Globalisierungs-Gewinner? Eine Provokation politischer Fotografie

Das Thema der kulturellen Diversität kann die Fotografie besonders gut und nachvollziehbar thematisieren. Und das ist reizvoll, denn wer will die politische Relevanz der Kunst schon vorschnell aufgeben? Die verführerische Ambivalenz dieses Unternehmens ist freilich auch nicht von der Hand zu weisen – das wurde parallel zur Paris Photo aus Anlass einer Ausstellung von Hassan Hajjaj exemplarisch erkennbar.

Wer den Ansatz des 1961 geborenen Hassan Hajjaj noch nicht kannte, dem gab dessen erste große Ausstellung in Kontinental-Europa im Pariser Maison Européenne de la Photographie die Gelegenheit einer unverzichtbaren Fortbildung. Schließlich wird er werbewirksam als „Andy Warhol of Marrakech“ gehandelt – und das versprach viel. Der zwischen London, wohin er als Kind mit seinen Eltern übersiedelte, und Marokko pendelnde Kreative ist ein Multi-Talent, das nicht nur, aber besonders mit dem Medium der Fotografie spielt. Dabei entfacht er stets ein visuelles Feuerwerk: Individuell gebaute Rahmen, in denen seriell Dosen oder verwandte Gegenstände platziert sind und dann kombiniert werden mit Porträts einzelner Personen, deren Physiognomie vom überbordenden Dekor der Kleidung und des umgebenden Raums aufgesogen werden. Das Bildnis des Individuums kommt hier nicht mehr zum Vorschein. Aber um was geht es dann eigentlich? Verständnis gegenüber der Andersartigkeit im Zeitalter der Gloobalisierung? Ist es eine visuelle Anregung zu einer Debatte um kulturelle Identität oder sogar der Ausdruck des Wunsches nach einer glücklichen Durchmischung, die immerhin im Modus der Kunst gelingt?

Folgen wir dem Katalogbeitrag von Michket Krifa, einer ausgewiesenen Kennerin der nordafrikanischen Fotografie, dann lernen wir: „La vitalité, la liberté et la poésie de Hassan Hajjaj nous font un bien fou! L’allégresse de son univers bigarré met en sourdine toutes nos peines et nos douleurs. Il a la grâce et la subtilité de nous offrir une version apaisée des grandes problématiques qui hantent notre actualité turbulente.“ Das darf man sich auf der Zunge zergehen lassen, zumal die französische Sprache Banalitäten noch galanter verklärt als die deutsche. Nimmt man Krifas aber ernst, dann scheint es Hajjaj aber zumindest ansatzweise wirklich um politische Inhalte zu gehen, nicht allein (wie man nach der Betrachtung des zweiten oder dreitten Bildes auch vermuten kann) nur um attraktiv aufbereitete Unterhaltungskultur.

Unterstellt man also tatsächlich ein politisch motiviertes Interesse von Hajjaj, dann muss man freilich bedenken, ob eine kritische Reflexion der Kunst oder gar eine bildliche Form des Political Correctness hier nicht zur bloßen Masche, ja selbst zu einem kommerziellen Projekt gerinnt, so dass der vermeintlich aufklärerische Impuls politisch pervertiert wird. Wenn er denn dem Anspruch gerecht werden will einen zeitgenössischen Warhol abzugeben, so könnte man Hajjaj vielleicht noch unterstellen, dass es ihm um die Demaskierung des unverkennbaren westlichen Hangs zum Exotismus geht, der sich aber als indifferente Liebe eines bloß oberflächlichen Designs entpuppt und die damit verbundenen wirklichen sozialen Inhalte und kulturellen Lebensformen geflissentlich ignoriert. Tolle, euphemistisch verquaste Worte, nicht wahr?

