Kunstmuseen, Fotografie und Globalisierung – Keine einfache Gleichung

„Die Kunst zieht sich heute immer mehr in die Paläste zurück, sie nimmt Attitüden der Feudalherrschaft an, sie refeudalisiert sich, sie verschläft die Entwicklungen. Wir müssen uns um die social media kümmern, wenn wir ein Museum so umschreiben möchten, dass es für das Zeitalter der Globalisierung gerüstet ist“, meinte Peter Weibel in einer Vortragsreihe vor 6 Jahren. Er stellt dabei das Digitale als Marketing-tool in den Mittelpunkt und will zugleich die Grenzen des Zugangs abbauen, um „das Museum als Gefängnis zu perforieren und damit durchlässig zu machen“.

Kein Zweifel, dass Weibel hiermit eine Aufgabe des Museums im Zeitalter der Globalisierung anspricht, aber die Frage, ob da so definierte neue Zeitalter auch zu inhaltlichen Veränderungen führt, klammert er weitgehend aus. Wie kann man diesen Zusammenhang nun weiter fassen? Welche Erwartungen werden damit verbunden? Und ist hier nicht die Fotografie das prädestinierte Medium schlechthin?

Im Museumskontext wird vielfach mit quasi-moralischem Unterton die Forderung erhoben sich nun auch einmal fremden Kulturen zu öffnen, das ganz Andere zu zeigen (als ob die Kunst dieses nicht schon selbst wäre). Sollte nicht gerade die Fotografie in besonderem Maße dazu privilegiert sein, andere Länder und Kulturen zu zeigen? Es gibt da doch diverse Positionen, deren museale Präsenz in den letzten Jahren als Ausdruck eines neuen Interesses am Globalen verständlich werden, etwa David Goldblatt, Pieter Hugo, Zanele Muholi oder die japanische Fotografie nach Araki und Moriyama.

Zweifellos eignet sich die Fotografie besonders, aber Vorsicht: Zeigen und verstehen sind nicht dasselbe, was gerade vor dem Hintergrund der Verführungskraft der Bilder nicht vergessen werden darf. Wer glaubt, er könne einfach so japanische, südafrikanische oder chilenische Fotografie ausstellen und sie mit der Vorprägung unserer Sehgewohnheiten rezipieren, muss sich ernsthaft die Frage gefallen lassen, ob er hier wirklich emanzipatorisch oder nicht gar zynisch agiert in dem Sinne, dass die „armen Vergessenen“ endlich einmal auch im kapitalistischen Siegersystem eine Stimme bekommen oder ob er nicht sogar umgekehrt einem naiv-liberalistischen Modell des Neo-Kolonialismus folgt, dass vorrangig der gesellschaftlich dominanten Idee einer ökonomischen Globalisierung folgt. Natürlich ist es bequemer Produktionsstätten in den nicht-westlichen Raum zu verlagern, damit Arbeitsschutz und Preise zu drücken, das Ganze stillschweigend (!!!) zu (re-)importieren und dann billig zu verkaufen. Analog muss der Kunst-Markt neue Quellen eröffnen, wie schon das Modell Louvre Abu Dhabi sowie die Etablierung von Messen und Biennalen im asiatischen und arabischen Raum anzeigen: die neuen Reichen sind bequeme Kunden! Muss das aber auch die Haltung unserer Kunstmuseen sein? Also: Wollen wir diesem Kulturimperialismus folgen?

Nachdem bereits die Idee einer vermeintlichen „Weltsprache der Abstraktion“ unerwartete Probleme aufgeworfen hat, sollten wir nicht so naiv sein zu glauben, dass die Fotografie unschuldiger sei. Hinzu kommt der entscheidende Punkt: wir reden von Fotografie nicht in einem kulturgeschichtlichen Sinne, sondern im Kontext eines Kunst-Begriffes, der sich seiner westlichen Prägung bewusst sein sollte. Es ist immer politisch korrekt bequem und opportun dessen Verengungen anzuprangern, allerdings endet diese Kritik zumeist in sich selbst und weist keine wirklichen Wege, wie das Blickfeld erweitert werden kann – sofern überhaupt reflektiert wird, dass man ohne Grenzen gar nichts sehen kann! Oder steht hinter diesen Wünschen vielleicht das Ideal eines gottes-ähnlichen Überblicks?

