Kann Theorie Kunst sein? Überlegungen zu einem Phänomen der Grenzüberschreitung

Nicht nur mit dem ästhetischen Diskurs ist das so eine Sache: Jede Ein- und Zuordnung bedeutet zugleich eine Ausgrenzung. Was gehört dazu, was nicht? „High and low“ waren einst bequeme Unterscheidungskriterien, aber auch diese sind schon lange außer Kraft gesetzt. Dass zum Beispiel selbst Werbung Kunst sein kann, ist keine wirkliche Provokation mehr. Nicht allein die Pop Art und ihr Paradebeispiel Andy Warhol liefern dafür dankbare Beispiele. Im Zeitalter der vermeintlich so autonomen Kunst, eine Kategorie, die man deswegen im Umkehrschluss nicht vorschnell verabschieden muss, erregen gezielte diskursive Grenzüberschreitungen stets (manchmal nur kurzzeitig) ein besonderes Interesse. 

Den Bereich der Fotografie betraf das lange Zeit nicht so extrem – zum einen weil man die multiplen Funktionen des Mediums von Anfang als dessen besondere Qualität erkannte, zum anderen vielleicht auch weil sich hier die Ausdifferenzierung des Künstlerischen doch arg verspätete. Das Skandalon der Grenzüberschreitung erschien dabei eher unter umgekehrten Vorzeichen: nicht als Abweichung vom künstlerischen Feld, sondern als ein Eintritt in ein lange gehütetes Revier des bürgerlichen Gattungsdenkens, in dem Fotografie nicht vorkam. Noch heute erlebt man im Museum deshalb bisweilen staunende Besucher*innen in Foto-Ausstellungen. Als Hydra wurde die Fotografie mit ihrer möglichen Zuordnung zur Kunst nur um einen heimlich gewünschten zusätzlichen Kopf bereichert und nicht insgesamt verändert oder gar domestiziert.

Auch wenn manche(r) die Bravheit der heutigen Kunst kritisch sehen mag, ist das Thema der Grenzüberschreitungen, ehemals ein Charakteristikum der so genannten „Avantgarde“, damit jedoch nicht ad acta gelegt. Im Hinblick auf die Fotografie ist es besonders die genuine (?) Nähe zwischen Bild und Wort, welche immer wieder eine offene Flanke anbietet. Eine eher exzentrische Ausnahmestellung nimmt hier das Verhältnis von Theorie und Kunst ein, das man immerhin auf diversen Ebenen beschreiben kann. Zunächst betrifft es die zeitliche Dimension: Das Eine folgt dem Anderen wie das Nachdenken der einen Gruppe dem Tun der Anderen. Jenseits dieser klaren Aufgabenteilung kennt die Kunstgeschichte aber auch Überlappungen. Die historische Conceptual Art bietet dafür einen reichen Fundus. Gemeint ist damit aber nicht die Künstler*innen-Theorie – eine Variante der Theorie mit spezifischer Autor*innenschaft. Vielmehr ist Theorie selbst Kunst, wenn sie z.B. in einem Video wie „Baldessari sings LeWitt“ (1972) auftritt. Ein nicht minder bedeutendes Beispiel, in seinem Verhältnis von Sichtbarkeit und Intelligibilität aber anders strukturiertes Beispiel ist Joseph Kosuths „One and Three Chairs“ (1965), wo platonische Gedanken Form annehmen. Möglichkeiten für Theorie als Kunst existieren also. 

Kommen wir aber nun zu einer wirklich neuen Arbeit, in welcher der beschriebene Modus einer Grenzüberschreitung erneut auf eine weitere Spitze getrieben wird. In Adrian Sauers mehrteiligem „Glossar“ (2017) wird die Reflexion über Fotografie ebenfalls selbst Thema der Kunst. Ist sie aber damit bereits Kunst? Und gehört sie damit auch schon automatisch zum medialen Raum der Fotografie?

Formal bzw. institutionell kann man erst einmal nüchtern feststellen: Die Arbeit ist Bestandteil der Sammlung des Fotomuseum Winterthur. Sie wurde erstmals auf der Mannheimer Biennale für Fotografie 2017, im folgenden Jahr im Photoforum Pasquart im schweizerischen Biel und in der Ausstellung „Kleine Geschichten der Fotografie, # 1“ im Sprengel Museum Hannover gezeigt. Von daher spricht schon einmal viel für eine Zuordnung zum Feld der Fotografie oder besser: des Fotografischen. Das alles vermittelt uns übrigens der penibel zusammengestellte Index einer neuen Monografie zum Werk von Adrian Sauer, die unbedingter Bestandteil einer Foto-Bibliothek sein sollte.

Gegen die Zuordnung zum fotografischen Feld spricht allerdings der Umstand, dass Sauer bei der Entstehung seiner Arbeit keine Kamera verwendet hat – was freilich auch Thomas Ruff schon seit langem nicht mehr tut. Also: Digitale Kunst? Grafik? In seiner Plakat-Installation (!) setzt er die netzartige Form von Hyperlinks optisch um, bleibt aber auf der Ebene des Textes: Ist es also wirklich Kunst oder doch „nur“ Theorie? Und: „Wirkliche“ Fotografie? Oder ist dies in unserem von Rosalind Krauss bereits im Jahr 2000 ausgerufenen post-medialen Zeitalter ohnehin die falsche Frage?

Betrachten wir den weiteren Kontext des Oeuvres: 2019 verlässt Adrian Sauer die Textform in der Soundarbeit „Fotografie ist“. Diese kann man nicht wirklich reproduzieren, sondern („naturgemäß“) nur im Raum erleben. Er scheint die soeben zugespitzte Konstellation  von Theorie und Kunst (/Fotografie) darin um einen weiteren Schritt zuzuspitzen. Denn selbst wenn das (performative, akustische) Kunst ist: Hat das jenseits der Theorie noch etwas mit Fotografie zu tun? Oder ist Sauer nicht nur (im Sinne von: ausschließlich) Fotograf? Eventuell sogar ein Künstler im erweiterten Sinne?

Wer diese Denk-Prozesse (!) als Probleme von gelangweilten Theoretikern oder gar als „Kunsthistoriker-Kunst“ abtun möchte, ignoriert die gezielten künstlerischen Überlegungen zur Form. Klare Antworten auf die hier formulierten Fragen muss man übrigens gar nicht unbedingt finden. Die Grenzüberschreitung an sich ist vielleicht ein ausreichender Katalysator für ästhetische Erfahrung.

Stefan Gronert

…ist Kurator für Fotografie am Sprengel Museum Hannover

 

BU: Adrian Sauer, Glossar, 2017 (Foto: Herling/Herling/Werner)

1 Kommentar zu Kann Theorie Kunst sein? Überlegungen zu einem Phänomen der Grenzüberschreitung

  1. Sind nicht Text (Ausdrucksmittel der Theorie) und Bild im Prinzip zwei Seiten einer Medaille? Auch Flusser folgt diesem Gedanken, wenn er sagt: „Sieht man die Schriftkultur in ihrer Gesamtheit als eine einzige, dreitausend Jahre lang laufende Zeile, so erkennt man sie als eine Schleife, die von Bildern ausgeht, um zu ihnen zurückzukehren.“ (Flusser, Schrift 1987) Ist der Iconic Turn nicht der Wendepunkt der „Schleife“ und wenn ja, befinden wir uns dann bald wieder an Anfang ? – Am Anfang war das Licht und somit eine Ansicht, ein Bild.

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