Aber tut Hajjaj das wirklich oder verhält er sich – wie so viele Formen der Mode-Fotografie und der Werbung – nicht vielmehr selbst mimetisch bzw. parasitär gegenüber den reklamierten hehren politischen Ansprüchen? Es scheint doch eher so, als steigere er noch einmal die Tendenz einer Gewinnmaximierung durch eine Form des banalisierten Exotismus, der sich dann als eine Form der globalen Offenheit nur tarnt. Die hehren politischen Ziele verkehren sich hier in ihr Gegenteil. Denn es ist vielmehr eine fotografische Anbiederung an den Turbo-Kapitalismus. Und genau diese setzte sich parallel zu der Ausstellung im Maison Européenne de la Photographie auch in der Pariser Metro fort, wo zahlreiche Poster und sogar einige „Werke“ des Meisters in Vitrinen zu sehen waren. Kunst fürs Volk eben! Im unschuldig „Librairie“ benannten Shop des Hauses wurden sodann neben Postern, Büchern und Postkarten auch Dosen, Teller und sowie Kleider und Hoodies des Meisters zum Kauf angeboten und die Mitarbeiter des Hauses liefen vorbildlich damit durchs Maison. – Heidewitzka: Ist das nicht respektlos? Wird hier nicht Fotografie gedankenlos instrumentalisiert? An der politischen Komplexität eines Andy Warhol verhebt sich Hajjajs leider nicht sehr schillernder Ansatz jedenfalls gewaltig. Aber vielleicht sollte man sich gar nicht aufregen und diese Form der Fotografie aufs Abstellgleis des „Life styles“ stellen. Vielleicht ist dies ohnehin der erfolgreichere Part des Mediums. Allerdings: es gibt Beispiele für überzeugende politische Kunst. Leider findet man sie nicht unter jedem Label, das so etwas verspricht…

 

BU: Hassan Hajjaj, Loic Mabanza, aus der Serie My Rockstars, 2018

3 Kommentare zu Globalisierungs-Gewinner? Eine Provokation politischer Fotografie

  1. Globalisierungsgewinner – wer? Eine Erwiderung.

    Guten Morgen, heute schon gefrühstückt?
    Kräutertee und Apfel?
    Oder doch lieber Kaffee, Kakao, Südfrüchte?

    Eine Stimme wie die dieses Blogs, die aus dem warmen Bauch des westlichen Kunstbetriebes heraus operiert, deren Gedankenspannweite sich nicht in tagespolitischer Hast und / oder Minihonorarsätzen rechnen muss, genießet besonderen Freiräume, ist privilegiert. Eine solche Stimme lässt hoffen auf Texte, die weder schnöder Aufmerksamkeitsökonomie folgen noch imaginäre Marktbereinigungsspielchen betreiben. Versuchen wir dies anhand des Textes zu Hassan Hajjaj weiter zu denken:
    A
    Jedes Fotofest, jeder Monat der Fotografie, jede Institution, jede Ausstellung ist ein „Event“ mit eigenen marketingstrategischen Konzepten und Aufmerksamkeitsökonomien. – Nicht unkompliziert, sich darüber zu erheben, wenn man Teil dessen ist. Wie hieß es so trefflich: „Du stehst nicht im Stau, Du bist der Stau.“ – Passiert uns allen gelegentlich, dass Texte zu Werken klingen wie Anpreisungen von Reinigungsmitteln und die PR sich verselbstständigt (Fotos von nackten Frauenpopos bewerben kontextlos feministische Ausstellungen in der Bildzeitung – oder ähnlich).
    B
    Aussagen zu Werken und Werke selbst sind nicht miteinander zu verwechseln. Bilder sind offene Projektionsflächen, und jeder Text, jede Interpretation spricht als erstes über die / den Sprechenden.
    C
    Warum diese heftige Reaktion? Sind wir beleidigt, weil Hassan Hajjaj seine Bilder nicht als erstes an westeuropäisch- nordamerikanisch theorie- und kunstgeschichtlich geschulte Eliten adressiert? Warum nicht den Bogen zu Jürgen Teller und seinen Vermarktungsstrategien schlagen? Was überhaupt heißt und ist in welchem Kontext politisch, exotisch? Ist in Paris oder London etwas auf gleiche Weise exotisch, politisch, unpolitisch wie, sagen wir in Hannover, Marrakesch, Hohenstein-Ernstthal? Fragen über Fragen.
    D
    Wollen wir hier wirklich darüber diskutieren, entscheiden, was jetzt mal Kunst ist und was nicht? Oder ist es nicht interessanter, danach zu fragen, wie Lebenswirklichkeiten, fotografische Alltagspraxen und -Ökonomien sich in künstlerischen Praxen niederschlagen und andersherum – wie unterschiedlich Strategien sein können, vor welchen Hintergründen, in welchen Kontexten?
    Arbeitet Hassan Hajjaj vor dem Hintergrund einer fotografischen Alltagspraxis in Afrika oder dem indischen Subkontinent, bei der bis vor nicht so langer Zeit noch reisende Fotografen ihrer Klientel in ihren mobilen Fotostudios textile, häufig bemalte oder stark gemusterte Hintergründe und Accessoires anboten? Mit ihrer Hilfe konnte sich die Kundschaft ihre eigenen Ideen vom guten Leben vor der Kamera inszenieren. Gerne griff man da auf Dinge zurück, die westlichen Wohlstand, Macht und Reichtum symbolisierten. Der indische Fotograf, Kurator und Autor Satish Sharma argumentierte einst, dass diese Fotografie die eigentliche künstlerische Fotografie seiner Heimat sei: Denn die Unterscheidung zwischen Kunst und Kunsthandwerk sei erst von den Kolonialherren eingeführt worden, womit auch die Abwertung traditioneller religiöser Praxis der mit ihr verbundenen Gegenstände einhergegangen sei. In dieser inszenierten Porträtfotografie würde sie, so Sharma, fortbestehen: Als symbolische Realisierung von Wunschvorstellungen. Hassan Hajjaj verhält sich dazu in einer durchaus schrägen, aberwitzigen Weise, und ich finde es durchaus reizvoll, darüber nachzudenken, welches Bildverständnis dies grundiert. Was bitte ist Fototheorie, Bildwissenschaft , Wissenschaft wie auch immer denn, wenn nicht Interesse an bisher Ungedachtem?
    Und wie verhalten wir uns selbst zu Aufmerksamkeitsökonomien, wie verstehen wir unsere Verantwortlichkeit innerhalb des privilegierten Raumes, in dem wir agieren? Können wir auch mal vertraute Denkmuster loslassen, oder macht uns das Angst? Doch besser L´art pour l’art, und eine begleitende Theorie, die sich ganz aus der Theorie speist?
    D1
    Und wie positioniert sich dies dann zu ˋlifestyle‘? Ist Lifestyle nur dann nicht „zu entsorgen“, nicht „minderwertig’, wenn er den ästhetischen Vorlieben oben benannter sog. Eliten entspricht? Fragen über Fragen.
    E
    Warum muss, was jenseits der eigenen Lebenswirklichkeit liegt, unter dem Vorwand der Provokation rhetorisch entsorgt werden? Ist das Operieren mit Provokationen nicht wohlfeiles Handwerkszeug von Populisten und vorgeblichen ‚Underdogs’? „Ich sag’ jetzt mal was, was sich sonst niemand traut, damit Ihr Euch ein wenig aufregt, meine es aber nicht wirklich?“ Möglicherweise begegnen sich hier die Kritik und ihr „ Objekt“ auf Augenhöhe, befinden wir uns in einem rhetorischen Zirkelschluss. Auch eine Lesart.