Nein, bitte: wem nützt eine Ausstellung künstlerischer Fotografie aus Indien, Neuseeland oder Paraguay und wer ist überhaupt in der Lage eine solche zusammenzustellen? Seien wir uns darüber im Klaren: das bloße Interesse an anderen Kulturen, die Freude über die Begegnung mit Menschen und sogar unsere Bemühungen um eine „Willkommens-Kultur“ haben vielleicht etwas mit einem erweiterten Kulturverständnis zu tun, aber noch nichts mit Kunst. Eben dies sollten die Kunst-Museen, Wissenschaftler und Autoren im gut gemeinten Übereifer nicht vergessen. Wir haben bereits Museen für Weltkulturen. Sollten die Kunstmuseen glauben, sie könnten heute auch noch diese ersetzen?

 

Stefan Gronert

…ist Kurator für Fotografie am Sprengel Museum Hannover

 

1 Kommentar zu Kunstmuseen, Fotografie und Globalisierung – Keine einfache Gleichung

  1. Ja, Globalisierung und Museum ist ein komplexes Thema, die Fotografie nicht mehr als ein winziges Unterkapitel. Exotismus-Bedürfnisse nicht unreflektiert einfach so zu bedienen, gehört, sollte man meinen, zu den Selbstverständlichkeiten verantwortungsvoller Museums- und Ausstellungsarbeit. Großausstellungen nach dem Motto „Alle, die in China fotografieren“ sind doch eh eher Phänomene der Außen- uns Wirtschaftspolitik und haben mit ernsthafter Wahrnehmung des Gegenüber nichts zu tun geschweigen den mit Kunst, oder?
    Andererseits hat sich, im Bereich ‚FotoFoto’, die deutschsprachige Theorie erst sehr spät Themen der sogenannten ‚otherness’ angenommen – wie sie etwa im englischsprachigen Raum, bedingt durch die Auseinandersetzung mit Kolonialgeschichte, Genderdebatten, den unterschiedlichen civil-rights-Bewegungen etc. schon weitaus früher diskutiert wurden.
    Wer von außen, heißt aus dem nicht-westlichen, nicht USA-dominierten Kulturraum in die Bundesrepublik kam, wurde (wird?) nicht selten als bedauernswerter da unterbemittelter, sich doch bitte gefälligst schleunigst als anpassungsfähig zu erweisender Exot betrachtet. Dieses Land hat an manchen Ecken immer noch die Tendenz, davon auszugehen, dass es doch 1968 gegeben habe und damit auf alle Zeit „alles in Butter“, oder besser in Olivenöl wäre, man doch eh besser als alle anderen wisse, was Sache ist, wie Demokratie gehe. Das fällt der Demokratie gerade eben gehörig auf die Füße.
    Gerade daher ist jedes Quäntchen zugewonnenes ernsthaftes Interesse am sogenannt ‚Anderen’ auf AUGENHÖHE erfreulich. Der Angst vor der ‚Überfremdung’ sogenannt deutscher Kultur, ja eh ein Produkt unterschiedlichster Migrations- und Austauschbewegungen, soll hier sicher nicht das Wort geredet werden. Was dann Kunst genannt wird oder auch nicht, ist dann doch eh nochmal eine andere Sache.
    Dass und wie die Museen – die immer größer werden, während sich die traditionellen Zielgruppen auflösen bzw. sich lieber im Netz als im Museum treffen – mit den Veränderungen umgehen, ohne Tagespolitik plus Eventtauglichkeit zum Maßstab für künstlerische Qualität zu erklären, und ohne mindestens 5stellige Beträge in die Digitalisierung investieren zu können, ist ein Thema, das da drüber liegt.
    Die immer größer werdenden Museen müssen ihre Vermittlungs-Ressourcen stärken. Das ist unabdingbar, um ihre so besonderen Potentiale als Orte der Auseinandersetzung mit unterschiedlichsten Selbst- und Welterfahrungen aktiv zu machen, zu halten.

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