Shape of Light – Eine Geschichte der abstrakten Fotografie

Der Titel mancher Bücher klingt so umfassend und wirkt deswegen so einschüchternd, dass man es unbedingt selbst besitzen muss. Das trifft auch für diesen Katalog zur Ausstellung der Londoner Tate Modern zu, der zudem als Paperback auch recht preisgünstig ist (ca. 28 €).

Zwar ist der Titel nicht wirklich präzise gewählt, da sich das Buch weniger auf das Verhältnis von abstrakter Kunst und Fotografie konzentriert als vielmehr auf die Geschichte der abstrakten Fotografie selbst, aber vielleicht ist das sogar noch interessanter – zumal man von einem so großen Haus auch wohl auch nicht zu Unrecht etwas Grundlegendes, ja ein Standardwerk zum Thema erwarten darf. Das dürfte – mit Abstrichen – auch gelungen sein.

Die Geschichte der abstrakten Fotografie wird hier in vier historische Abschnitte eingeteilt: 1920-1940, 1940-1960, 1960-1980, 1980-2018. Es versteht sich dabei von selbst, dass man bei einem solch breiten historischen Horizont immer bestimmte wichtige Positionen vermissen. Und deshalb sollte man die angelsächsische Präferenz einiger ausgewählter Fotografien auch nicht reflexhaft bemängeln, denn grundlegend gilt natürlich, dass an einer wie auch immer relativen Subjektivität von Geschichtsschreibung kein Weg vorbeiführt. Erstaunlich ist hingegen, dass die vorgenommene Periodisierung in keinem der begleitenden vier Essays reflektiert wird, so dass man sich in Anbetracht der der gewählten Einschnitte nur wundern kann. Welche einschneidende Änderung ist 1940 eingetreten oder auch 1980? Leider steht man hier vor einem Rätsel, dass sich wohl allein durch banale Arbeits-Pragmatik begründet, inhaltlich jedenfalls reichlich sinnfrei scheint. Stattdessen hätte man z.B. mit 1950 (Wiederanknüpfung an die klassische Moderne, Stichwort „Subjektive Fotografie“) oder 1990 (Digitalisierung) andere, leicht begründbare Akzente erwarten dürfen. Und auch allgemein muss man feststellen, dass historische oder gar theoretische Grundlagen der Abstraktion in diesem Buch eher stiefmütterlich behandelt werden.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Beginn der vermeintlich 100-jährigen Geschichte: Das erste abstrakte Foto wird von den Autoren (hier speziell: Emmanuelle de l’Ecotais) auf 1909 datiert und George Seeley zugeschrieben – leider aber nicht im Buch reproduziert. Stattdessen wird der lange Zeit vergessene französische Fotograf Pierre Dubreuil gefeiert. Überhaupt hält der Blick auf die ersten drei Jahrzehnte der abstrakten Fotografie in diesem Buch manche hochinteressante Entdeckungen bereit. Und bezeichnenderweise deckt er auch mit Abstand die umfangreichste Periode ab, wohingegen in dem 224 Seiten umfassenden Buch nur ganze 30 Seiten der historischen längsten Periode (1980 bis heute) gewidmet sind. Das sagt einiges, ändert aber nichts daran, dass man trotz berechtigter Kritik an einem solch imposant großen Unternehmen doch einen hilfreichen Überblicksband erhält, den sich jeder historisch interessierte Foto-Freunden getrost in sein Regal stellen sollte.

Simon Baker / Emmanuelle de l’Ecotais / Shoair Mavlian (Hrsg.), Shape of Light: 100 Years of Photography & Abstract Art, London: DAP 2018

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