4 Fragen an…Anja Schürmann

Dein gegenwärtiger Arbeitsschwerpunkt liegt auf dem Foto-Buch: Niemand wird behaupten, dass die Buchform – gerade auch in komplementärer Funktion – im digitalen Zeitalter obsolet wäre. Aber hat sich das Fotobuch unter diesem Horizont wesentlich verändert? 

Die kurze Antwort: Ja und Nein. Für die lange Antwort habe ich einen Aufsatz mit dem Titel Indesign als Methode? geschrieben. Ich denke, Digitalisierung lässt sich nicht aus Fotobüchern rausrechnen, die digital fotografiert und sequenziert wurden. Allein die Materialschlachten vieler sogenannter recherchebasierter Fotobücher sind ohne Scanner und das Internet als Recherchetool undenkbar. Meine These war schon lange, dass das Fotobuch seine Popularität auch aus der Überwindung der scheinbaren Widersprüche zwischen analogen und digitalen Medien zieht, da es beides vereinen kann: Strategien der farboffensiven Optimierungsoptik eines Displays & literarische Modi der Erzählforschung.

Wie siehst Du das Verhältnis von Fotogeschichte und Kunstgeschichte in der Wissenschaft?

Fotogeschichte und -theorie sind genuin interdisziplinäre Wissenschaften, was aber auch heißt, dass sie universitär in Deutschland sehr schwach institutionalisiert, sprich: mit Stellen ausgestattet sind. Als Kunst ist Fotografie längst Teil der Kunstgeschichte geworden, als Medium Teil der Medienwissenschaft, als Dokument Teil der Geschichtswissenschaft, und als soziales Phänomen Teil der Soziologie, dennoch informieren sich diese Bereiche nicht unbedingt. Es ist bspw. erstaunlich, wie wenig theoretische, materielle und technische Kenntnisse im historischen Diskurs verankert sind, was regelmäßig zu Fehlanalysen historischer Bildquellen führt. Hier könnte die Fototheorie auch in der universitären Ausbildung Disziplinen übergreifend eingesetzt werden.

Analoge und digitale Fotografie: Markiert Letztgenannte ein neues Zeitalter?  

Das Ende des römischen Reiches markiert ein neues Zeitalter. Digitale Fotografie? Abwarten, aber ich bin skeptisch. Die Kamera wird theoretisch wie kein anderes Werkzeug der Kunst vom Benutzer isoliert. Was der Pinsel will ist nichts im Vergleich zu dem, was der Kamera unterstellt wird, zu wollen. Letztlich haben sich theoretisch gesprochen nur die Indexfetischisten ins Messer der Digitalisierung gestürzt und vom Ende der Fotografie gesprochen. Alle anderen sahen Möglichkeiten, Herausforderungen, Kontinuitäten aber auch Gefahren, wenn man bspw. an automatisierte Gesichtserkennung operativer Bilder denkt. Hier würde ich weiter arbeiten: Was bedeutet es, wenn man semantische, diskrete Artefakte in Informationsträger reduziert, an denen statistische Modelle erprobt werden können?

Welche fotografische Position hat Dich zuletzt fasziniert?

Coronakunst ist ja häufig so mittelgut und erinnert an therapeutisches Schreiben, aber Antoine d’Agatas Fotobuch “Virus” ist für mich die bisher überzeugendste fotografische Auseinandersetzung mit der Pandemie. Weil er mit seinen Wärmebildaufnahmen die Paranoia einfängt, die ‚der Andere‘ plötzlich im öffentlichen Raum bedeutete. Die Wärmebildkamera misst quasi visuell Fieber, was ein gelungenes Bild dafür ist, wie man Mitmenschen auf einmal als potentiell kontaminiert begegnete. Diese Objektivierungen des ‚Anderen‘ finden auch im Krankenhaus statt, wo d’Agata komplementär fotografierte. Hier wird Rot zu Blau, die Wärmebildhitze in medizinische Kälte bei gleichzeitiger Nähe übersetzt, was auch als Kampfansage gelesen werden kann. Eine Kampfansage gegen den sozialen und physischen Tod und seine denunzierten Körper.

Mit bestem Dank an

Anja Schürmann

…ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen

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