4 Fragen an…Andy Scholz

Seit Juni 2020 bist Du „King of German photography-podcast, wenn ich das einmal so populistisch formulieren darf. Du bist mittlerweile bereits in der vierten Staffel und strebst mittelfristig offensichtlich die Zahl von mindestens 100 Beiträgen an. Dein Podcast ist dabei im Hinblick auf die Gesprächspartner*innen, denen Du eine Bühne bietest, breit gestreut: Fotograf*innen, Kurator*innen, Lehrende und Theoretiker*innen etc. pp. Kannst Du selbst etwas zur Entstehung und zum inhaltlichem Konzept von „Fotografie Neu Denken“ sagen? Hat es sich vielleicht sogar im Prozess des Machens verändert?

Danke für die Blumen, ich weiß das zu schätzen. Gleichzeitig gilt mein besonderer Dank meinen Hörern. Ohne meine Zuhörer und Mitdenker fände ich hier nicht statt.

Alles begann ein wenig aus der Not heraus im ersten Lockdown im Juni 2020. Als Kurator vom FESTIVAL FOTOGRAFISCHER BILDER in Regensburg hatte ich bereits 2017 begonnen, Interviews mit den am Festival teilnehmenden und von mir eingeladenen Referent*innen und Künstler*innen zu führen. Für das zweite Festival 2020 war das genauso geplant. Doch der Lockdown bremste alles aus. Spontan entschloss ich mich, einen Podcast daraus zu machen. Und der erste Interviewpartner, den ich kontaktierte, warst Du. Ich war aufgeregt, wie ein kleiner Junge und fühlte mich, als spränge ich ins kalte Wasser. Es folgten Episoden mit allen Festivalteilnehmer*innen, die übrigens immer noch online sind. 

Episode 25 lud ich im Oktober 2020 kurz vor Festivaleröffnung hoch. Ich wollte das dann eigentlich so stehen lassen. Doch die Nachfrage war groß. Prof. Dr. Volker Jansen und die Hochschule der Medien in Stuttgart beauftragten mich damit, die Preisverleihung der Goldmedaillen des Deutschen Fotobuchpreises als Podcast zu produzieren, und ich begann eine zweite und dritte Staffel.

Mittlerweile sind es über 80 Episoden, die online zu hören sind. Die 100ste Episode ist in Planung, und es gibt noch viele Menschen, mit denen ich über fotografische Bilder sprechen möchte. Ich freue mich und bin stolz darauf, ein audio-verbales Instrument zu nutzen und gleichzeitig ein Archiv geschaffen zu haben für eine visuelle Ausdrucksweise. Meine Interviewpartner*innen frage ich mittlerweile als erstes, wie sie/er zur Fotografie gekommen ist. Es folgen dann Fragen, wie: Wann ist ein Bild ein gutes Bild? Sollte die Auseinandersetzung mit fotografischen Bildern stärker in der Bildung statt finden? Eine Stunde lang lasse ich mich gemeinsam mit den Interviewpartner*innen treiben rund um das Themenfeld die »Allgegenwärtigkeit fotografischer Bilder«. Das ist auch das übergreifende Thema vom FESTIVAL FOTOGRAFISCHER BILDER. Im Podcast und bei unserem Festival geht es um die Bedeutung von fotografischen Bildern heute. Was macht heute Fotografie aus? Können und dürfen wir Fotografie noch als Begriff so stehen lassen?

Neben der Publikationstätigkeit im Bereich des Internet-Audios bist Du überdies als Künstler und Festivalmacher aktiv: Welche Fragestellungen des fotografischen Bildes interessieren Dich selbst vor diesem Hintergrund am meisten?

Für Podcast und Festival lässt sich das schwer trennen. Das FESTIVAL FOTOGRAFISCHER BILDER habe ich gemeinsam mit Martin Rosner 2016 in Regensburg gegründet, weil es genau die Fragen waren, die nun auch im Podcast stattfinden, die uns beschäftigt haben und die unserer Meinung nach viel zu wenig berücksichtigt wurden und werden. Uns haben dabei auch die Festival-Landschaft und die Verbände, in die man nur berufen werden kann, nicht weiter gebracht. Also dachten wir, wir machen das selbst. Gesagt, getan.

Mit dem Podcast ging es mir ähnlich. Bisher finanziere ich das Format aus eigener Tasche. Das hat Vorteile: Ich muss mir als One-Man-Show nicht rein reden lassen. Und eine Buchproduktion ist in Arbeit. Darauf können sich die Hörer*innen bereits freuen.

Als Künstler interessierten mich fotografische Bilder ab dem Moment, als ich mit der Malerei nicht weiter kam. Als ich mich fragte, wie  eine künstlerische, zeitgenössische Herangehensweise in meiner Zeit aussehen kann. Wie kann ich das, was medial und technologisch gerade entwickelt wurde und wird, nutzen, um Kunst zu machen und das Hier und Jetzt zu interpretieren? Wie sehen solche Kunstwerke aus? Es ist mir wichtig, divers und intermedial zu denken. Für mich lässt sich die gegenwärtige technische Entwicklung nicht von der zeitgenössischen Kunstproduktion trennen. 

