Ein Quantum Restaurierung für Serien in der Fotografie?

Das Serielle kommt in der Fotografie so häufig und umfänglich vor, wie in keiner anderen Materialgattung der Kunst: Zum Beispiel die Serie „EIN-HEIT“ von Michael Schmidt mit 163 Silbergelatineabzügen oder „100 Jahre“ von Hans Peter Feldmann mit 101 Fotografien oder die „The Brown Sisters“ von Nicholas Nixon inzwischen mit 47 Werkteilen. Serien in Sammlungen künstlerischer Fotografie sind keine Seltenheit, sondern genau im Gegenteil vergleichsweise vielfach anzutreffen. Doch was ist bei seriellen Arbeiten unter dem Gesichtspunkt der Materialität gesehen eigentlich das Problem?

Bei Serien sind es oftmals dieselben, einzelnen Werkteile, die sich großer Beliebtheit erfreuen, und somit deutlich häufiger präsentiert werden. Dies ergibt ein Gefälle innerhalb einer Serie bezogen auf ablaufende Alterungsprozesse, so dass einige Werkteile stärker bzw. schneller degradieren als andere und sich dies zum Beispiel in Vergilbungen, Aussilberungen oder bräunlich erscheinenden Bildsilberoxidationen manifestieren kann. Wird solch eine serielle Arbeit später wiederum in Gänze gezeigt, können Unterschiede im Zustand der einzelnen Fotografien die Ästhetik der gesamten Werkreihe stark beeinträchtigen. Streng genommen wäre daher eine einheitliche Präsentationshäufigkeit aller Werkteile unter möglichst gleichen Bedingungen anzustreben. Bei der Ausleihe einzelner Arbeiten aus einer Serie wird aufgrund des ganzheitlichen Ansatzes immer die ganze Serie versichert und nicht nur die einzelne Arbeit. Sollte dies konservatorisch gesehen nicht genauso konsequent gelten?

Bezogen auf eine stetig wachsende Arbeit wie bei den „Brown Sisters“ erscheint die Vorstellung von einer homogenen Alterung innerhalb ein und derselben Serie utopisch, allein schon aufgrund der unterschiedlichen Entstehungszeiten der Silbergelatineabzüge. Für die ersten Abzüge in den 1970er Jahren standen sicherlich noch andere Materialien für deren Herstellung zur Verfügung als heutzutage, über 47 Jahre später.

Wie verhält es sich aber indessen mit der Konservierung und Restaurierung solcher Arbeiten? Ist es richtig von einer umfassenden Arbeit nur wenige Fotografien zu bearbeiten, weil diese häufiger präsentiert werden als andere, und somit quasi nur ein Quantum der ganzen Serie? Müsste nicht im Sinne der Gleichmäßigkeit eine komplette und vollumfängliche konservatorische Bearbeitung der entsprechenden Serie stattfinden, um zu vermeiden, dass sich eine Art „konservatorische Zweiklassengesellschaft“ bildet? Hinzu kommt noch, dass manche für die Bearbeitung notwendigen Materialien, wie Karton etc., zum Zeitpunkt einer späteren Materialbestellung eventuell gar nicht mehr oder produktionschargenbedingt nur mit großen Unterschieden erhältlich sind. Auch dies wirkt sich auf die ästhetische Anmutung einer ganzen Serie aus. Fraglich ist zudem, in welcher Tiefe Konservierungsmaßnahmen solchen Umfangs überhaupt umgesetzt werden können.

Realistisch gesehen lässt sich eine komplette Bearbeitung von Serien im laufenden Museumsbetrieb kaum umsetzen. Dafür wären derart umfangreiche personelle Ressourcen notwendig, mit denen kaum ein Haus aufwarten kann. Aber nur deswegen eine „konservatorische Zweiklassengesellschaft“ zu akzeptieren wäre falsch und lässt sich mit den ethischen Grundlagen, nach denen wir Restaurator*innen arbeiten und die Kern unserer Entscheidungen sind, nur sehr schwer vereinbaren. Demzufolge bleibt nur, solche konservatorischen Großprojekte außerhalb des Museumsalltags mit Hilfe von Drittmitteln zu realisieren. Wir arbeiten daran.

Kristina Blaschke-Walther

…ist Restauratorin für Fotografie am Sprengel Museum Hannover

 

BU: Installationsansicht im Sprengel Museum Hannover von 46 Fotografien der 163-teiligen Serie „EIN-HEIT“, von Michael Schmidt, 1991-1995, Silbergelatineabzüge in Künstlerrahmung (Foto: Herling/Herling/Werner)

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