4 Fragen an…Thomas Seelig

Das Museum Folkwang hat dank der jahrelangen Basis-Arbeit von Ute Eskildsen eine der qualitativ hochwertigsten Sammlungen zur künstlerischen Fotografie in Deutschland. Welche strategischen Ziele verfolgst Du in Deiner Ankaufspolitik?

Hinter privaten und institutionellen Sammlungen die großen Leitlinien zu entdecken, zu sehen wie sie gegründet, argumentiert und in die Zukunft geführt werden, ist äusserst spannend. Anfangs Otto Steinert, lange Jahre Ute Eskildsen und später Florian Ebner haben den Korpus der Fotografischen Sammlung im Museum Folkwang über 60 Jahre lang geformt und jeder auf eigene Weise erweitert. Die Schwerpunkte wie die Darstellung des Menschen und der Architektur, berichtende und journalistische Bilder oder das fotografische Experiment fortzuschreiben ist natürlich eine meiner Aufgaben. Dies geschieht oft in Serien, Werkgruppen, Konvoluten und teils auch Nachlässen. 

Darüber hinaus ist es bereichernd, zum Beispiel die soziale Funktion, die Materialität oder die Innovationskraft von Fotografie in der Gegenwart abzubilden. Wir wollen die umfangreiche Sammlung dabei möglichst sichtbar halten, sei es durch das Ausstellen unserer Neuerwerbungen im Untergeschoss oder in der Sammlungspräsentation „Neue Welten“, bei der Fotografie mit anderen Sammlungsbereichen des Hauses im Dialog steht, durch Publikationen, Veranstaltungen, die Sammlung Online und natürlich auch durch Leihen an andere Häuser. Wissenschaftler*innen aus dem In- und Ausland nutzen darüber hinaus nach Voranmeldung die Möglichkeit, in unserem Studienraum fotografische Originale zu sichten. Es gibt also ganz verschiedene Öffentlichkeiten, um Werken der Fotografischen Sammlung zu begegnen.

Momentan gibt es in bestimmten Kreisen unseres Faches eine rege Diskussion zum Thema von Exhibition copies: Wie stehst Du zu dem Thema? 

Das Thema ist eigentlich seit Jahren in Bewegung. Mit unseren beiden Fotorestaurator*innen Peter Konarzewski und Heike Koenitz und meiner Kollegin Petra Steinhardt entwickeln wir gerade ein für unsere Abläufe abgestimmtes Verfahren, wie wir perspektivisch in welchen Situationen verfahren möchten. Manchmal ist die Überlegung, ein fotografisches Original in seinem Zustand zu erhalten und zu schützen, mal sind es Fragen, die sich bei temporären Ausstellungen an Begriffen wie Nachhaltigkeit und Ressourcen orientieren. Aus meiner Sicht zeichnet sich für die Zukunft ab, dass originale Fotoabzüge im Kräftefeld von Zeigen und Bewahren eine andere, vielleicht neue Bewertung finden müssen.

Trotz oder vielleicht gerade wegen der Dominanz digitaler Techniken verschwinden Fotobücher keineswegs von der Bildfläche. Gerade in Deiner Nachbarschaft sind mit Anja Schürmann vom KWI und Steffen Siegel an der Folkwang Universität der Künste Spezialist*innen hierzu präsent. Wie beurteilst Du die aktuelle Situation dieser anscheinend doch nicht anachronistischen Form?  

Ein Buch als idealen Raum für eine fotokünstlerische Arbeit zu definieren, ist durchaus legitim und in manchen Fällen sicher geeigneter als die Ausstellungswand, wo Kontexte meist nur herunter gebrochen präsentiert werden können. Mir geben aber vor allem die Fülle der Neupublikationen und die ökonomischen Modelle dahinter zu denken. Fotobücher werden heute meist hochsubventioniert realisiert oder beuten strukturell eine/einen oder mehrere Beteiligte in diesem Ökosystem aus. 

Auf der anderen Seite gibt es durch die digitalen Prozesse heute wunderbare Möglichkeiten Kleinstauflagen zu produzieren. Bettina Lockemann hat im aktuellen Podcast von dieMotive zum Beispiel berichtet, dass sie eine Reihe von Büchern publiziert hat, andere aber nur als Dummies existieren würden. Für sie ist Bücher-Machen eine dezidiert künstlerische Form.

Du bereitest aktuell eine Ausstellung vor, die sich um das Thema der NFTs dreht: Glaubst Du, dass diese Vermittlungsform des Bildes sich in Zukunft auch in musealen Sammlungen einnisten wird oder ist es eher ein modisches gesellschaftliches Thema, das man vorwiegend in Wechselausstellungen diskutieren sollte?  

Mit dem niederländischen Digitalkünstler Rafaël Rozendaal eine umfangreiche Einzelausstellung zu realisieren, geht natürlich weit über eine Wechselpräsentation hinaus. Es berührt grundlegende Fragen der Museumsarbeit, des Präsentierens, des Erwerbs, des Sammelns, bis hin zur konservatorischen Betreuung. Interessant ist aus meiner Sicht, dass sich fotografisch arbeitende Künstler*innen heute ganz ähnlichen Fragen der Materialisierung und Reproduzierbarkeit, der verflüssigten Werkformen sowie ihrer Limitierung und Distribution stellen. 

Das Centre Pompidou hat vor kurzem einen ersten Schritt gemacht und begonnen NFTs zu sammeln. Auch wir vom Museum Folkwang planen in dieser Richtung tätig zu werden. Unser Symposium „New Landscapes – NFTS and the Museum“ am 20./21. April 2023 soll dabei genau diese drängenden Fragestellungen aufgreifen. Die Konferenz soll dazu dienen, Künstler*innen, Wissenschaftler*innen und Kurator*innen aus der Museumswelt und der Web3-Gemeinde miteinander bekannt zu machen und ins Gespräch zu bringen. 

Mit bestem Dank an…

Thomas Seelig 

…Leiter Fotografische Sammlung, Museum Folkwang, Essen

BU: Anne Morgenstern: Porträt Thomas Seelig

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