Umbos rätselhafte Lichtpendelspuren

Otto Umbehr, genannt Umbo (1902-1980), ist vor allem mit seiner Reportage-Fotografie bekannt geworden. Seine Vielseitigkeit stellt er jedoch nicht zuletzt mit einer Werkreihe unter Beweis, die er vermutlich in der Zeitspanne der späten 40er bis frühen 60er Jahre schuf. Mit den sogenannten „Lichtpendelbildern“ oder auch „Luminogrammen“ wendete er Techniken der experimentellen Fotografie an, welche zur damaligen Zeit auch von anderen Fotografen genutzt wurden, wie zum Beispiel von Peter Keetman oder Heinrich Heidersberger, der solche Arbeiten als „Rhythmogramme“ bezeichnete und mit dem Umbo persönlich bekannt war. Doch was ist an dieser Technik so besonders? Wie können solche Arbeiten entstanden sein?

Zur Herstellung solcher Fotografien war es notwendig Lichtquellen, wie eine Taschenlampe, an selbstgebauten Konstruktionen wie schwingenden Drahtseilen oder Ähnlichem zu befestigen. Zusätzlich konnte auch die Kamera bewegt werden, wie bei Peter Keetman zum Beispiel mit Hilfe eines Grammophons. Heinrich Heidersberger entwickelte für die Belichtung seiner Rhythmogramme sogar ein eigenes Gerät, den sogenannten Rhythmographen, dessen Funktion auch online in einem Video zu bestaunen ist (https://www.heidersberger.de/pages/heinrich_heidersberger/rhythmogramme/index.html). Mit vergleichsweise langen Belichtungszeiten wurde die derart rhythmisierte „Lichtspur“ dann aufgezeichnet. Fototechnisch betrachtet gibt es für die Entstehung von derartigen „Lichtzeichnungen“ die folgenden Möglichkeiten:

Die erste Herstellungsvariante besteht darin, dass im Dunkeln direkt auf ein Silbergelatine-Entwicklungspapier ausbelichtet wird. Dort, wo Licht auftrifft, entsteht durch Entwicklung, Fixierung und Wässerung stabiles Bildsilber, welches als dunkle Linie auf weißem Grund sichtbar wird. Diese Arbeit wäre ein Unikat und ob des mangelnden Negativs nicht mehrfach abzuziehen.

Eine zweite Option zur Herstellung von Luminogrammen wäre, dass direkt im Umkehrverfahren gearbeitet wurde, welches ähnlich wie bei der Diaherstellung direkt ein Positiv-Bild erzeugt, ohne dass ein Negativ notwendig ist. Hier ist ein besonderes Fotopapier notwendig, das speziell für derartige Umkehrverfahren geeignet ist und auch heute noch zum Beispiel von der Firma Imago hergestellt wird. Im Gegensatz zum Silbergelatineentwicklungspapier ist dabei zusätzlich ein Bleichbad sowie eine Erst- und Zweitbelichtung bzw. Erst- und Zweitentwicklung notwendig. Auch diese Form des Luminogramms ist nicht mehr zu vervielfältigen und besitzt ebenfalls einen unikalen Charakter. An dieser Stelle wäre eine weiße Linie auf schwarzem Grund sichtbar, da dies dem tatsächlich „Gesehenem“, also dem Positiv im eigentlichen Sinne entspricht.

Als dritte und für Umbo wahrscheinlichste Möglichkeit ist das Belichten auf ein Negativ in der Kamera. Anschließend können die Negative beliebig vergrößert und auf Silbergelatine-Entwicklungspapiere, wie das von Umbo verwendete Agfa Brovira, abgezogen werden. Der unscharfe Rand rechts im oben gezeigten Werk legt nahe, dass der hier diskutierte Abzug von einem Kleinformat-Negativ ausbelichtet wurde. Gleichzeitig muss Umbo entweder bei der Belichtung das Negativ nicht ordentlich plan oder flächendeckend in das Belichtungsgerät eingelegt haben oder das Negativ selbst hat bereits diesen „Fehler“. Dies wurde dann auch in der weißen, originalen Retusche am rechten Rand zu überdecken versucht. Ein solches Luminogramm wäre an sich mehrfach zu vervielfältigen, was einige vorliegende Kontaktabzüge von Kleinformat-Negativen solcher Lichtpendelspuren im Umbo-Archiv nahelegen, hat aber nicht zuletzt durch die originale Retusche unikalen Charakter.

Um diese möglichen Verbindungen einzelner Luminogramme zu entsprechendem Negativmaterial genau zu ergründen, müsste man das Umbo-Archiv nur daraufhin nochmals genau sichten. Es zeigt sich, welches Wissen über einzelne Werke in den Hannoveraner Archivmaterialien des Umbo-Nachlasses schlummert, ergeben sich doch schier unendliche Forschungsmöglichkeiten. Die wunderbaren Lichtpendelspuren Umbos sind noch bis zum 20.Juli 2020 im Rahmen der Umbo-Kooperation des Sprengel Museums Hannover, der Stiftung Bauhaus Dessau und der Berlinischen Galerie in der Ausstellung „Umbo.Fotograf“ in der Berlinischen Galerie zu sehen.

Kristina Blaschke-Walther

…ist Restauratorin für Fotografie am Sprengel Museum Hannover…

und dankt den Kolleginnen Maria Bortfeldt und Jessica Morhard für den fruchtbaren Austausch im Vorfeld dieses Blogbeitrags.

BU: Umbo, Ohne Titel (Lichtpendelspur – Luminografie), Luminogramm auf Silbergelatine-Entwicklungspapier, 8,7 x 11,9 cm, Copyright: Phyllis Umbehr / Galerie Kicken Berlin / VG Bild-Kunst, Bonn

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