  2. Mein Kommentar: Kunst ist Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein (T.W.Adorno) Aber genau deshalb kann Kunst magisch das aussprechen, was sonst ungesagt bliebe. Dies kann sie politisch machen. [Im Prinzip ist ja alles politisch, gerade das bewusst Unpolitische] Aber was will uns Hassan Hajjaj sagen? Die „Demaskierung des unverkennbaren westlichen Hangs zum Exotismus“ ist dies sein Thema? Wenn ja schwerlich nachzuvollziehen. Das Pittoreske und Exotische sehen nur die Touristen, so sagte es mal Orhan Pamuk in einem seiner Bücher. Der für Ihn zutiefst schmerzliche Verlust der osmanischen Holz-Architektur am Stadtrand Istanbuls, wirkt auf die Fremden Pittoresk „malerisch / romantisch“. Er sieht nur den Verlust von Kultur. Die Touristen -ob heute oder in der Romantik- sehen nicht den sozialen, historischen, politischen Kontext, die sehen rein „ästhetisch“. Auch das Exotische ist nur möglich bei gleichzeitiger Ausklammerung des Politischen. Ich frage mich ob Hajjaj nicht genau diese „exotische Sichtweise“ unterstützt mit seinen Arbeiten? Die bunt fröhliche Werbe-Ästhetik machen seine Arbeiten schnell konsumierbar. Das „Punctum“ (Barthes), die Störung, die Irritation, die ein Hinterfragen anstoßen könnte, fehlt aus meiner Sicht völlig. Seine Bilder sind für mich wie ein glatter, perfekt produziert und konstruierter Popsong, der genau dadurch trostlos wird – und Trost zu spenden ist nun mal immer noch ein zentraler Wesenszug der Kunst.

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