Vergessliche Fotogeschichte – Überlegungen aus Anlass zweier Berliner Ausstellungen

Die Schwierigkeiten einer Historiografie der Fotografie sind hinlänglich bekannt. Nach dem Ende der großen Erzählungen, der Kritik einer hegemonialen, westlichen Geschichtsschreibung, den Gender- und Diversitäts-Debatten und anderen moralisch stark aufgeladenen Problemzonen wagt sich mittlerweile Niemand mehr an eine große Darstellung mehr heran. Oder ist im 21. Jahrhundert bereits eine auch nur im Ansatz befriedigende Geschichte der Fotografie publiziert worden? 

Das Verlangen wäre zweifelsohne vorhanden und mit ihr die sehnsüchtige Unzufriedenheit von Studierenden oder schlicht interessierten Publikum, das über den Tellerrand der Gegenwart hinausschauen und sich über vergangene Ikonen und Sichtweisen informieren möchten. Es ist frustrierend von (selbsternannten) Expert*innen mit dem Hinweis belehrt zu werden, was man da gerade an der Wand sehe, habe XYZ bereits im Jahre 19xx gemacht oder auch nur vorbereitet. Woher soll man das wissen, wenn man nicht Dutzende Regalmeter in Bibliotheken abarbeiten will?

Was also lesen? Beaumont Newhalls “Geschichte der Fotografie” ist zu alt und auch längst ob seiner Ideologie diskreditiert; die Vielzahl kleinerer Überblicke (Brauchitsch, Kemp etc.) sind ebenfalls auf die ein oder andere Art unbefriedigend. Und selbst die von Michel Frizot auch bereits 1994 herausgegebene „Neue Geschichte der Fotografie“ steht zwar als ein Monument des bildungsbürgerlichen Interesses in jeder bereits leicht angestaubten Bibliothek, aber – Hand aufs Herz – wann wurde sie zuletzt wirklich konsultiert? Das gilt in besonderem Maße auch für die jüngste Geschichte der Fotografie, die dort aus naheliegenden Gründen kurz kommt. Hier mag übrigens auffallen, dass drei der letzten und damit der Gegenwart gewidmeten Abschnitte in Frizots Buch-Schwergewicht mit der „Warnung“ überschrieben sind: „Die in diesem Kapitel gezeigten Bilder stehen nicht in direktem Zusammenhang mit dem Text. Sie fügen sich in den Kontext zeitgenössischer Fotografie, wie sie auch in den folgenden Kapiteln behandelt wird.“ (S. 695, 709, 731). Im Anschluß an diese drei Kapitel finden wir erstaunlicherweise noch eine halbseitige Notiz vom Herausgeber, der unter der Überschrift „Eine Sammlung zeitgenössischer Kunst“ die an der Staatsgalerie Stuttgart beheimatete Sammlung von Rolf H. Krauss skizziert (S. 739). 

Am Rande: Es wäre interessant zu rekonstruieren, warum dies in Frankreich, wo das Projekt für diese umfassende Geschichte der Fotografie entstanden ist, auf so fruchtbaren Boden gestossen ist und mittlerweile hier wie dort beinahe in Vergessenheit geraten schien. Erst in den jüngsten Monaten besinnt sich die Staatsgalerie dank der neuen Kuratorinnen Alessandra Nappo und Bertram Kaschek auf ihre eigene fotografische Sammlungsgeschichte. 

Doch zurück zu Frizot: In seinen wenigen Zeilen weist er u.a. auf künstlerische Positionen hin, die „mit den Mitteln von Akkumulation und Wiederholung“ arbeiten und benennt hier „Becher, Mulas, Rinke“. Die Bechers sind noch heute als die Glanzfiguren der deutschen Fotogeschichte bekannt – Mulas und Rinke aber kaum. Der 1973 bereits zu früh verstorbene Italiener Ugo Mulas ist zumindest in Deutschland nur Insidern bekannt. Daran hat auch ein Beitrag von Steffen Siegel in „Fotogeschichte“ nichts geändert, der Mulas überzeugend in Verbindung zu Timm Rauterts „Bildanalytischer Fotografie“ gesetzt hat. Mulas Bilder sind in Museen, Galerien und Sammlungen hierzulande nahezu unsichtbar. Eine Retrospektive ist überfällig.

Ähnliches galt für den 1939 geborenen Klaus Rinke, dessen Position aktuell umfassend in zwei Ausstellungen in der Berliner Galerie Kicken und der Haubrok Foundation zu sehen ist. Obwohl Rinke 30 Jahre lang als Professor für Bildhauerei an der Düsseldorfer Kunstakademie unterrichtete und 1972 und 1977 an der Documenta teilnahm, darf die Begegnung mit seinem Werk ebenfalls beinahe als eine Neuentdeckung gelten. 

Natürlich konstituiert sich die Formulierung von Geschichtsschreibung stets aus einer wertenden Dialektik von Erhalten und Vergessen, aus Komplexitätsreduktion und Akzentuierungen. Überzeugt man sich aber anschaulich von der hohen künstlerischen Qualität der Arbeiten der besagten Künstler, stellt sich nicht zuletzt anläßlich dieser Ausstellungen die Frage, wie es überhaupt zu einem solchen Vergessen kommen kann? Sollten wir einer Fotogeschichte des 21. Jahrhunderts nicht zunächst einmal eine solche von 1960 bis 1990 voranstellen?

Stefan Gronert

…ist Kurator für Fotografie am Sprengel Museum Hannover

BU: Klaus Rinke in der Galerie Kicken

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