proto- statt post-. Ein Gespräch zwischen Michael Reisch und Georg Bak

Was passiert mit der Fotografie, wenn die außerbildliche Wirklichkeit als Referent entfällt? Ist dies noch Fotografie oder schon dessen Ende? Vielleicht sind dies keine wirklich neuen Fragen und auch solche, die sehr an die Diskussion moderner Malerei erinnern. Auf jeden Fall aber gewinnen sie im Zeitalter des digitalen Bildes im Medium der Fotografie eine neue Prägnanz. Genau darüber haben sich der Kunsttheoretiker Georg Bak und der Künstler Michael Reisch Gedanken gemacht, wie das folgende Gespräch offenbart.

 Georg Bak: Welchen Fragen müssen sich Künstler*innen stellen, die sich heute kritisch mit dem Medium der Fotografie auseinandersetzen?

Michael Reisch: Das ist eine Kernfrage, auch unseres „darktaxa-projects“. Das Medium „Fotografie“ ist im Jahr 2020, was das Handlungspotential und die technische Basis angeht, so tiefgreifend verändert, dass der Begriff eigentlich nicht mehr zutrifft, so wie ich es sehe, also worüber sprechen wir? Aus meiner Sicht als Künstler: da ist momentan das digitale Feld und seine digitale Infrastruktur, und innerhalb dieses Rahmens stehen uns eine Vielzahl von digitalen bildgebenden Verfahren zur Verfügung, generativ oder abbildend, als Rendering oder Recording oder Hybridformen der beiden. Das ist erst einmal sehr positiv, die „Fotografie-die-keine-mehr-ist“ kann 2020 unendlich viel mehr als die Fotografie 1980, ihr Handlungspotential ist explodiert. Diese neuen digitalen Verfahren bauen oft auf traditionellen fotografischen Prinzipien wie Realismus, gegenständlicher Abbildung, der Zentralperspektive, etc. auf oder simulieren diese.

GB: Könntest Du dazu einige Beispiele nennen?

MR: Ja, zum Beispiel CGI, also computer generated imagery, Photogrammetrie, Augmented Reality, 3D-Scanning sind allesamt fotografiebasiert, einige der neuesten KI bzw. GAN-Anwendungen ebenso. Die genannten traditionellen fotografischen Aspekte und Sehmodelle können dabei allerdings übernommen, weiterentwickelt, oder auch komplett überschrieben werden, das ist vollkommen offen. Die direkt abbildende digitale „Fotografie“, wenn man sie noch so nennen möchte, ist in diesem Sinne eher ein Teilaspekt, der mit den anderen Anwendungen im digitalen Feld zusammenkommt und sich überlagert.

GB: Wozu brauchen wir dann den Begriff Fotografie noch?

MR: Er wirkt für mich und viele der Künstler*innen, mit denen ich im Austausch stehe, aktuell eher als Bremse denn als hilfreiche Kategorie. Auch „expanded photography“ oder „post-photography“ lösen das Problem auf Dauer nicht, beides schaut zurück statt nach vorn. Was gerade passiert, ist aber aus meiner Sicht etwas grundlegend Neues. Den ganzen Bereich des Digital Imaging, samt Streaming, Clouds, maschinellen digitalen Aufzeichnungsverfahren, Bilderkennung, KI-generierten Gesichtern etc., noch als „Fotografie“ verstehen zu wollen, wird eher schwierig. Ich versuche, das vom Code, vom Digitalen und seinen Bedingungen aus zu denken, als proto- statt post-: „proto-etwas-das-wir-noch-nicht-kennen“, noch nicht genau benennen können, statt post-photography.

GB: Im Gegensatz zu den analogen Kameras und Bildträgern, entsteht das Bild mit der Digitalkamera in einer Blackbox. Gehört das Programmieren heute zum Vokabular des Künstlers, der Künstlerin?

MR: Die neuen Werkzeuge, wie z.B. alle möglichen Computer-Programme, oder im Einzelfall auch Programmierung, gehören zu unserem zeitgenössischen Handwerkszeug dazu, ja. Die Welt um uns herum hat sich massiv ins Virtuelle verschoben, und die abbildende, direkte „Fotografie“ konnte dem nicht gut folgen, u.a. da sie meist an eindeutige Oberflächen gebunden ist. Ich denke, diese Begrenztheit der Mittel angesichts der digitalen Verschiebung hat auch zu den zahllosen, existenziellen Dauerkrisen der „Fotografie“ in den letzten Jahren beigetragen, zu einer signifikanten Leerstelle im Diskurs. Die neuen digitalen Tools lösen dieses Problem allerdings, sie sind für uns Künstler*innen der entscheidende Schlüssel. Mit ihrer Hilfe können wir direkt in die operative Struktur des Digitalen hineingehen, und ganz anders mit der virtuellen Welt, mit den ständigen Übergängen von materiell zu immateriell, umgehen. Das ermöglicht andere, grundlegend neu konstituierte Bilder, und bringt die generativen mit den abbildenden Möglichkeiten der „Fotografie-die-keine-mehr-ist“ unter einen Hut, das eine schließt das andere nicht mehr aus. Das ist sicher nicht die einzige Möglichkeit, mit der Situation umzugehen, aber aktuell eine, die für uns funktioniert und momentan neue Bilder und Antworten liefert.

GB: Ist „darktaxa-project“ in diesem Sinne zu verstehen?

MR: Definitiv. Das ist eine offene Situation gerade, und „darktaxa-project“ setzt genau an der Schnittstelle der „Fotografie“ zu den neuen bildgebenden Verfahren an, auf experimentelle Art und Weise, und versucht – unter anderem – Antworten auf die oben angeschnittenen Fragestellungen zu finden.

 

Weitere Informationen unter:

http://www.michaelreisch.com und http://www.darktaxa-project.net

 

BU:  Michael Reisch, Ohne Titel (Untitled), 17/021, 2018, 75 x 60 x 3cm, UV-Direct-Print on Dilite

 

 

 

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