Das doppelte Punctum: Roland Barthes Geburt von Empathie

Der Ausdruck „Liebe auf den ersten Blick“ gilt gemeinhin als eine universell gültige Binsenwahrheit. Gilt eine ähnliche Wahrheit auch für die erste spontane Begegnung mit einem Kunstwerk, von dem man sich nicht mehr wieder lösen und am Ende doch befreien kann?

Von Roland Barthes stammt bekanntlich der Ausdruck des „Punctums“. Es bildet eine zentrale Kategorie seiner 1980 erschienen Schrift „La Chambre claire“ (dt.: „Die helle Kammer“, 1989) und gilt neben Susan Sontags „On Photography“ (1977) und Walter Benjamins „Kleine Geschichte der Photographie“ (1931) inzwischen als eines der drei  legendären Standardwerke der Fotografie-Theorie.

Sprachlos durch die Theorie 

Es bezeichnet den Moment, in dem ich einem Moment, einem Bild, einer Geste begegne, die mich – möglicherweise mein Leben lang (! ) –  nicht mehr loslassen werden. BarthesPunctumeine der einflussreichsten Größen in der (Foto-)Ästhetik  der letzten Jahrzehnten, markiert den traumatischen Moment, der mich sprachlos macht, im Innersten trifft und so im Subjekt eine tiefe Krise verursacht. 

Interessanterweise hat Barthes diesen Ausdruck erst kurz vor seinem Tod im Jahr 1980 gefunden, als er offenbar noch an der Niederschrift seines Buches über die Fotografie “Die helle Kammer” arbeitete. In / mit  diesem Ausdruck gelang es Barthes, in seiner präzisen, elegant-minimalistischen Manier durch einen einzigen, neu erfundenen Begriff hindurch eine ästhetische Erfahrung zu formulieren, die unterschiedlichste, paradoxe und ambivalente Momente miteinander verbindet. Hatte Barthes diesen Ausdruck auf die Fotografie bezogen, wurde und wird das „Punctum“ seitdem als eine zeitgenössische und variabel skalierbare Referenz weiter verwendet und von zahllosen Autor*innen dankbar aufgegriffen.

Eine Funktion dieses Begriffs liegt wohl in der tiefen Ambivalenz, die sie auf Seite ihrer Wahrnehmenden erzeugt. Die – gerade gegenüber einer einzelnen Fotografie spürbar werdende – Wahrheit von ambivalenten Gefühlen liegt nun darin, dass sie die individuelle Selbstwahrnehmung über jedes Maß hinaus triggern – und die Bildkonsument*innen damit an die Möglichkeit erinnert werden, sich mit einer Erfahrung der Unverfügbarkeit auseinanderzusetzen: dasPunctumversetzt die Wahrnehmende zumindest anfänglich in eine spontan und unmittelbar bestürzende Erfahrung: jetzt und nur jetzt macht sie eine Erfahrung, der ihr weiteres Leben und ihre späteren Erinnerung an ihr bisher gelebtes und weiter zu lebendes Leben prägen und verändern wird wird. 

Barthes „Punctum“ aktiviert ein zugleich bestürzendes Moment, das mich für Momente sprachlos macht und zugleich in mir den starken Wunsch aktiviert, die jetzt  gemachte Erfahrung mit anderen auf eine emphatische Weise (mit) zu teilen – aus dem ursprünglichen Erschrecken wieder etwas zurück in eine gemeinsame Sprache zu verwandeln. Barthes „Punctum“ handelt so gesehen von einem vergeblichen Versuch eines Erinnerns und einer nachträglichen Kunst diese sprachlose Unmöglichkeit zu transformieren. 

Im Schatten einer Fototheorie  

Jede gelungene, intensive Wahrnehmung einer Fotografie ist medial betrachtet eine “Hyperfokussierung” (Bernhard Pörksen) – übertrieben formuliert: eine Aufmerksamkeitsexplosion. Die Wahrnehmung einer ausgesuchten bestimmten Fotografie entspricht dem Schatten einer unbestimmten Lebens-Zeit ihres Wahrnehmenden, in der sie plötzlich etwas von einer unbestimmten Zeit in einer historischen Zeit, in der sie jetzt entsteht, offenbart. Es gibt nun nicht nur ein „Punctum“ der Fotografie, sondern offenbar auch ein zweites, theoretisches „Punctum“ das den Schatten des Fotografischen im Allgemeinen und Besonderen betrifft und so die fotografisch erzeugten Zeit-Geist weiter differenziert. Dieses zweite „Punctum“ stellt sich selbst die Frage, an welchem Ort und wie ungenau es sich selbst darstellt. 

Im Gegensatz zum „Punctum“ im Sinne von Roland Barthes, das einen Zeitpunkt umschreibt, den man wie ein Erwachen aus einem Traum beschreiben könnte, umschreibt dieses nachgetragene „Punctum“ eher einen Horizont, in dem sich ein Möglichkeitsraum neuartiger Erzählungen entfaltet, die die Wirklichkeit in einer Fotografie wie eine geisterhafte äussere Hülle für Theorie-Erzählungen ihres medialen Schattens betrachtet und so in einen Raum für weitere Anwendungen verwandelt. Wie dieses kunstvolle, gemalt-fotografierte Schattenreich sich bereits in den Hintergründen fotografischer Ateliers des 19. Jahrhunderts herausbildete, hat kürzlich Wolfgang Kemp in einer faszinierenden kleinen Studie zu in Szene gesetzten Fotostudios aus der Mitte des 19. Jahrhunderts detailliert vor unseren Augen entstehen lassen – und dieses übrigens auch, wie der Autor nicht unbescheiden anmerkt,  um  “einen bedeutenden aber weitgehend unbekannten Arbeiter an der Aufgabe Hintergrund vorzustellen” (Wolfgang Kemp, Die künstlichen Paradiese. Was man nicht verbergen kann, muss man betonen: Eine Anleitung, in: FAZ, 1.7. 2020, S. N 2.)  

Michael Kröger

… ist freier Kurator und Autor (www.mikroeger.de)

ABB: Der Fotograf Olympe Aguado mit seinem Bruder, 1853

1 Kommentar zu Das doppelte Punctum: Roland Barthes Geburt von Empathie

  1. Bilder können als tote Materie Eigenschaften der lebendigen Wesen annehmen,
    das macht sie so fantastisch. Wenn R. Barthes vom Punctum schreibt, es sei ein Reiz, ein Stich, ein Gefühl des Getroffen seins, der Rührung, dann schreibt er dem Bild eine Ausstrahlung, ja fast eine aktive Handlung zu. Ein Bild kann uns treffen, uns verletzen, uns erfreuen und uns stimulieren. Diese Verwandlung vom toten Objekt/Bildträger zum per se aktiven Bild ist das immer wieder Mystische bei der Bildbetrachtung. Das Bild schafft es, beim Betrachter einen Affekt auszulösen, dieser ist die menschliche Reaktion auf die Kraft des Bildes, auf seine Ausstrahlung. Dennoch brauch das Punctum immer einen Resonanzboden im Subjekt, ohne diesen kann es sich nicht entfalten. So “treffen” uns viele Bilder nicht aber ein paar sehr tief und intensiv.

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