Vergängliches

Eine Farbfotografie meiner Großeltern aus den 70ern im schicken Rahmen hinter Glas zeigt heute eine dezente Blässe. Meine eigenen Hochzeitsfotos von 1990, aus der Laborstrecke einer Drogerie, verwandelten sich ziemlich schnell in violette Schemen. Schwarzweiße Familienbilder auf Baryt aus den 60ern, die in einer viel benutzten Küche an die Wand gezweckt waren, sehen nur etwas schmutzig aus, während das Kinderfoto aus den 90ern auf Schwarzweiß-Plastikpapier nach fünf Jahren braun wurde. Den Tintendrucken im Nachbarzimmer konnte man beim Verblassen zusehen.

Die Instabilität von Fotografien ist eine so gängige kollektive Erfahrung, dass für das buchstäbliche „Zeitkolorit“ von historisierenden Filmproduktionen bisher ganz selbstverständlich die passende fotografische Zerfallsstufe simuliert wird.

Als Fotograf sehe ich seit langem einen grundlegenden Widerspruch. Da ist zum einen die mit dem Medium einhergehende Verpflichtung mit der neuesten Technik zu arbeiten, um in den kommunikativen Infrastrukturen zu bleiben und nicht nur als biedermeierlicher Kauz mit Fotopapier in der Schale zu panschen. Andererseits hat keine fotografische Erfindung der letzten 70 Jahre, die sich tatsächlich langfristig durchsetzen konnte, das Problem der mangelnden Beständigkeit gelöst.

Das kontrovers diskutierte Realitätsversprechen, das der Fotografie seit jeher eigen ist, steht deshalb in unmittelbarer Beziehung zum gemeinhin angenommenen Bewahrungsanspruch des Mediums, dem an verdienstvollen Orten und Institutionen mit hohem Aufwand Rechnung getragen wird, was auf den Seiten dieses Sprengel Foto-Blogs schon des Öfteren thematisiert wurde.

Diesen Problemkomplex überhaupt anzuerkennen, bezeichnet jedoch einen gedanklichen Sonderfall. Im wahren Leben scheint die einzigartige Möglichkeit des Dokumentierens eines sichtbaren Zustandes mehr unerwünscht als gewollt zu sein. Wäre dem nicht so, hätten sich stabile Technologien etablieren können. Die Befriedigung über die ästhetisch perfekte Erinnerung gilt für den Moment der Aufnahme und kurz danach. Später könnten auf den Bildern Inhalte und Aussagen entdeckt werden, die lieber der Vergessenheit anheimgefallen wären. Deswegen landet das bunte Fotoalbum schnell im Schrank; die mit großem Verbrauch an materiellen und ideellen Ressourcen produzierte Werbekampagne ist nach ihrem Ende nichtig, Nachrichtenbilder verschwinden. (In dieselbe Kerbe schlägt übrigens auf ihre Weise die aktuelle Gesetzgebung, die durch faktische Fotografie-Verbote ein abstraktes Persönlichkeitsrecht über das Interesse an Zeitgeschichte stellt. Aber das ist ein eigenes Thema.)

Der derzeitig digital basierte Umgang mit Fotografien verstärkt die beschriebenen Aspekte, weil das archivierbare physische Bild entbehrlich wird und die dauerhafte Speicherung der Aufnahmen ungeklärt ist. Junge Künstlerinnen und Künstler arbeiten inzwischen mit Medienplattformen, die auf die unmittelbare Präsenz im Augenblick der Veröffentlichung angelegt sind. Ein Instagram-Eintrag verschwindet systembedingt nach einem Tag hinter dem Wahrnehmungshorizont, obwohl er im Prinzip noch aufzurufen ist. Letzteres passiert eher selten und ist eigentlich auch nicht nötig. Wer diese Mittel nutzt, ist wieder sehr nahe dran an der direkten Wirkung von Musik und Theater vor der Erfindung der Ton- und Bildaufzeichnung.

Ich meine, man sollte in der Diskussion um den Erhalt fotografischer Werke nicht auf imaginären Eigenschaften technischer Verfahren bestehen, sondern die Zeitgebundenheit und die Prozesshaftigkeit des Mediums akzeptieren und in entsprechender Ehrfurcht mit den Bildern umgehen. Man darf die Prints nicht eben in die pralle Sonne hängen, aber muss ihre Schönheit wahrnehmen können. Das Verschwinden lässt sich lange bremsen, den Lauf der Geschichte aufzuhalten, gelingt selten noch innerhalb einer Generation. Ein mich melancholisch machender Tillmans-Abzug, der die Frische der frühen 90er verloren hat, sagt nicht nur etwas über mich als Betrachter aus, der sich an den Urzustand erinnern kann, sondern auch über die gesellschaftliche Bedeutung von Fotografie.

Florian Merkel

…ist Fotograf, Musiker, Autor aus Berlin

 

BU: Florian Merkel, Zwei Diapositive unbekannter Herkunft, 8,4 x 8,4 cm, Verglasung, gerasteter SW Druck, Lasurfarben

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