4 Fragen an…Katharina Bosse

Inwiefern hat die digitale Technik Deine fotografische Praxis verändert?

Ich war begeistert, als die Pokémons 2016 mit Augmented Reality im Alltag erschienen und alle möglichen Leute auf- und abspazierten, um sie zu fangen. Ich habe auch eine Serie dazu gemacht, in der sie in nicht Jugendfreien Situationen auftauchen, als Polaroid, das als Modell des Analogen schön absurd ist. Für die Darstellung im Internet sind die Bilder allerdings zu deftig.

Die Fragen nach dem Wesen des Digitalen sind faszinierend. Eine Besonderheit scheint die Losgelöstheit von den Begrenzungen des Analogen zu sein, also von Raum, Zeit, Objekt. Ich setzte die digitale Technik nicht zur Nachahmung der analogen Technik ein, sondern um mich den spezifischen Eigenschaften des Digitalen zu nähern. Ein eigenes Farblabor habe ich für die analogen Projekte, an denen ich parallel arbeite. Während das Analoge im Objekt mündet, ist das beim Digitalen viel offener: ein Druck des Bildes ist nicht zwingend.

In der Serie „Cinematic Portraits“ habe ich Aufnahmen, die zu verschiedenen Tage- und Nachtzeiten entstanden sind, so zusammengefügt, dass  man es nicht sofort bemerkt, aber doch spürt. Teilweise habe ich auch mehrere Fluchtpunkte zu einem Bild zusammengesetzt. Dabei interessiert mich das Unterschwellige, die Grenzen der narrativen Konventionen von Inszenierung in Fotografie und Film.

Momentan arbeite ich mit 3-d Modellen, seltsamen leichtbekleideten Frauen, die allesamt fotografieren, filmen und sich Notizen machen: Zwitter aus der Welt des  Male/Female Gaze. Sie sind mit 2-dimensionalen nächtlichen Straßenansichten verbunden, und verschmelzen teils damit, teils ragen sie wie Monumente aus dem Raum heraus. Das funktioniert gut als Print, und ist auch geplant als Augmented Reality Bild, in dem man dann auch um das 3d Modell „herumgehen“  kann.

Ich finde bei Augmented Reality das dezentrale Element interessant. Ich muss also nicht unbedingt in einen (virtuellen) Ausstellungsraum gehen, das Bild ist in meinem Handy in meiner Hosentasche sehr verfügbar.

Du arbeitest nicht allein als Künstlerin, sondern hast als Professorin auch in der Lehre bzw. Ausbildung Verantwortung übernommen. Die Fachhochschule Bielefeld war seit den 70ern eine der zentralen Ausbildungsinstitutionen für Fotografie in Deutschland: Ist sie das noch?

Der künstlerische Freiraum in Kombination mit einer umfangreichen technischen Ausstattung ist attraktiv, und mit vier Fotoprofessuren und zwei Fachlehrestellen sind wir gut besetzt.

Das Angebot hat sich durch die Veränderungen der Hochschullandschaft in den letzten Jahren entwickelt. Als Studierender persönlich betreut zu werden, und mit viel Freiraum für die eigene Entwicklung – das hat in Bielefeld Tradition, ebenso wie die Kombination von Fotografie und Theorie. Ein Schwerpunkt in Bielefeld ist sicher die Breite und Flexibilität des Angebotes, von analogen SW und Farblaboren bis zu Digitalstudios, dazu die interdisziplinären Angebote mit Kommunikationsdesign und Mode.

Du hast Dich in den letzten Jahren stark für die besondere Situation von Fotografinnen engagiert. Siehst Du in dieser Beziehungen erste Schritte von breitenwirksamen Veränderungen, ja Verbesserungen?

Ich sehe deutliches Engagement von vielen Seiten, organisiert zusammenzuarbeiten, um etwas zu bewirken, wie bei „She was like: BÄM“ oder „femxphotographers.org“. Rückblickend war das Bedürfnis nach mehr Gleichstellung in den 80ern auch schon mal sehr stark, und vor 15 Jahren wurde „Feministin“ dann eher ein Schimpfwort. Das ist es jetzt nicht mehr. Ich sage mal so: die Welle geht in die richtige Richtung, aber von Gleichberechtigung sind wir weit entfernt. Ich finde es wichtig, zu ermutigen, und auch selbst zu sehen, was kann ich verändern, eine neue Struktur schaffen, Mitstreiter*innen für gemeinsame Ziele finden. z.B. mit dem Stipendium für alleinerziehende Künstlerinnen in der Projektgalerie „Elsa“. Im Seminar handeln 50 % der Referate von Fotografinnen. Wir können ja als Lehrende durchaus am Kanon ansetzen. Was gibt es für politischen Änderungsbedarf ? Die Kunstförderung mit ihrer starren Altersbeschränkung und den mangelnden Budgets für die Familie der Künstlerin benachteiligt Mütter in der Kunst systematisch, dass ließe sich ändern. In Frankreich gibt es, soweit ich weiß, seit 2018 eine Frauenquote für neu geplante Ausstellungen in staatlichen Museen.

Welche fotografische Position hat Dich zuletzt fasziniert?

Das letzte Fotobuch, das ich nicht nur für die Bibliothek, sondern auch unbedingt für mich persönlich haben wollte, war Stanley Wolukau-Wanambwas „One Wall a Web“. Das Buch ist von 2018 und ich habe es gerade im Rahmen meines Seminars „Kulturelle Vielfalt“ entdeckt.

Eine Künstlerin, der ich begeistert auf Instagram folge, ist noch sehr jung, thematisiert aber auch Schweres wie das Erbe des Holocaust in ihrer Familie mit großer visueller Lebendigkeit: Hana Mendel aus den USA.

Mit bestem Dank an

Katharina Bosse

…ist Künstlerin und Professorin für Fotografie an der FH Bielefeld

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