4 Fragen an…Michael Reisch

Jahrelang bist Du etwas unter dem Radar gelaufen, will sagen: Man kannte Dich eher als eine Art Künstler-Künstler. Ich stelle nun einmal die These auf, dass sich dies mit der durch Dich 2019 erfolgten Initiierung des „darktaxa-projects“ geändert hat. Wie erlebst Du die Rezeption Deiner Kunst heute

darktaxa-project generiert einige Aufmerksamkeit, und die erhält auch verstärkt die Arbeit der beteiligten Künstler*innen sowie meine eigene, das freut mich sehr und ist ein positiver Nebeneffekt. Vom Gründungsimpuls her ist darktaxa primär ein inhaltliches und diskursives Projekt. Die Auseinandersetzung mit der Fotografie in digital dominierten Zeiten treibt uns alle um, darum drehen sich viele unserer Bilder und darüber diskutieren wir, aber wir wollten natürlich auch Synergien bilden und die Kräfte bündeln.

Wir haben auch das „unter dem Radar laufen“, wie Du sagst, in diesen Diskussionen thematisiert, die meisten Arbeiten in der Gruppe, und so auch meine, sind nicht so leicht auf den ersten Blick zu begreifen. Sie haben meist einen komplexen technischen und konzeptuellen Hintergrund. Wir finden, das muss so sein, für die vermittelnden Institutionen war das aus meiner Erfahrung oft eine Hürde. Das war alles zu neu, vermute ich, in manchen Augen keine Fotografie mehr, zu konzeptuell und nicht für ein rein visuelles Verstehen geeignet, die Anforderungen an das technische Verständnis sehr hoch, denn die neuen Werkzeuge sind ja an sich schon schwer zu begreifen, usw. Das hat sich in den letzten 2-3 Jahren glücklicherweise sehr geändert, die Aufmerksamkeit hat sich inzwischen dem Feld, das wir schon eine ganze Zeit lang bearbeiten, zugewandt und geöffnet, so ist jedenfalls meine Einschätzung.

Eine ebenso einfach klingende wie vielleicht doch kompliziert zu beantwortende Frage: Ist die Kunst in ihrer analogen Gestalt im Zeitalter der Digitalisierung obsolet geworden? Anders formuliert: Muss zeitgemäße Kunst zumindest digitale Elemente beinhalten? 

Solange wir uns selbst, unser Bewusstsein, noch nicht auf digitale Server oder in irgendwelche posthumanistische Clouds hochgeladen haben und dort ein vollständig körperloses Dasein fristen: ein klares Nein. Wir sind und bleiben fürs erste sinnliche, körperliche, haptische Wesen, und ohne den Körper und die physische Erfahrung im realen Raum macht das alles für mich persönlich keinen Sinn. Aufgelöste und immersive Zustände sind für mich kein anzustrebender Idealzustand. Ganz im Gegenteil: den Gedanken, die entkörperlichende Ideologie des Digitalen als Dogma auf die Kunst oder auf unser tägliches Leben zu übertragen, halte ich für falsch und dystopisch.

Allerdings ist unser tägliches Dasein ohne digitale Technologie nicht mehr vorstellbar, zumindest momentan in unserem Kulturkreis, und dasselbe gilt für die Kunst: um die Auseinandersetzung mit Digitalität kommt man nicht mehr herum. Man betrachtet die „analoge Kunst“, wie Du sie nennst, oft unter den Gesichtspunkten der zeitgenössischen, digitalen Leittechnologie und bewertet diese dadurch ganz anders, vor allem was die technischen Medien betrifft. Analoge Medien müssen sich rechtfertigen, digitale nicht, wer z.B. analog fotografiert, wird automatisch gefragt: „Wieso tust Du das?“ Aber diese implizite Gegenposition kann ja auch künstlerisch eingesetzt werden, als Kritik oder reflexives Moment in der Arbeit, man kann den Bedeutungswechsel nutzen.

Man könnte Deine Frage genauso für die technischen Bilder im Unterschied zu den mit Händen erstellten Bildern stellen: sind diese noch relevant, z.B. im Bezug auf Fotografie und Malerei? Ich plädiere hier als Künstler und Lehrender sehr für Pluralismus und geistige Beweglichkeit, aber: am Puls muss es schon sein, auf welche Art und Weise auch immer man das erreicht.

