Nur Appropriation? Der Stellenwert eines künstlerischen Verfahrens im digitalen Zeitalter

Es gibt sicher einige Aspekte, die man als wesentliche „Tendenzen“ der zeitgenössischen Fotografie herausheben könnte. Zwei davon scheinen mir aber so markant, da fast allgegenwärtig, dass es sinnvoll erscheint, einmal spekulativ nach einem möglichen Zusammenhang zwischen ihnen zu fragen. Die Rede ist von Digitalisierung und Appropriation.

Wenn er klären will, worum es geht, greift der Kunsthistoriker notorisch auf sein berufliches Werkzeug zurück: den historischen Blick! Ein nicht nur in dieser Hinsicht überaus geeignetes Hilfsmittel ist hierfür u.a. das „Begriffslexikon zur zeitgenössischen Kunst“, das Hubertus Butin 2014 in zweiter Auflage im Kölner Snoeck Verlag herausgegeben hat. Da wir uns hier ja im Modus eines Blogs befinden, verkürze ich den Sachverhalt hier aber einmal ohne auf die entsprechenden Artikel in diesem Lexikon einzugehen wie folgt: Die Appropriation Art ist spätestens mit der Ausstellung „Pictures“ ins Bewusstsein getreten – und das ist bereits mehr als vierzig Jahre her. Zur gleichen Zeit emanzipierte sich übrigens auch die künstlerische Fotografie als eine solche und hielt Einzug in die europäische Museumslandschaft. Die Verwendung von nicht „originalen“ bzw. „originären“ Bildern scheint also bereits in der DNA der künstlerischen Fotografie zu liegen. Fotografie als Reproduktion von Bildern, die es bereits gibt? Sherrie Levines „Untitled (After Walker Evans)“ ist diesbezüglich nur eine markante Arbeit, die den Unterschied zwischen moderner und nach-moderner Kunst radikal vor Augen führt. (Vgl. https://www.kleinefotogeschichten.de/artists/sherrie-levine)

Zehn Jahre nach der erwähnten, von Douglas Crimp in New York kuratierten Ausstellung zur Appropriation ereignete sich der vielleicht nicht unbedingt erste, vielleicht aber doch folgenreichste technologische Eingriff in die fotografische Bild-Struktur als Thomas Ruff erstmals zwei Porträts mit digitalen Retuschen bearbeitete. Was mit der Verspätung von abermals knapp zehn Jahren in der Breite der Kunst darauf folgte, muss an dieser Stelle nicht ausgeführt werden. Nicht nur im Leben jenseits der Kunst sind digitale tools nicht mehr wegzudenken. Und so darf mit Sicherheit gelten: Wer heute als Künstler Fotografien ohne digitale (Hilfs-)Mittel produziert, bezieht im 21. Jahrhundert schon explizit eine Außenseiter-Position.

Der Kunsthistoriker kann also festhalten: Das Verfahren der Appropriation und die Technik der Digitalisierung gehören bereits seit geraumer Zeit zu den Standards der künstlerischen Fotografie. Wie aber verhalten sich beide Aspekte zueinander? Ist die mit dem Verfahren der Appropriation behaftete Kritik des Autors, die Problematisierung des genialen Urhebers in einem Zeitalter der massiven digitalen Bilder-Zirkulation nicht ohnehin müßig bzw. anders formuliert: Hängen beide Aspekte nicht sogar zwangsläufig zusammen?

Um die Diskussion an dieser Stelle einmal radikal abzukürzen, wage ich folgende inhaltliche These: Im Hinblick auf das Verhältnis von Appropriation und digitaler Fotografie lässt sich eine gewisse Wiederholung einer Argumentationsstruktur erkennen, die spätestens seit Andy Warhol auch die Diskussion der Beziehung von Kunst und Gesellschaft charakterisiert. Denn die durch das Verfahren der Appropriation artikulierte künstlerische Reflexion der digitalen Bilderflut kann man im Hinblick auf die Semantik als eine affirmativ-mimetische Haltung oder als eine kritische Spiegelung verstehen. (Vgl. dazu auch: https://www.foto-kunst-theorie.de/no-apocalypse-not-now-bilderflut-als-chance) In der Unentscheidbarkeit dieser ambivalenten Alternativen liegt zugleich ihre Sprengkraft.

