Das Fotobuch als diskursives Archiv eines kollektiven Gedächtnisses

Eine der entscheidenden medialen Stärken des Fotobuchs liegt in seiner Fähigkeit, zahlreiche fotografische Fragmente unterschiedlichster Entstehungskontexte und damit diverser (Lebens-) Wirklichkeiten in Beziehung zueinander zu setzten. Wie ein fotografischer Kartograph vermag das Fotobuch räumliche, zeitliche und gesellschaftliche Schnittstellen zu strukturieren und zu visualisieren.

Dabei fungiert das Fotobuch ähnlich eines Familienalbums als eine Ansammlung sowohl individueller als auch kollektiver Erinnerungen. Über die Möglichkeit medialer und referenzieller Vielfalt lässt es eine Montage vieler Stimmen entstehen, die Historie und damit auch Gegenwart erzählen und erst in ihrer Zusammenführung ein Bild der Wirklichkeit ergeben können. Zugleich steht das Potenzial des Mediums Fotobuch im Kontext einer postmodernen, emanzipatorischen Tradition der narrativen Assemblage, als visuelles Mittel der Analyse und Integration von kollektiver Geschichtserfahrung und ihren Bildern.

Annette Behrens Fotobuch (in matters of) Karl von 2015 und die jüngst erschienene, unter anderem aus einer Ausstellung im Museum Folkwang hervorgegangene Publikation RAF – No Evidence / Kein Beweis (2017) von Arwed Messmer können hierfür beispielhaft herangezogen werden. Während sich Behrens auf eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem 2006 bekannt gewordenen Höcker-Album – einem Fotoalbum mit 116 Aufnahmen, welche neben dem dort vor allem abgebildeten SS-Obersturmführer Karl-Friedrich Höcker auch Rudolf Höß, Josef Kramer, Franz Hößler, Otto Moll und Josef Mengele bei Freizeitaktivitäten in der etwa 30 km von Auschwitz entfernten Solahütte zeigen – und dessen Namensgeber konzentriert, fokussiert sich Messmer auf die medialen Abbildungen, die das Bild der RAF bis heute prägen.

Beiden Fotobüchern inhärent ist die künstlerische Auseinandersetzung mit Teilen des Bildmaterials zweier großer Reizthemen der BRD und die konzeptuelle Fokussierung auf zentrale bildwissenschaftliche Fragen im Kontext visueller Geschichtsnarration: Wie können wir uns ein anderes Bild von dem machen, was sich tief in unser gesellschaftliches, also kollektives Bildgedächtnis eingegraben hat? Wie können wir bekannte, stereotype, ja gar paradigmatische mediale Abbildungen der jüngeren Vergangenheit in diskursive Räume historischer Erfahrung überführen, damit neu ordnen und befragen? Also: Wie lässt sich anhand von Bildern über gesellschaftliche Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit sprechen? Denn diesen beiden heute noch stark nachwirkenden Traumata der deutschen Gesellschaft ist das Versagen der Sprache und des Sprechens zwischen den Generationen zu eigen, wie es Uta Grundman unter Bezugnahme auf Klaus Theweleits Reflexionen in und über Deutschland im Herbst zu Messmers fotografischer Spurensuche festhält. Ein Ausbleiben des Sprechens bedeutet auch nach Jürgen Habermas Diskurstheorie das Ende jeglicher „kommunikativen Rationalität“ und damit auch einer für eine Demokratie so relevanten souveränen Intersubjektivität.

In ihrer künstlerischen Arbeit als Bildarchäologinnen und Fotografinnen der Tiefenstruktur visualisieren Behrens und Messmer einerseits stets eine eigene, subjektive Auseinandersetzung mit jenen tradierten, meist mystifizierten Bildern. Das immersive Bildpotenzial wird durch die (scheinbare) Offenlegung der Bildmaterialität andererseits gebrochen: Die selbstreferenzielle Reproduktion von zeithistorischen Zeitungsberichten auf dünnem, unbeschichteten Papier, die Abbildung eines angeblich in Gänze gezeigten Negativstreifens mit perforiertem Rand oder ein als Akte zu erkennen gegebenes Schriftstück suggerieren sowohl eine Spurensuche der Künstlerinnen als auch die der Leserinnen selbst. Die Gegenüberstellung diverser Informationen, die Möglichkeit des eigenen Tempos beim Blättern oder ein spontaner Seitenwechsel ermöglicht Rezipierenden eine erzählerische Richtungsänderung oder Verdichtung von (Bild-)Sequenzen. Ein informativer Appendix mit historischen Fakten und wissenschaftlichen Essays zu No Evidence sowie die Integration von diversem Textmaterial aus unterschiedlichen Kontexten innerhalb der Buchnarration bei Behrens bieten gleichzeitig eine diskursive Befragung der vorgeführten Fotografien.

Auf diese Art verschwimmen die Grenzen zwischen künstlerischem und zu rein dokumentarischen Zwecken entstandenem Bildmaterial. Die Konstruktion eines jeden Bildes einerseits und die Möglichkeit changierender Kontextualisierung andererseits wird evident. Diese offene Form subjektiver Geschichtsverhandlung dieser beiden hier exemplarisch diskutierten Fotobücher evoziert einerseits die Vielzahl der bildlichen als auch bildgestaltenden Stimmen des gesellschaftlichen Diskurses. Andererseits charakterisieren sie vor allem in der Diversität und gleichzeitiger Hinterfragung ihrer verwendeten Quellen und Materialien das Medium Fotobuch als gesellschaftlich signifikantes Archiv eines kollektiven (Bild-)Gedächtnisses.

Mira Naß

…studiert im wissenschaftlichen Masterstudiengang Photography Studies and Research an der Folkwang Universität der Künste, Essen

1 Kommentar zu Das Fotobuch als diskursives Archiv eines kollektiven Gedächtnisses

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

20 − 13 =