Einem Kunst-Historiker fällt auf, dass sich das „darktaxa-projectnicht zur Geschichte äußert. Sie dient nicht als Legitimationsinstanz. Gibt es keine künstlerischen Anknüpfungspunkte, denen sich manche von Euch, speziell auch Du, verpflichtet fühlen?

Ich glaube, dass dieser Eindruck etwas täuscht, mehr dazu in unserer noPublication, die gerade erschienen ist, wo es z.B. von Beate Gütschow einen wunderbaren Text zur Geschichte der Photogrammetrie gibt. Auch u.a. Philipp Goldbach äußert sich sehr dezidiert im Hinblick auf die Historie der Fotografie.

Allerdings herrscht bei uns allgemein ein Konsens darüber, dass mit der Digitalisierung für die Fotografie eine neue Zeitrechnung begonnen hat, deshalb kam es ja überhaupt zu darktaxa-project. Die Fotografie wird gerade von Smartphones, KI und Instagram überschrieben, es entsteht etwas Neues, das wir noch nicht abschätzen können in der Entwicklung. Dieser Prozess ist in Teilen ahistorisch, da er technologisch und visuell ohne Vorläufer ist, siehe Machine Learning, Augmented Realtiy etc. Es gibt hier keine Bildtraditionen bislang. Er kann aber gleichzeitig auch in seiner historischen Entwicklung  gelesen werden, z.B. Photogrammetrie, Augmented Reality, Virtual Reality und teilweise auch Machine Learning sind mit Hilfe von Zentralperspektive und Realismus konstruiert, sind also fotogenetisch und damit in gewisser Weise doch aus dem Bestehenden heraus zu verstehen.

Ein Zurück zur Geschichte der analogen, chemischen Fotografie ist allerdings momentan die weniger zielführende Blickrichtung finde ich, das ist nicht unser Fokus bei darktaxa, dafür ist das Gegenwärtige zu einschneidend, in der Praxis und wohl auch in der Theorie. Quasi alle paar Wochen kommt ein neues Tool in Umlauf, siehe GANs, Dall-e, etc. Die Konsolidierung ist erstmal aufgeschoben, notgedrungen. Das Fotografische ist, so schält sich immer mehr heraus, ein Aspekt des Digitalen (und nicht umgekehrt) – siehe Peter Lunenfelds Text, „Das dubitative Bild“ (2002). Das hat sich sehr bewahrheitet und so ist die Geschichte des „Fotografischen“ eben auch nur ein Teilaspekt der historischen Referenzen, auf die man gerade zurückgreifen könnte. Ich glaube, es ist daher hilfreich, sich verstärkt mit den Gesetzen des Digitalen auseinanderzusetzen und dies mit der Geschichte der Fotografie abzugleichen: Wie interagiert das? Das ist eine meiner Fragen gerade.

Und noch eine Einschätzung: wir befinden uns, was die aktuelle digitale „Fotografie“ in ihrer Bandbreite von Streaming bis zu automatischer Bilderkennung angeht, erst in einem Anfangsstadium, vielleicht ähnlich zu den 1840er-50er Jahren für die chemische Fotografie. Das gilt auch für unsere Fähigkeit, das alles jetzt schon historisch zu verorten. Ich bin da eher etwas vorsichtig. Aber die generative Fotografie wäre hier als potenzielle Urahnin der neuen generativen Arbeitsweisen, wie z.B. Machine Learning mit GANs, zweifelsohne zu nennen. Das macht als Referenz Sinn und füllt als „analog-algorithmische“ Strömung  eine Lücke in der Herleitung. Wahrscheinlich müsste man auch die Bedeutung von Frieder Nake, Véra Molnar und weiteren Computerkunstpionier*innen für die zeitgenössische digitale Fotografie herausarbeiten im Hinblick auf die algorithmischen Anteile. Das fände ich jedenfalls interessant.

Direkte künstlerische Anknüpfungspunkte sind aber für darktaxa-project nicht so eindeutig zu benennen, der Sprung der Fotografie zum Digitalen ist eine Art medialer Sprung nach meiner Einschätzung,  eher vergleichbar dem von der Malerei des frühen 19. Jh. zu Daguerre und Talbot in die Fotografie, und nicht eine Entwicklung innerhalb eines sich entwickelnden Mediums, wie von August Sander zur frühen Becherschule, oder von Langdon Coburn zur abstrakten und generativen Fotografie, aber das ist natürlich Auffassungssache.

