Vielfalt in einem Band: Eine neue Übersicht zur zeitgenössischen Foto-Theorie

Theorie ist keinesfalls total unbeliebt, dürfte aber nie wirklich populär werden und von den monografischen Coffee table-Monografien im Bücherregal immer an den Rand gedrängt werden. Und nachdem die großen Nachschlage-Werke zur Theorie der Fotografie in den vergangenen Jahrzehnten bereits erschienen sind, also kaum ein wirklicher Bedarf nach Überblicken bestehen sollte, konzentriert sich die Gemeinde in den vergangenen Jahren immer stärker auf spezielle Fragestellungen wie Abstraktion, Digitalisierung oder Überwachung – um nur einige modische Themen der aktuellen Debatte zu nennen.

Deswegen war die Überraschung durchaus nicht gering als der Buchhändler meines Vertrauens mich unlängst auf einen neuen Band aus dem britischen Routledge Verlag aufmerksam machte, der schon durch thematisch breit angelegte Bände wie „Fifty Key Writers on Photography“ (2012), Liz Wells’ „The Photography Reader“ (2. Aufl. 2018) oder „Photography. The Key Concepts“ (2. Aufl., 2019) die Aufmerksamkeit der internationalen Theorie-Liebhaber auf sich gezogen hat. Und in Kürze soll hier auch noch ein von Sally Miller verfasster Band mit dem attraktiven Titel „Contemporary Photography and Theory. Concepts and Debates“ erscheinen.

Immer wieder, das sei an dieser Stelle einmal angemerkt, stellt sich die Frage, warum die deutschsprachige Theorie-Produktion nach ihren vorbildlichen Beiträgen in den achtziger Jahren heute so zurückhaltend ist, so dass der Blick in die Verzeichnisse des Spector und des Fink Verlages, allenfalls noch von Wallstein, ausreicht, um sich auf den Stand der aktuellen Produktion zu bringen. Oder ist dies ein verzerrter, ungerechter Eindruck, der sich einem schleichend gewachsenen Gefühl von Minderwertigkeit und (kokettem) Selbstzweifel verdankt?

Doch zurück zur Überraschung: Denn soeben erschienen ist der umfangreiche „Routledge Companion to Photography Theory“, herausgegeben von Mark Durden und Jane Tormey, auf den hier hingewiesen werden soll. Es handelt sich um weitgehend neue Beiträge zu den sehr breit angelegten Themenblöcken „Aesthetics“, „Politics“, „Theories“, die von hierzulande durchaus bekannten Autoren wie David Bate, David Campany, Shep Steiner oder Victor Burgin, aber auch diversen eher jüngere Autor*innen aus dem angelsächsischen Sprachraum verfasst worden sind. In insgesamt 27 Essays (darunter drei Interviews mit Künstler*innen) zu allgemeinen Themen der Forensik, der Ökologie oder der Menschenrechte des Fotografischen sowie der Diskussion der fototheoretischen Beiträge wie von Derrida, Deleuze, Barthes oder Rancière, aber auch des jüngeren Beitrags von Francois Laruelle wird ein überaus breit gefächerter Strauß einer zeitgenössischen Debatte angeboten. In ihrer Einführung loben die Herausgeber die inhaltlich weiten Horizont der hier versammelten Beiträge, können aber nicht ganz klar machen, worin jetzt die genaue Klammer eines möglichen Zusammenhang besteht.

Nach einer ersten Durchsicht wird also nicht wirklich klar, ob es sich bei diesem 442 Seiten umfassenden Band wirklich um den entscheidenden „Begleiter“ zur Foto-Theorie handelt oder nicht. Aber vielleicht sollte man nicht übertrieben streng sein und deshalb sei das Buch für Theorie-Liebhaber allemal zur Anschaffung empfohlen – vielleicht gar nicht mal in der unverzichtbaren Bibliotheks-Ausgabe als Hardback zum Preis von 140 GBP, sondern für die Lektüre im privaten Kämmerlein der vom Verlag avisierte Zielgruppe der „students, researchers and teachers“ als e-book für erstaunliche 25,99 GBP.

Mark Durden und Jane Tormey (Hrsg.), The Routledge Companion to Photography Theory“, London/New York: Routledge 2020

 

Stefan Gronert

…ist Kurator für Fotografie am Sprengel Museum Hannover

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