Wie man Trägheit vermeidet: Das Fotomuseum Winterthur feiert sein 25-jähriges Jubiläum

Der Jubiläums-Band ist eine der schwierigsten Formen der Buch-Produktion, denn er droht sich schnell in einer durch Weihrauch gesättigten Selbstfeier zu verlieren, die letztlich nur die Feiergemeinde selbst interessiert. Repräsentativ gestaltet verstaubt er dann schnell im Bücher-Regal. Dass dies nicht zwangsläufig so enden muss, zeigt nun die Publikation mit dem langen Titel „25 Jahre! Fotomuseum Winterthur: Gemeinsam Geschichte(n) schreiben. Fast Forward“, die aus Anlass des 25-jährigen Jubiläums des Fotomuseum Winterthur entstanden ist.

Das kleine, aber nach einem Vierteljahrhundert immer noch frisch und jung anmutende Fotomuseum ist zweifellos eines (wenn nicht gar: DAS) Zentrum für Fotografie in Europa. Es hat, wie die ersten Beiträge im Jubiläumsband deutlich machen, eine Aufsehen erregend einfache Entstehungsgeschichte, die in einem staatlich organisierten Kulturkontext so nicht möglich gewesen wäre. Sie setzt 1993 mit einer Zusammenkunft von fünf Männern (!) ein. Es war eben jene Zeit, als die Fotografie im öffentlichen Bewusstsein als eine mögliche Kunst-Form erst ankam. Noch tat man sich (nicht nur) in der Schweiz noch schwer mit der Akzeptanz dieses Booms. Wie Urs Stahel darlegt, gilt das für das große Kunsthaus Zürich noch heute (21). Man mag ergänzen, dass der Blick in die zweite Kunst-Zentrale der Schweiz, derjenige nach Basel, belegt, dass sich dort am Kunstmuseum auch noch nicht viel in dieser Hinsicht getan hat. Und wie man weiß, misslang auch in Berlin die viel diskutierte Gründung eines solchen Museums ebenso. Während die Gründung eines Medienmuseums 1993 noch sinnvoll erschien, wird dies heute in Österreich überaus kontrovers diskutiert. Dort hat man, besonders in Salzburg und Wien, die institutionellen Sammlungen längst geöffnet.

Doch zurück zu besagtem Jubiläumsband, der sich in guter schweizerischer Tradition durch eine klare Gestaltung auszeichnet, als Paperback immerhin 382 Seiten umfasst und sorgfältig redigiert ist. Überraschend ist die Auswahl der abgebildeten Bilder. Hier werden nicht im Stile eines Coffee table-books die großen, immer wieder abgebildeten Ikonen der neueren Fotogeschichte reproduziert, sondern man stößt auf wirklich zahlreiche Überraschungen, ja selten oder nie gesehene Bilder aus dem Sammlungsfundus des Fotomuseums, so dass sich dadurch schon allein eine Ehrfurcht vor der beeindruckend mutigen, innovativen Sammlungspraxis des Hauses einstellt.

Der „klassische“ Fundus dieser erst um 1960 einsetzenden Sammlung geht dabei auf die prägende Gestalt der ersten 20 Jahre des Fotomuseums zurück: auf den mutigen und enorm kenntnisreichen Urs Stahel, der das Haus 2013 verließ. Seine Nachfolge war naturgemäß schwer und unruhig, so dass man nun auf die seit 2018 als erste Frau an dieser Stelle eingesetzte Nadine Wietlisbach auf ruhiges Fahrwasser hoffen darf. Mit ihr darf man auch davon ausgehen, dass das Thema der FotografINNEN, lange Zeit – wie auch Florian Ebner in seiner Hommage kritisch anmerkt (222) – ein etwas vernachlässigter Bereich des Hauses, größeres Gewicht erhalten wird. Bezeichnenderweise ist für den Sommer 2019 auch eine große, längst überfällige Sophie Calle-Ausstellung angekündigt. Viel mehr gibt es aber am Fotomuseum kaum zu kritisieren. Auch im Hinblick auf die Integration digitaler Fragestellungen war das Haus schon immer ein Vorreiter: reflektiert und kritisch zugleich im Umgang mit einem populären Medium.

Inwieweit spiegelt sich das nun im vorliegenden Buch? Wie gesagt: in wenig Selbstzufriedenheit, sondern in einer sachlichen Aufarbeitung der Geschichte in den drei einleitenden Beiträgen, welche in Form von Interviews auch entsprechend authentisch daherkommen. Hier kann man manche Details erfahren, die aus der diskreten Schweiz sonst kaum hinausdringen. Vielleicht hätte man sich bei diesem anfänglichen Rückblick ergänzend noch eine Liste der bisherigen Ausstellungen gewünscht, aber nein: das leistet im Zeitalter des Internets doch die entsprechende Homepage, die ja auch vorbildlich noch die Sammlungsbestände dokumentiert.  Mit diesen drei einleitenden Beiträgen zur Geschichte ist es dann auch genug: nicht zu viel zurückschauen, lautet die Devise und das ist letztlich auch gut so für das Medium Buch.

Es folgt eine umfassende Passage mit Bildern zur begleitenden Jubiläumsausstellung, die in kurzen (schriftlich oder mündlich dokumentierten) Erläuterungen von diversen externen Freunden des Hauses kommentiert werden (50-208). Daran schließt die erwähnte Hommage von Florian Ebner an, die ebenso wenig träge ist und entsprechend keck darlegt, wie das Fotomuseum „ein Gegenbild zur nach wie vor prägenden Vorstellung von der Schweiz als Alpen-Käse-Schokolade-Uhren-Land“ (217) entwickelt hat. – Die sodann folgende, ca. 75 Seiten umfassende fotografische Strecke zu den Mitarbeiter*innen und Räumlichkeiten des Fotomuseums ist auch für Außenstehende erträglich, da es recht ansprechende Porträt-Aufnahmen von Anne Morgenstern sind. Richtig Fahrt nimmt die Lektüre aber dann nach Seite 308 wieder auf, wenn unter der Überschrift „fast Forward“ in fünf Beiträgen der Blick aus der Gegenwart in die Zukunft gerichtet wird – und zwar nicht allein im Hinblick auf die Institution selbst, sondern im Hinblick auf generelle Fragen nach dem Ort der Fotografie in musealen Institutionen. Besonders die Beiträge zur Ethik des Sammelns (Annette Vowinckel), zu Kolonialismus und Feminismus (Nicole Power) und zur immerwährend problematischen Frage des Rechts (Gespräch mit Peter und Nicolas Mosimann) berühren explosive Bereiche, die über die Feier eines Jubiläums hinaus zu denken geben und diesen Band wirklich glänzend abrunden.

Doris Gassert u.a. (Hrsg.), 25 Jahre! Fotomuseum Winterthur: Gemeinsam Geschichte(n) schreiben. Fast Forward, Leipzig: Spector Books 2018

 

Stefan Gronert

…ist Kurator für Fotografie am Sprengel Museum Hannover

 

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