Die denkbare Frage nach einem normativen Zusammenhang erübrigt sich freilich beinahe selbstredend: Appropriation ist keineswegs die logische Folge der digitalen Fotografie. Und selbst wenn eine Vielzahl künstlerischer Ansätze, in denen beide Aspekte vorhanden sind, für eine besondere Aktualität dieses Zusammenhangs zu sprechen scheint, gibt es andererseits ebenfalls diverse alternative und qualitativ hochwertige Positionen, die keineswegs für eine historische Logik der Verbindung von Appropriation und Digitalisierung stehen. Die Möglichkeit einer Erfindung von Neuem ist weiterhin nicht ausgeschlossen! Beides ist also kein Muß, sondern ein Kann.

 Stefan Gronert

…ist Kurator für Fotografie am Sprengel Museum Hannover

 

BU: Viktoria Binschtok, Chocolate Girl, 2019, digital c-prints, 105 x 52 cm

1 Kommentar zu Nur Appropriation? Der Stellenwert eines künstlerischen Verfahrens im digitalen Zeitalter

  1. Appropriation ist zum Gattungsübergreifenden Phänomen geworden gewiss seit den 80er Jahren. In der Mode die sich permanent an „Subkulturen“ bedient (aber deren Intension nicht mit übernimmt) ob Punk, Hippie oder Hip-Hop, die Musik die das „Sampeln“ (die Aneignung von Musik Sequenzen) in den 80er massenhaft verwendete (der jüngste Rechtsstreit [Europäische Gerichtshof (EuGH)] zwischen Kraftwerk und Moses Pelham zeigt immer noch die Relevanz des Themas und dessen Rechtsunsicherheit) oder in der bildenden Kunst, überall taucht die Appropriation auf. Das Digitale vereinfacht diese „Abneigung“ extrem, den das Ausschneiden, Kopieren und in einen neuen Zusammenhang stellen ist heute schnell gemacht. Instagram ist für Artdirektoren in der Werbung heute eine Fundgrube für bildliche Ideen-Aneignung, rechtliche oft fraglich. Die Appropriation Art in der Kunst aber so denke ich, hat ihre Wurzel in der klassischen Avantgarde, John Heartfields Cover-Arbeiten für die AIZ sind eine „Art“ der Appropriation, die (und hier ist eine wichtige Kennzeichnung) immer eine politische, soziale Metaebene aufweisen. Ende der 80er Jahre trat diese Verwendung wieder in Erscheinung. In der AIDS-Krise und den aktivistischen Künstlergruppen wie ACT UP wurde die Appropriation Art wieder politischer verwandt.
    „Die Appropriation Art nun radikalisierte den Pop-Ansatz, indem sie die ästhetischen Mittel des aus der Werbewelt bekannten Grafikdesigns aufgriff, um diese kritisch gegen die gesellschaftliche Wirklichkeit zu wenden. Als politische Kunst, die eine umfassende Demokratisierung der Gesellschaft anstrebt, wollte sie allgemein wirksam werden. Die Appropriation-Künstler erkannten die Nutzbarkeit des Reklame-Grafikdesigns für Zwecke, die denen der Werbung entgegengesetzt sind.“(Hieber 1997)

    Beispiele: https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2017/03/Enjoy-AZT-AIDS-Crisis-Abbildung-ACT-UP-NYC-River-Campus-Libraries.jpg
    Die digitalen Medien lassen heute eine neue Nutzbarkeit zu, die die Appropriation sicherlich beschleunigt, dennoch ist die „Nutzbarkeit“ der Verwendungszweck auch heute ausschlaggebend – was ist ihre Intention?

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