Sammlungspflege vs. Ausstellungsbetrieb: Ein nicht zu vereinender Gegensatz?

Jeder im Museumsbetrieb tätige Restaurator*in kennt es: ist eine Ausstellung eröffnet, laufen bereits zeitgleich die Vorbereitungen für die nächsten. Werke werden auf ihren Zustand hin untersucht, ob sie überhaupt und wenn ja, wie präsentiert werden können, welche Maßnahmen im Vorhinein einer Präsentation notwendig sind und welche Materialien dafür benötigt werden. Doch was passiert eigentlich mit der Sammlung im Depot? Ein Großteil der künstlerischen Fotografien und vor allem das dazugehörige Negativmaterial wird sehr selten oder auch gar nicht für Ausstellungen frequentiert. In der Sammlung befindet es sich dennoch und einen Auftrag zur Langzeiterhaltung gibt es mit dem Zugang in die Sammlung auch.

Im musealen Kontext gehen konservatorische Maßnahmen häufig einher mit der Präsentation eines Werkes. Die Arbeiten, die gezeigt werden, können mal mehr oder weniger tiefgehend konservatorisch bearbeitet werden. Oft wird dies durch die zur Verfügung stehende Zeit vorgegeben. Doch wird dieses Vorgehen auch einer ganzen Sammlung gerecht? Fallen konservatorische „Problemkinder“ hier nicht häufig durchs Raster, weil aufgrund des Ausstellungsbetriebes Priorisierungen vorgegeben werden, die aus konservatorischer Sicht eher weniger hoch einzustufen wären? Paradoxerweise werden manche Arbeiten nicht ausgestellt, für die aufgrund eines schlechten Zustandes besonders umfangreiche konservatorische Maßnahmen im Vorfeld einer Präsentation notwendig wären, häufig mit dem Argument mangelnder Zeit für eben diese. In Zeiten von knappen Personalressourcen ist dies leider keine Seltenheit.

Neben anderen konservatorischen Problematiken wäre zum Beispiel die Langzeiterhaltung von Negativmaterial basierend auf Cellulosenitrat-  bzw. –acetatfilm hoch prioritär, doch werden derartige Negative höchst selten in Ausstellungen präsentiert oder anderweitig genutzt. Besonders prekär ist zudem, dass dieses Material zum Teil gesetzlichen Bestimmungen unterliegt, wie im Falle von Cellulosenitrat dem Sprengstoffgesetz. Begründet ist dies in der leichten Entzündlichkeit des Nitratfilms, der vor allem am Anfang des 20.Jh. zu zahlreichen Bränden in Kinos geführt hat. Ein Verfall dieser Materialien ist unausweichlich, könnte aber durch geeignete Maßnahmen verlangsamt und die Bildinformation zunächst durch eine Digitalisierung gesichert werden, bevor das Material so degradiert ist, dass die Bildinformation nicht mehr „lesbar“ ist. Derartige Großprojekte gleichzeitig zum Ausstellungsbetrieb und Leihverkehr lediglich mit dem eigenen Personal zu stemmen ist jedoch nahezu unmöglich. Dafür müsste das vorliegende Material erst einmal zweifelsfrei identifiziert und separiert werden, was schon allein einer Mammutaufgabe gleichkommt. Es bleiben nur Drittmittel um derartige Projekte umzusetzen, doch auch ein solches Projekt muss beantragt und betreut werden.

Wie so oft liegt die Lösung auch hier im Kompromiss: Werke für Ausstellungen werden nach Möglichkeit umfassend vorbereitet und daneben die oberste Priorität konservatorischer Projekte einer Langzeitstrategie folgend, so gut es eben geht, umgesetzt. Dass für all dies eine Menge qualifizierte Manpower benötigt wird, kann nicht negiert werden, auch wenn gerade diese personellen Ressourcen unheimlich knapp sind, wie in fast allen Institutionen. Aber was wäre schlussendlich ein Restaurator*innen-Alltag ohne das Gefühl, im Depot einen schier unerschöpflichen, wunderbaren Fundus an wartender Arbeit zu sehen, egal was man anschaut? Richtig, absolut unrealistisch und wenig herausfordernd, also packen wir`s an!

Kristina Blaschke-Walther

…ist Restauratorin für Fotografie am Sprengel Museum Hannover

BU: John Gossage, Ohne Titel, aus der 54-teiligen Serie „The Pond“ (Teil 08), 1985

1 Kommentar zu Sammlungspflege vs. Ausstellungsbetrieb: Ein nicht zu vereinender Gegensatz?

  1. Auch vor dem von Kristina Blaschke-Walther auf dem Blog Foto / Kunst / Theorie beschriebenen Hintergrund ist die Planung eines zentralen Fotozentrums in Düsseldorf eine erfreuliche Nachricht. Es bleibt hoffnungsvoll abzuwarten, was genau dieses Zentrum leisten soll und wird.
    Ebenso wichtig ist, wäre, zu diesem Zeitpunkt die Einrichtung eines Fonds, der die bereits existierenden Einrichtungen unterstützt, ihnen Handlungsfähigkeiten verschafft.
    Alle ernsthaft mit dem Medium arbeitenden Institutionen kennen die von Kristina Blaschke-Walther beschriebene Problematik mehr als genug. Finanzierungen gibt es mit knapper Not für Vermittlungs- heißt Ausstellungsprojekte, kaum für die lang- und mittelfristig vorbereitenden und begleitenden Arbeiten – so es sich nicht um sogenannte außergewöhnliche Aufgaben (Aufgaben, die nicht zu den regulären Aufgaben der Einrichtungen – so die Formulierung in Ausschreibungstexten für Drittmittel) gehören – handelt. Zu den sehr gewöhnlichen, regulären Museumsaufgaben gehört aber genau dies: die Übernahme, Sichtung, Sicherung, Beforschung des kulturell-künstlerischen Erbes, das dieses Medium in immer wieder beglückender Diversität bietet.
    Die Kommunen, Träger einer Mehrzahl dieser Einrichtungen, sind mit der angemessenen Finanzierung dieser Aufgaben völlig überfordert und können die nötigen Ressourcen nur sehr ungenügend zu Verfügung stellen.
    Ein Fond des Bundes, der diesen Einrichtungen zur Seite steht, bereits existierende Strukturen nutzt, es ermöglicht, diese weiter zu entwickeln, die bestehenden Infrastrukturen auszubauen und zu stärken, wäre der ausstehende, erste richtungsweisender Schritt zur Bewahrung des visuellen Gedächtnisses der Gesellschaft.

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