Aus meiner Sicht geht es aktuell ja gerade darum, dass sich die traditionellen „Strömungen“ oder „Stile“ auflösen und vermischen, dass sich die gegenständlich-abbildenden mit den generativen und abstrakten Aspekten vereinen lassen. Ein Smartphone, als paradigmatisches zeitgenössisches Werkzeug, produziert in seinen Apps mühelos alle Arten der eben genannten Bilder. Es geht in meinen Augen da eher um eine weitgehende Synthese aller zur Wahl stehenden künstlerischen Möglichkeiten und mit diesen gleichzeitig operieren zu können: Das heißt für mich zeitgemäßes digitales Arbeiten.

Wichtig wäre mir noch, zu den Diskussionen zur „Fotografie“ (falls man bei diesem eventuell überforderten Begriff bleiben möchte) noch zu sagen, dass man aus meiner Sicht alle Teilbereiche sehr differenziert und nach eigenen Kriterien anschauen muss: in der historischen Herleitung wie in praktischer Hinsicht, welche Tools werden eingesetzt, was sind die jeweiligen Bildabsichten? Z.B. gilt all das, was ich oben zu den neuen digitalen Arbeitsweisen gesagt habe, nur sehr bedingt für die dokumentarisch orientierte Fotografie, da gelten ganz andere Anforderungen und Gesetze, denke ich. Auch funktioniert der Bereich der künstlerischen Fotografie, wo Bilder meistens im Hinblick auf eine materiale Präsentation im Raum erzeugt werden, vollkommen anders, als der Bereich der Alltagsfotografie, wo Fotos direkt zum Streamen gemacht und auch so gedacht werden. Obwohl die verwendeten Werkzeuge unter Umständen die Gleichen sind, handelt es sich um zwei völlig unterschiedliche Tätigkeiten, Absichten und Kontexte, die allgemein und auch in der Theorie oft synonym als “Fotografie” verhandelt werden, was zu Missverständnissen führen kann. Da muss noch viel Differenzierungsarbeit geleistet werden.

Als Professor für Fotografie und digitale Medien an der Alanus Hochschule in Bonn siehst Du viel jüngste Kunst, schaust Dich aber auch darüber hinaus sicher um, deshalb: Welche künstlerische Position hast Du zuletzt für Dich (vielleicht wieder?) neu entdeckt?

Was mir momentan sehr gut gefällt ist, dass die Zeit der dogmatischen Bildauffassungen glücklicherweise fürs Erste vorbei zu sein scheint. Es gibt im Bereich der Kunst zur Zeit Raum für sehr viele und sehr unterschiedliche Bildsprachen: subjektive Positionen existieren neben konzeptuellen oder dokumentarischen Positionen usw. Es wird sehr viel experimentiert, das finde ich toll und befreiend. Ich selbst schaue mir jedenfalls auf allen diesen Feldern sehr gerne die neuesten Entwicklungen an, ohne da jetzt jemanden herausheben zu wollen. Auch, dass die jüngeren Generationen sich Ihre eigenen Themenfelder definieren und bearbeiten, das was für sie in ihrem Leben wichtig ist, finde ich toll zu beobachten. Die Diskurse zu Gender, Migration und Identität sind bei meinen Studierenden z.B. ein wichtiges Thema.

Was mir, von meiner künstlerischen Position aus betrachtet, auch sehr gut gefällt ist, dass die Studierenden sehr an den neuen digitalen Technologien interessiert sind, die ja auch unser aller Leben so sehr beeinflussen, und dass sie diese oft wie selbstverständlich und spielerisch einsetzen, aber auch sehr kritisch hinterfragen wollen. Da gibt es gerade noch viel Potenzial, auch in der Entwicklung von Lehrinhalten- und Methoden. Wie kann man z.B. praktisch gesehen mit KI arbeiten, ohne Programmier*in sein zu müssen, ist z.B. eins meiner Projekte in der Lehre gerade, wie insgesamt auch der Einstieg in die digitalen Arbeitsweisen. Die deutschen Hochschulen hinken im Bereich des Digitalen in der Ausbildung leider oft immer noch hinterher, aber auch das ändert sich gerade, wenn man die neuesten Ausschreibungen für Professuren im Bereich Fotografie an den Hochschulen anschaut.

Mit bestem Dank an…

Michael Reisch

…ist Fotograf und Professor für Fotografie und Medienkunst an der Alanus Hochschule in Bonn-Alfter

BU: Susanne Diesner, Porträt Michael Reisch

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