4 Fragen an…Matthias Harder

Du bist seit Jahren der wissenschaftliche Kopf der Newton Foundation in Berlin, die nach dem Tod von Helmut soeben auch das zweite bekannte Aushängeschild, June, verloren hat. Wie wird es weitergehen mit der Stiftung und ihrem Ausstellungsprogramm und Aktivitäten? Gibt es strategische Änderungen in der inhaltlichen Ausrichtung oder wie werdet Ihr bzw. wie wirst Du nun agieren?

Es gibt kurz- und mittelfristig keine strategischen Änderungen unserer Stiftungsarbeit, auch nach dem Tod von June Newton nicht. Das gesamte fotografische Archiv von Helmut und June befindet sich ja inzwischen hier im Haus, und wir arbeiten intensiv damit; seit einigen Jahren verantworte ich das Ausstellungsprogramm allein und organisiere auch die zahlreichen Newton-Ausstellungen im Ausland. Natürlich existiert bereits ein Programm für die nächsten Jahre, aber das bedeutet nicht, dass ich nicht auch spontan reagieren könnte. Momentan bereiten wir uns auf den Ausstellungswechsel im Herbst vor, dann wird die um ein Jahr verschobene Newton-Retrospektive eröffnet, nun anlässlich seines 101. Geburtstages, die anschließend international touren wird. Im Sommer 2022 geht es hier in Berlin mit einer Hollywood-Ausstellung weiter. Wie Du weißt, reisten die Newtons ja immer in den Wintermonaten nach Los Angeles und porträtierten berühmte Menschen aus und um Hollywood. Diesen Bildern stelle ich in einer größeren Gruppenausstellung unterschiedlichste Aspekte aus der Illusionsmaschinerie Hollywoods an die Seite. Solche spannenden Querverbindungen, mit Helmut und June Newtons Werk als Ausgangspunkt, wird es hier weiterhin geben.

Angesiedelt ist die Stiftung in zentraler Lage direkt neben der Sammlung für Fotografie der Kunstbibliothek und in enger Nachbarschaft zu C/O Berlin. Wie würdest Du die Synergien, die es doch wohl zwischen den Institutionen gibt, beschreiben: Ist es das geheime Foto-Zentrum Berlins? Und wie siehst Du die Lage der Fotografie in Berlin im Vergleich zu anderen deutschen Metropolen?

In Public-Private-Partnership bilden wir ja mit der Sammlung Fotografie der Kunstbibliothek das Museum für Fotografie im ehemaligen Militärkasino am Bahnhof Zoo, also in einem repräsentativen historischen Gebäude, das zuvor bereits kulturell genutzt und im Juni 2004 als Fotomuseum eröffnet wurde, und seitdem bin ich ja auch schon dabei. Ohne Newton und sein Archiv gäbe es dieses Museum nicht. Dass C/O Berlin aus dem Postfuhramt ins Amerika-Haus umsiedeln musste, hat sich für uns alle als Glücksfall erweisen. Seitdem bilden wir ein Foto-Cluster, das deutschlandweit wohl einmalig ist. Darüber hinaus gibt es in dieser dezentralen Stadt natürlich andere großartige Sammlungen und Player in Sachen Fotografie; und das zeichnet Berlin im Vergleich zu anderen deutschen Städten auch aus: Fast überall ist Kunst und Fotografie zu entdecken und häufig auf sehr hohem Niveau.

Was erwartest Du von dem geplanten Bundesinstituts für Fotografie?   

Es ist absolut wünschenswert, wenn es in ein paar Jahren endlich eine Anlaufstelle für bedeutende fotografische Sammlungen, Archive und Nachlässe mit dem entsprechenden Platz und Personal gibt, nicht nur als Lager oder Server-Raum, sondern vor allem als wissenschaftliches Kompetenzzentrum, in dem geforscht werden kann und aus dem heraus publiziert wird. Der Standort ist für mich nachrangig. Ende der 90er-Jahre gab es in Berlin ja bereits die Idee zur Gründung eines „Deutschen Centrums für Photographie“, damals noch in dieser Schreibweise, wenngleich mit weit weniger zugesagten finanziellen Mitteln – herausgekommen ist letztlich unser Museum.

Zum Abschluss die Frage nach einer Neuentdeckung: Welche fotografische Position hat Dich selbst zuletzt fasziniert? 

Beinahe täglich stolpere ich über faszinierende Einzelbilder oder Bildsequenzen, sei es historische oder aktuelle Fotografie, auf Online-Plattformen, in Magazinen oder Ausstellungen. Jedem eigenen aktuellen Projekt gebe ich mich mit voller Begeisterung hin, zuletzt der neuen Publikation von Newton, die zur Retro im Herbst entsteht und viele Neuentdeckungen bereithält, oder der aktuellen Ausstellung von Stephan Erfurt „On the Road“ im Projektraum unserer Stiftung. Kürzlich habe ich in Mailand am Raffles Institut angehende Fotografen und Fotografinnen unterrichtet, und auch einige Ergebnisse unseres kleinen Workshops zum Thema Zeit haben mich fasziniert. Überall gibt es etwas Spannendes zu entdecken, man muss nur genau hinschauen. Ich bin zugegebenermaßen schnell zu begeistern, ob eine Position sich dann allerdings in meinem Kopf festhakt und ich sie auch ausstellen oder mit einem Text begleiten möchte, zeigt sich erst später.

Mit bestem Dank an

Matthias Harder

…ist Direktor und Kurator der Helmut Newton Stiftung, Berlin

 

BU: MH, Ausstellung “Body Performance”, Helmut Newton Stiftung, Berlin 2020, Foto: David von Becker

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