Deutlich geworden ist für mich gerade jetzt, wie fahrlässig es war, dass wir in Deutschland die Digitalisierung so schwerfällig in Gang gesetzt haben. Das hat zur Folge, dass wir auf einen fahrenden Zug aufspringen müssen. Das kostet viel mehr Kraft und Ressourcen, als direkt an der Haltestelle zu stehen, bevor der Zug einläuft und dann einzusteigen. Doch noch viel besser wäre es gewesen, wenn wir direkt dabei gewesen wären, als es darum ging, die Gleise zu verlegen oder später die Fahrpläne zu schreiben. Aber: Hätte, hätte, Fahrradkette. Florian Sturm formuliert es so treffend in Episode 079: »Trends aus anderen Ländern werden (hier) viel zu spät gesehen.« und »Ich fürchte, es wird weiterhin aus Fehlern nicht gelernt.« Schade.

Deinen Fokus beschreibst Du im Untertitel des Podcasts allgemein mit „Kultur und Gesellschaft. Das paßt für das Medium natürlich in jedem Falle. Eine gesellschaftliche, ja politische Frage drängt sich mir in dieser Beziehung auf: Was erwartest Du von dem von uns allen vermutlich erträumten “Bundesinstitut für Fotografie” – wo immer es jetzt auch lokalisiert sein mag und ob es denn auch kommen mag – inhaltlich?

Unsere Kultur und unsere Gesellschaft sind für mich nicht voneinander zu trennen. Kultur ist abhängig von der Gesellschaft. Die Gesellschaft wiederum ist abhängig von ihrer kulturellen Struktur. Beides ist seit dem Smartphone maßgeblich geprägt von fotografischen Bildern. Denn durch das Smartphone werden  fotografische Bilder wie Sprache verwendet. Das ist ein wichtiger soziologischer und gesellschaftlicher Aspekt, den ich immer wieder herausarbeite mit meinen Interviewpartner*innen. Genauso wie die folgenden Fragen, die immer wieder auftauchen: Worum geht es heute in »Der Fotografie«? Wie kann man »Die Fotografie Neu Denken?«. Was hat es auf sich mit der viel zitierten »Allgegenwärtigkeit« fotografischer Bilder? 

Hier muss ich direkt zwei Anmerkungen machen: Erstens »Die Fotografie« gibt es nicht. Zweitens Prof. Dr. Bernhard Dotzler von der Universität Regensburg interpretierte auf dem Symposium in Regensburg im Oktober 2020 diese Wortschöpfung sehr passend: Das Wort »Die Allgegenwärtigkeit« zu benutzen, mag sprachlich falsch sein, ist aber inhaltlich, semantisch richtig, denn es geht vor allem um die Gegenwärtigkeit von Bildern – vielleicht sogar um die Zuvielheit gegenwärtiger fotografischer Bilder. Demnach stelle ich für mich fest, dass ein solches Institut bereits von vornherein anders genannt werden müsste. Ich wiederhole mich da gern: Mir als Kurator und Podcaster geht es immer um die Frage nach der Bedeutung der Fotografie und den fotografischen Ergebnissen heute. Was machen diese Bilder mit uns, mit der Gesellschaft, mit der Bildung, mit unserer Kultur, mit der Kunst und mit unseren Kindern? Wo sind Dinge abgeschlossen und wo sollte ein Neudenken stattfinden? Diesen inhaltlichen Diskurs führe ich. Und ich erwarte ihn von einem, wo auch immer lokalisierten Bundesinstitut (für fotografische Bilder).

Stets frage ich meine Interviewpartner nach einer „Neuentdeckung”: Welche fotografische Position hat Dich selbst zuletzt fasziniert, wen hast Du für Dich entdeckt oder vielleicht auch wiederentdeckt?

Das ist ein zusätzlicher, sehr schöner und dann doch irgendwie unerwarteter Nebeneffekt meines Podcasts. Plötzlich sprach ich mit Künstler*innen, die ich bei Instagram entdeckt habe, die mir empfohlen wurden oder die sich bei mir gemeldet haben. 

Es gibt eine ganze Reihe Neu- und Wiederentdeckungen für mich. Da darf ich in aller Bescheidenheit auf die vergangenen 80 Episoden verweisen, in denen auch Kolleg*innen stattfinden, mit denen ich als Student zu tun hatte und/oder die ich aus den Augen verloren hatte. 

Das »darktaxa-project« rund um Michael Reisch, Beate Gütschow, Philip Goldbach, Aaron Scheer, Achim Mohné, Alex Grein usw. möchte ich an dieser Stelle exemplarisch hervorheben. Denn dieses Künstler*innen-Netzwerk stellt einfach mal die Frage in den Raum, was ist Fotografie denn heute eigentlich und wie müsste man »sie« nennen, wenn sie eben nicht mehr auf »traditionelle« Weise erstellt wird oder nicht mehr erstellt werden kann. Sehr, sehr spannend.

Hier verweise ich gern auf die Episode Nummer 061 meines Podcasts mit einem von der Künstler*innen-Gruppe produzierten Tonstück, das ich in voller Länge veröffentlichen durfte. Als mich Michael Reisch kontaktierte, war ich überrascht, auf wie viel nährreichen Boden mein Podcast gefallen ist, wie viel Bedarf da ist, darüber zu sprechen und was die Gespräche auslösen. Ich denke, da habe ich einen Bereich in den Fokus genommen, der viele beschäftigt und umtreibt. Eine Diskussion und eine Gelegenheit, die gegenwärtiger nicht sein könnte, um Fotografie neu zu denken.

Mit bestem Dank an

Andy Scholz

…ist Fotograf, Dozent und Betreiber des Podcasts „Fotografie Neu Denken“ 

BU: © Andy Scholz

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