlich auch für Museen und Kunstvereine die nicht aus sicher heraus markt tauglich sind, also öffentliches Geld brauchen) Es gibt einfach Bereiche die man nicht einen kapitalistischen Dogma der Gewinnmaximierung unterwerfen sollte um eine kulturelle Vielfalt zu erhalten. Hier könnten auch Museen und Kunstvereine mehr tun in dem sie für den Künstler / Autor kostenlose jährliche Verkaufsplattformen organisieren. Sozusagen einen für sie kostenlosen “Marktzugang” ermöglichen. Subventionen fließen heute allerorts nur kaum in den Kunstbereichen – mir scheint der Steuerzahler will auch nationale / regionale Kunst sehen, das hat aber auch seinen Preis, diesen will die öffentliche Hand aus Steuermitteln aber nicht zahlen, weil es ihr dann doch nichts “Wert” ist. Aber der kulturelle und regionale Wert von Kunst für eine Gesellschaft scheint unbestritten, denn sie ist ein Heimat und Identifikations- Faktor.

    Ja es gibt in Hannover geringe Projektraum und Atelier – Förderungen. Aber was nutzt diese Förderung wenn, wie im Artikel beschrieben ein Marktzugang fehlt? Und soweit ich hörte waren diese geringen Mittel Mitte April 2019 für das laufende Jahr 2019 noch nicht mal bewilligt? (Bitte mich verbessern sollte die Info falsch sein) Planungssicherheit ? Wertschätzung? Und unsere Kulturdezernent, ein Fragezeichen. Da sehe ich die Bewerbung Hannovers als Kulturhauptstadt 2025 ehr als real Satire zum schmunzeln

    frohe Ostern

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